Der Aufstieg von David zu Goliath


„Unsterblichkeit. Ich würde gerne noch ein paar hundert Jahre leben, und alles erreichen was ich möchte.“

Diesen Satz von Stan Lee (*1922 als Stanley Lieber) könnte man auf die Geschichte von Marvel beziehen, die zeitweilig nicht sehr Erfolg versprechend war. Heute erlebt der Verlag eine Blütezeit. Da kann man es Stan Lee, mittlerweile 78 Jahre alt, nicht verdenken, dass er gerne noch ein paar Jahre zusätzlich hätte. Zum Zusehen, Genießen oder weiterem Mitwirken.

Zwischen 1939 und 1945 gab es circa zwei Dutzend Verlage und 160 verschiedene Superheldentitel. Die Auflagen umfassten 300 Millionen Hefte, der Jahresumsatz betrug 30 Millionen Dollar. DC war auch damals nicht einer derjenigen Verlage, die am Hungertuch nagten. Marvel Comics also als Konkurrent von DC? Unvorstellbar. Damals.

Aber…

1939, Marvel Comics nannte sich damals noch Timley Comics, arbeitete ein gerade einmal 17-jähriger Teenager namens Stanley Lieber als Texter besagter Firma, während man andernorts immer noch den Erfolg der Erfindung eines gewissen Supermans feierte – und das schon seit gut einem Jahr. Timley Comics suchte nach einer Patentformel für den Verlag und gegen die Konkurrenten. Als loyaler Amerikaner glaubte man auf den Wassern des Patriotismus richtig zu segeln. Captain America war geboren, ein ausgemusterter Soldat, der sich durch ein Experiment perfektionieren ließ und vom amerikanischen Patriotismus getragen gegen Japan und Nazideutschland kämpfte. Heute weltweit bekannt, konnte die Familie damals weder Superman noch Batman die Stirn bieten.

Auch die 50er Jahre machten es Marvel nicht einfach – so wie keinem Comic-Verlag. Unter McCarthy wurden den Comics der Stempel verpasst, der noch heute gern von nicht fachkundige Menschen als Kontra-Argument genutzt wird: Schund, Zeitverschwendung, etwas für Kinder, aber oftmals nicht kindgerecht und mit Gewalt verherrlichenden Darstellungen und schädlichem Einfluss auf diese. Man gründete eine Zensurbehörde für Comics (die Comic Code Authority) und hoffte, dem Einhalt zu gebieten.

In den 60ern änderten sich bei Marvel zunächst einmal zwei Dinge: Aus Stanley Lieber wurde Stan Lee, aus Timley Comics Marvel Comics. Und auch das Konzept wurde überarbeitete. Marvel (unter dem Namen Atlas Timley), der mittlerweile auf der Monster-/SF-/Romatik-Comics-Welle schwamm, setzte nun auf das Format Superhelden. Dies kam nicht von ungefähr, hatte man doch beim Konkurrenten die Wiederbelebung von u.a. dem Flash und dessen Erfolg miterlebt. Zusammen mit Jack „King“ Kirby, der schon zu Atlas-Timley-Zeiten illustrierte, entwarf Stan Lee Die Fantastischen Vier. Menschen mit Superkräften, aber auch alltäglichen Problemen. Kurzerhand wurde sogar dem ursprünglichen Androiden des Quartetts ein Menschencharakter „gebastelt“, um ihn realistischer wirken zu lassen. Und während die Superhelden bei DC den Bösewichten in fiktiven Städten wie Gotham City den Kampf ansagten, schleppten sich die Marvel-Helden, viele von ihnen mit kilogrammschweren Problemen im Gepäck, durch die Straßen von New York. Der Erwerb der Superkraft und der problematische Umgang mit ihr, Liebschaften, Hochzeiten, die Auseinandersetzung mit Verlust und Trauer, sowie Streit und Konfrontationen, Marvel spielte diese Erfolgskarte aus und produzierte in den nächsten Jahren viele weitere Superhelden, u.a. Hulk und die X-Men. Sogar Thor bekommt eine Rolle bei Marvel. Doch ist er nicht der gefürchtete Gott, den man aus der Nordischen Mythologie kennt, sondern ein etwas gebrechlicher Arzt. Auch besitzt er keinen großen Palast wie den in Asgard, sondern leidet an überwältigendem Liebeskummer. Das nur am Rande. Eine viel bedeutendere Figur erblickte 1963 die Comicwelt: Peter Parker, bekannt auch als Spiderman. Ein Publikumsmagnet, ein Identifikationscharakter: ein Außenseiter, auf dessen Kosten die Späße seiner Mitschüler gehen, ein Zurückgezogener, der keinen Erfolg bei Frauen hat und auch später in seinem Beruf der Tyrannisierte bleibt und seinen Alltag nur dürftig regeln kann. Aber eines verändert ihn: der Biss einer radioaktiven Spinne, der ihn zu einem Superheld ohnegleichen macht.

