Pablo Neruda: 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung

Vorgestellt von Nadine Rakow

„Ja, ich liebe sie nicht mehr, liebe sie vielleicht doch noch.
So kurz dauert die Liebe, und so lang das Vergessen.

Denn in Nächten wie diese hielt ich sie in den Armen.
Mein Herz kann es nicht fassen, daß ich sie nicht mehr habe.“

Mit gerade einmal 20 Jahren veröffentlicht der chilenische Dichter Pablo Neruda 1924 diesen Gedichtband. Seine zweite Veröffentlichung verhilft Neruda erstmals zu einem Namen als Dichter in Chile. Schon bald wird er zu einem der meistgelesensten Lyriker Chiles und bleibt nicht nur im spanischsprachigen Raum beliebt. Spätere Werke wie „Spanien im Herzen“ und sein politisches Engagement gegen Faschismus sind in diesem Band jedoch noch nicht abzusehen.

Die Gedichte sind unverkennbar das Werk jugendlicher Leidenschaft, sie sind meiner Meinung nach aber nicht als einfache Liebesgedichte zu bezeichnen, wie der Titel es vermuten lässt. Vielmehr lässt Neruda den Leser an einer Gefühlswelt teilhaben, die so typisch für sein Alter ist. Euphorische Liebe und Sehnsucht sind ebenso Motiv der Gedichte wie Melancholie, Angst und Verzweiflung - über den Verlust und die Einsamkeit. So schreibt er zwar geradezu Lobhymnen für Frauen, allerdings haben sie nahezu immer einen Beigeschmack, denn Neruda betont wieder und wieder seine Traurigkeit, spricht von Abschieden und Vergänglichkeit. Liebe geht einher mit einer Form von Schmerz und selten liest man vom reinen Glück.

„Einsam war ich, ein Tunnel. Vor mir flohen die Vögel,
und Nacht brach in mich ein mit ihren Schattenmassen.“

Während er über vergangene, unerwiderte und leidenschaftliche Liebe schreibt, wird auch immer wieder die Liebe zur Natur seiner Heimat deutlich. Wie ganz nebenbei malt er wunderschöne und mächtige Bilder Chiles in die Köpfe der Leser. Diese schafft er mit naturbezogenen Metaphern, wenn er Liebe und Sehnsucht beschreibt, aber auch mit direkten Beschreibungen der Natur. So bringt er dem Leser die Wildnis Chiles mit seinen Bergen, Winden und Wassern näher.

„Sieh doch die Einsamkeit, der du so fern bist!
Es regnet. Meereswind jagt die schweifenden Möwen.

Das Wasser wandelt barfuß durch die verregneten Gassen.
Über den Baum da klagen, wie Kranke, seine Blätter.“

Jedes einzelne Gedicht ist gefüllt mit geballter Emotion. Neruda fesselt mit völliger Hingabe zur Liebe und das in einer eleganten Einfachheit, denn er schafft es, sich nicht in komplizierten Konstrukten und Sinnbildern zu verlieren. So lässt er zumindest mein Herz niemals ungerührt.

Nadine Rakow, 2017

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