Edward Morgan Forster: A Room With a View

Die Heldin des Romans Ein Zimmer mit Aussicht von E. M. Forster trägt den Namen Lucy Honeychurch. Mit dieser Information könnte ich meinen Text im Grunde auch schon abschließen. Wenn die Protagonistin mit einem derartig klangvollen, verheißungsvollen Namen gesegnet ist, ist es dem Roman doch quasi vorherbestimmt, rundum bezaubernd zu sein.

Nun, Lucy Honeychurch ist eine junge Engländerin auf Italienreise. Ihre Tante Charlotte begleitet sie als Anstandsdame. In Florenz wurden ihnen eigentlich Zimmer mit Aussicht auf den Arno zugesichert. Doch die Signora (mit enttäuschendem Cockney-Akzent, das hätte man ja auch in London haben können), hat einen Fehler gemacht. Weit voneinander entfernte Zimmer und Fenster zum Hinterhof sind die Folge. Und zu allem Überfluss wurde von dem zum Abendessen servierten Fleisch bereits eine Suppe gekocht. Doch die Ritter in strahlender Rüstung nahen: Die Emersons, Vater und Sohn, ebenfalls Engländer zu Gast in der Pensione, bieten den Damen ihre rundum vollkommenen Zimmer zum Tausch an. Tante Charlotte jedoch ist entsetzt. Wo bleibt denn da die Sittlichkeit! Aber letztendlich wendet sich doch alles zum Guten. Mr. Beebe, ein Pfarrer, den die Damen aus der Heimat kennen, wird zum Vermittler. Lucy und Charlotte bekommen ihre Zimmer mit Blick auf den Fluss, und Vater Emerson ist zufrieden.
Lucy erlebt allerhand Abenteuer auf ihren Entdeckungsreisen durch Florenz. So wird sie von einer Schriftstellerin auf Abwege geführt und steht plötzlich ohne Baedeker in Santa Croce! Da weiß man ja gar nicht, welche Fresken einem gefallen sollen! Auch Zeugin einer Bluttat wird sie, aber zum Glück ist der junge George Emerson zur Stelle, um die in Ohnmacht fallende Lucy aufzufangen. Doch nicht nur das: Als die Reisegruppe aus der Pensione auf einem Hügel außerhalb von Florenz die Aussicht genießen will, kommt es zum Kuss zwischen Lucy und George! Zum Glück ist Tante Charlotte nicht weit und kann Schlimmeres verhindern. Eine sofortige Weiterreise nach Rom ist selbstverständlich unausweichlich.
Zurück in England nimmt Lucy den (inzwischen dritten) Heiratsantrag des prätentiösen aber gesellschaftlich überlegenen Cecil Vyse an. Doch kurz darauf ziehen, welch Zufall, die Emersons ganz in die Nähe! George hegt noch immer Gefühle für Lucy, während diese sich scheinbar hoffnungslos zwischen Erwartungen, Versprechungen und Sehnsüchten verliert.
Ein Zimmer mit Aussicht ist ein einziger Genuss. Sprachliche Perfektion in geschliffenen Sätzen und vollendetem Ausdruck, hintersinniger Humor, feine Gesellschaftskritik und eine hinreißende Liebesgeschichte. Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Zum immer wieder Lesen, zum immer wieder Verlieben.

AKSchmitt, 2013

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