Marvel und der Weg nach oben

In den 70er stagnierte das öffentliche Interesse an Superhelden. Stan Lee arbeitete weniger und gab seine von ihm geschriebenen Serien an andere Autoren ab. Chris Claremont peppte die X-Men-Serie auf und Jim Shooter (Editor in Chief bei Marvel) tat dasselbe mit den Verlagsstrukturen. Er hatte die Idee zu so genannten „Crossover-Events“, um die Leser zum Kauf anderer Marvel-Comics zu verführen, indem er verschiedene Geschichten durch mehrere Serien laufen ließ. Marvel erreichte ein neues, höheres Niveau.

1981 verschaffte sich Frank Miller, der zuvor schon mit zwei Teilen einer Spiderman-Comicreihe einen Fuß in Marvel gesetzt hatte, mit der Serie Daredevil gänzlich Zugang zum Verlag (1985 erschien dann auch Punisher). Seinen für ihn charakteristischen, düsteren Schwarz-weiß-Stil kennt man spätestens seit 2005 aus dem von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez produzierten Film Sin City.

Anfang der 90er verließen viele Zeichner ihre Verlage und gründeten ihre eigenen (z.B. Image Comics), was einen regelrechten Bedarf zur Folge hatte. Ron Perelman, der 1988 Marvel gekauft hatte und damit an die Börse gegangen war, verschaffte dem Verlag durch die steigende Nachfrage an Comics eine vielfache Titelproduktion. Das meistverkaufteste Heft in der Geschichte der Comics, die Erstausgabe einer zweiten monatlichen X-Men-Serie, die sich acht Millionen Mal verkaufte, fiel ebenfalls in diese Zeit. Leider platzte Mitte der 90er die Spekulationsblase und beförderte den Verlag beinahe in den Bankrott. Marvel brauchte frischen Wind und (wieder einmal) neue Konzepte. Beides brachte Isaac Perlmutter mit (Vorstandsvorsitzender von Marvel), mit der Unterstützung anderer Schreiber und Produzenten. Die Aufgabe bestand darin, den Verlag wieder umsatzstark zu machen. Also erdachten man sich die so genannten Ultimate Comics, in dem die traditionellen Marvel-Superhelden dem Leser zwar wieder unter die Augen traten, deren Geschichten aber jeglichen Bezug zur Vergangenheit entbehren. Der Grund für Marvel bestand einfach darin, dass es dem heutigen Leser schwer fallen könnte, die neuen Geschichten ohne jegliches Hintergrundwissen nachzuvollziehen, denn viele Figuren stammen ursprünglich aus den 60er Jahren.

Und am Ende kam Disney

Den amerikanischen Filmproduzenten Avi Arad 1993 mit der Rolle des Kontrolleurs zur filmischen Umsetzung zu beauftragen, erwies sich als Glücksgriff. 1998 spielte Blade fast das Dreifache seines Budgets von 45 Millionen Dollar ein. Als nächstes folgten X-Men und die Fortsetzungen von Blade. 2002 dann der größte Marvel-Erfolg: Der Kinofilm Spiderman, mit 821 Millionen Dollar Einspielquote. Klar war spätestens da: Es musste eine Fortsetzung her (umgesetzt 2004). Und dann noch eine (2007). In Planung befinden sich bereits die Teile Spiderman 4 und Spiderman 5. Ironman konnte man sowohl 2008 als auch 2010 auf der Leinwand begutachten. Außerdem sind dem Publikum für das Jahr 2011 (bisheriger Stand) die Abenteuer von Captain America und den Avengers versprochen.

Marvels Umsatzzahlen steigen wie nie zuvor. Zahlreiche Comic-, sowie Film- und Videospiellizensen und Merchandisingprodukten bringen jährlich mehrere hundert Millionen. Dies mag auch der Grund für die WDC (Walt Disney Company) gewesen sein, den Verlag 2009 für vier Milliarden Dollar in den eigenen Haushalt aufzunehmen.


Dana Hartz und Anna Walz-Holstein

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