George Orwell: 1984

„I do not believe that the kind of society I describe necessarily will arrive, but I believe that something resembling it could arrive.”
George Orwell über 1984

Als George Orwell 1946 mit seinen ersten Arbeiten am Roman 1984 beginnt, steht er noch unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges, in dessen letzten Monaten Orwell als Kriegsberichterstatter tätig war. Bereits 1937 kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg, den er nur sehr schwer verletzt überlebte. So gehörten totalitäre Systeme und skrupellose Machthaber zum unmittelbaren, realen Erfahrungshorizont des Autors. Viele Aspekte seiner Warnutopie 1984 entstammen daher einer übersteigerten, weitergedachten, aber auch damaliger Wirklichkeit.

Galt 1984 bei seinem Erscheinen 1949 als äußerst negative Zukunftsfantasterei, so musste ich feststellen, dass Orwell in mancher Hinsicht die heutige Realität erschreckend gut beschrieben hat. Überwachungskameras, die uns (beinahe) überall hin verfolgen können, Massenspeicherung sensibler Daten, biometrische Ausweise, die weit mehr von uns Verraten, als den Namen, GPS-Signale etc. lassen George Orwells Horrorvision eines totalitären Überwachungsstaates Bestandteil unserer Realität werden. Doch ganz so schlimm ist es ja nicht. Wir leben nicht in einer Welt, in der wir uns ständig im Krieg befinden, Zuhause können wir uns unserer unüberwachten Privatsphäre sicher sein und unsere Meinung wird uns auch nicht vorgeschrieben. Tatsächlich? Auch wenn wir keine Bombenangriffe hautnah erleben, so wird uns doch immer wieder die Notwendigkeit militärischer Einsätze suggeriert – zum Schutze der Demokratie oder um Verbündeten beiseite zu stehen oder um eigene wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Auch ist die Überwachung des Einzelnen längst im eigenen Wohnzimmer angekommen – Abfangen und Speichern von Daten sind im Internetzeitalter ebenso Normalität wie das Abhören von Telefonaten von Verdächtigen durch die Polizei. Selbst unsere Meinung wird durch die Medien beeinflusst. So zeigt sich, dass Orwells Welt noch realer ist, als es auf den ersten Blick scheint.

George Orwell selbst nannte die nach seiner Meinung beiden Hauptmotive für das Verfassen von Prosa: den historischen Impuls und den politischen Zweck. Nach Orwells eigener Aussage ist jede Arbeit, die er nach 1936 verfasste, gegen Totalitarismus gerichtet. Der politische Aspekt von 1984 ist unübersehbar und steckt in beinahe jeder Zeile des Buches. So gelang es Orwell, einen beispiellosen Negativ-Staat zu kreieren und damit den totalitären Staat und unangreifbare Machtinhaber anzuprangern. Heute, mehr als sechzig Jahre nach Erscheinen von 1984, ist Orwells Roman nicht minder aktuell. Zu den politischen Aspekten kommt heute der technische Fortschritt, der 1984 noch realer werden lässt. Mich als Leser ließ 1984 am Ende nachdenklich und sprachlos zurück.



Hanna Ermisch, 2011

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