William Faulkner: Absalom, Absalom!

Vorgestellt von Sven Arne Ohlwein

Ein Tagebuch

Sommer 2015:
Die Herbstvorschau des Rowohlt Verlags trudelt in unserer Buchhandlung ein. Viel mehr als den neuen Jonathan Franzen als Spitzentitel des Programms, interessierte mich die Ankündigung einer Neuausgabe von William Faulkners Familiensaga „Absalom, Absalom!“ in toller Ausstattung und in neuer Übersetzung von Nikolaus Stingl. Da ich nach und nach meine Lektüre für das Projekt „Internationale Literatur“ „abarbeiten“ wollte, ich unbedingt mal Faulkner lesen mochte und dieser Roman mehr als nur interessant schien (Rowohlt pries ihn als Faulkners wichtigsten Roman überhaupt an), bestellte ich mir das Buch vor. Ich erwartete ein besonderes Buch zu lesen, ein bedeutendes Werk der amerikanischen Literatur. Dahingehend wurde ich nicht enttäuscht. Es wurde allerdings ein Kampf.

Ich informierte mich: William Faulkner galt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller. Er erhielt 1950 den Nobelpreis für Literatur und wurde damit besonders für „Absalom, Absalom!“ gewürdigt. Sein großes Thema waren die amerikanischen Südstaaten.

25. September 2015:
Endlich halte ich die Neuausgabe in den Händen und beginne mit der Lektüre. Sofort beginne ich Faulkners Sprachstil zu lieben, seine langen, verschachtelten, mich an Thomas Mann erinnernden Satzkonstruktionen. Allein der erste Satz des Romans reicht über vierzehn Zeilen. Doch schon nach wenigen Minuten erkenne ich: Faulkner macht es dem Leser extrem schwer in die Geschichte einzusteigen. Es dauert bis man weiß wo man überhaupt ist, wer hier überhaupt erzählt und warum. Klar wird: Vom Niedergang einer Familie wird berichtet. Wichtigste Person in diesem 470 Seiten starken Roman ist Thomas Sutpen, der im Jahr 1833 urplötzlich in der Kleinstadt Jefferson im Bundesstaat Mississippi mit einer Heerschar von Sklaven auftaucht und beginnt eine Villa zu errichten, genannt „Sutpen’s Hundred“. Die Bewohner der Stadt sehen dem Treiben vor den Toren derselben skeptisch zu.

03. Oktober 2015:
Tag der Deutschen Einheit. Erst gut 60 Seiten des Romans sind geschafft bzw. überstanden. Es dauert mehrere Minuten bis man eine Doppelseite bezwungen hat, was nur minimale Fortschritte erlaubt. Besonders die Erzählperspektive macht Schwierigkeiten, da sie mehrmals im Roman wechselt. Dabei handelt es sich auch noch um unzuverlässige Erzähler, die nicht alle Details der Geschichte kennen, sie durch Hörensagen erfahren haben und manchmal auch nur geschönt oder im Ärger die Handlung wiedergeben. Der Leser muss nun alles zusammenpuzzeln. Ein toller Ansatz, aber sehr ermüdend. Daraufhin lege ich das Buch erst einmal zur Seite.

12. Januar 2016:
Urlaub und damit Zeit zu lesen. Drei Bücher habe ich in dieser Woche schon geschafft, also kann ich nun auch mal wieder „Absalom, Absalom!“ zur Hand nehmen. Leider ist mir die Handlung kaum noch präsent, sodass ich noch einmal von vorne anfangen muss. Mit mehr Kenntnissen von Personen und Geschichte fällt mir die Lektüre allerdings viel leichter. Meistens macht das Lesen nun sogar Spaß. Thomas Sutpen hat seine Villa nun so gut wie fertiggestellt. Auch hat er erste Vorbereitungen zum Anlegen einer Baumwollplantage getroffen. Was ihm noch fehlt ist eine Frau an seiner Seite. Er heiratet Ellen Coldfield, die nur unter Tränen die Hochzeit übersteht. Sutpen ist nicht der Mann, den sie sich vorgestellt hat. Die Hochzeit soll ein großes Fest werden, doch von den geladenen Gästen kommt fast niemand und die Bewohner von Jefferson bewerfen das Paar mit Dreck. Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Neuankömmling hat sich in offene Feindschaft entwickelt. Fast hundert Seiten habe ich nun erreicht, doch dann wechselt erneut die Perspektive.

23. März 2016:
Nur im Schneckentempo geht die Lektüre voran. Immer wieder kommen aktuelle Neuerscheinungen dazwischen, die zuerst gelesen werden müssen. Ellen Coldfield hat Sutpen derweil zwei Kinder geboren: Henry und Judith. Doch Ellen stirbt während des Amerikanischen Bürgerkriegs. Ihre Schwester Rosa Coldfield kommt daraufhin zur Unterstützung der Kinder nach Sutpen’s Hundred. Es ist diese Rosa Coldfield die im hohen Alter im Jahr 1909 die Familiengeschichte Quentin Compson anvertraut. Eine Person, die man bereits aus Faulkner Roman „Schall und Wahn“ kennt. Erst langsam wird mir klar, dass wir hier auch noch eine neue Zeitebene haben. Es wird alles noch komplizierter.

17. Mai 2016:
Alles noch mal auf null: Ich beginne zum dritten Mal von vorne mit der Lektüre dieses Buches. Dieses Mal nehme ich mir ein festes Pensum an Seiten vor, die ich am Tag schaffen will. Das klappt anfänglich auch sehr gut.

30. Juni 2016:
Zwischen dem Roman und mir hat sich eine Hassliebe entwickelt. Jeden Morgen sehe ich das Buch auf meinem Tisch liegen, sehe wie es mich angrinst. Ich grinse zurück: „Irgendwann werde ich dich bezwingen.“ Sutpens Sohn Henry ist derweil an der Universität. Dort lernt er Charles Bon kennen, der ihn zu Hause besucht. Hier trifft Charles auf Henrys Schwester Judith und beide verlieben sich ineinander. Doch die Beziehung muss verhindert werden. Denn Charles ist Sutpens Sohn aus erster Ehe, die er mit einer Haitianerin führte und die er verließ, als er merkte, dass sie schwarzer Herkunft war. Dass Sutpen bereits verheiratet war und auf Haiti lebte war bis dahin nicht bekannt, so erklärt sich aber auch seine Heerschar getreuer Sklaven. Bruchstückhaft wird die Geschichte nun klarer.

September 2016:
Seit einem Jahr lese ich an diesem Roman. Faulkner ist quasi mein Proust.

05. Dezember 2016:
Ich lese „The Girls“ von Emma Cline, ebenfalls von Nikolaus Stingl aus dem Englischen übertragen. Stingl gebürt ein großes Lob für seine Arbeit an „Absalom, Absalom!“. Ihm ist es gelungen den Stil Faulkners perfekt ins Deutsche zu übertragen. Es muss eine schwerfällige Arbeit gewesen sein, diese Saga zu übersetzen.
Die Ehe zwischen Charles und Judith ist verhindert: Henry hat Charles erschossen, nachdem er herausgefunden hat, dass beide Halbgeschwister sind. Oder ist alles ganz anders: Geht es nur um Charles „Negerblut“. Deutungen sind in alle Richtungen möglich. Auch Sutpen geht es an den Kragen: Nachdem er eine Tochter mit einer seiner Sklavinnen hat (Clytemnestra, die noch wichtig für den Niedergang werden wird), hat er außerdem die fünfzehnjährige Milly Jones geschwängert. Nach der Geburt des Kindes werden Sutpen, Milly und das Kind durch ihren Großvater mit einer Sense ermordet. Thomas Sutpen ist also tot. Doch die Geschichte geht weiter.

19. Januar 2017:
Endspurt, denn langsam wird es knapp das Buch vor dem nächsten Schulblock fertig zu bekommen (und bis dahin muss ich definitiv durch sein). Mir gelingt es unzählige Seiten am Stück zu lesen. Aber nur wegen des Drucks, nicht wegen der Freude an der Lektüre.

03. Februar 2017:
Es ist vollbracht! Nach fast anderthalb Jahren habe ich „Absalom, Absalom!“ beendet und bin stolz auf mich. Clytemnestra hat Sutpen’s Hundred niedergebrannt. Henry stirbt bei diesem Feuer. Er hinterlässt keinen Erben und hat damit die Familie auf dem Gewissen. Henry ist somit endgültig der Vatermörder. Ein Hinweis auf die titelgebende Geschichte des Königs Abschalom aus der Bibel, dessen Sohn gegen den Vater in den Krieg zog. Aber auch Judith hat nach dem Tod von Charles nicht geheiratet. Die Familie lebt nur noch durch Rosa Coldfield weiter, doch auch diese stirbt 1910 in hohem Alter. Doch die Geschichte vom Niedergang der Sutpens geht nicht vergessen, denn Rosa gab sie an Quentin weiter, der sie wiederum einen Studienfreund erzählte.

Am Ende muss ich zugeben: „Absalom, Absalom!“ ist wirklich ein großartiger Roman, eine richtige Great American Novel. Die Geschichte ist vielschichtig, detailreich und überzeugt durch Faulkners eindrucksvolle Sprache. Die Lektüre erfordert Arbeit, wie man an diesem Tagebuch gesehen hat, lohnt aber ungemein. Unzählige Personen und schließlich auch Tote begegnen dem Leser bei der Lektüre. Zum Glück gibt es im Anhang des Buches eine Genealogie. Denn diesen Stammbaum braucht es auch um die vielen Personen in die jeweiligen Generationen einzuordnen. Arbeit hat die Lektüre also gemacht. Aber die Arbeit hat sich gelohnt.

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