Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

vorgestellt von Anna Niedieck

Sehr geehrte Frau Kressmann Taylor,

mit großem Interesse und ebenso großer Bestürtzung habe ich Ihr Buch „Adressat unbekannt“, einen Briefwechsel zwischen Max Eisenstein und Martin Schulse, gelesen, das 1938 erstmals im New Yorker Story Magazine erschien. Es ist erschreckend, wie schnell eine geschäftliche Partnerschaft und gleichzeitig private Freundschaft aufgelöst sein kann; erschreckend, wie schnell sich die Gesinnung eines lieben Menschen ändern kann. Doch der Reihe nach.

Der Jude Max Eisenstein und der Deutsche Martin Schulse leben vor Beginn des Briefwechsels in Amerika, führen gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie. Martin ist gar mit Grisell, der Schwester von Max, liiert. 1932 geht Martin mit seiner Frau und den Kindern nach Deutshland zurück, während Max die Geschäfte weiterführt. Sie schreiben sich überaus freundschaftliche Briefe. Max erwartet, dass Martin in Deutschland eine Demokratie vorfindet. Stattdessen erreichen den in Amerika gebliebenen schnell die Nachrichten über Adolf Hitler, der an die Macht strebt, was ihm mehr als missfällt. Doch auch Martin ist plötzlich ein anderer, lässt sich von der Propaganda, dem „begnadeten Redner“ (S.22), beeindrucken. Er bekleidet von nun ein Amt im öffentlichen Dienst und arbeitet in der neuen Regierung (vgl. S.22). Zu dem Zeitpunkt zweifelt er noch an dem, was in Deutschland passiert, ob Hitler wirklich der richtige ist. Doch er wagt es nicht, diese Zweifel zu äußern. Nur vier Monate später traut sich Martin nur noch auf Geschäftspapier an seinen Freund zu korrespondieren. Max solle, falls Kontakt unausweichlich sei, den Brief Bankauszügen beilegen und keinesfalls an die Privatadresse schreiben (vgl. S.29). Noch im selben Brief bezeichnet er die „jüdische Rasse“ als „Schandfleck für jede Nation“ (S.30), ganz so als spräche er über irgendwen; als habe er vergessen, dass sein bester Freund selber Jude ist. Er wirft Juden vor, nicht handlungsfähig zu sein, wenn es drauf ankäme. Ein letztes Mal wird Martins Hilfe erbeten, als Max' Schwester Grisell in Gefahr ist. Doch diese stirbt Ende 1933 auch durch die Mitschuld Martins. Max erhält darauf den letzten Brief an seine Schwester mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ zurück. Im Folgenden beweist Max jedoch, dass Juden sehr wohl handlungsfähig sind. Er schickt weiterhin Briefe an Martin, bringt ihn damit bewusst in Gefahr. Als es dann für Martin um Leben und Tod geht, schreibt er an Max und apelliert an die langjährige Freundschaft, die er selber jedoch so vehement aufgekündigt hat. Max schreibt weiter. Zwei Briefe noch sind notwendig, um Martin zu Grunde zu richten. Der letzte Brief im März 1934 kommt mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ zurück.

Die anfängliche Freundschaft hat sich in Verzweiflung und schließlich in Bitterkeit und Hass gewandelt. Dies geschieht in einer Geschwindigkeit, die einen fassungslos hinterlässt. Wie kann sich die Gesinnung eines scheinbar vernünftig denkenden Menschen nur so schnell wandeln? Wie kann aus einem Freund plötzlich ein Feind werden? Wie kann man seinen Freund so verraten? Seinen Geschäftspartner, der mit verantwortlich für den Wohlstand ist, in dem man leben darf? Martins Art mit Max umzugehen ruft so viel Wut in mir hervor, dass ich ihn anschreien mag, wie er nur so falsch sein kann. Da ist Max' Reaktion nur zu verständlich und gibt einem auch als Leser eine gewisse Genugtuung. Der Inhalt ist das eine, aber das Wie das andere. Frau Kressmann Taylor, Sie haben weder davor noch danach je wieder von sich lesen lassen. Ihnen ist auf Anhieb ein Meisterwerk gelungen, das den Leser packt und noch lange nachdenken lässt, das zu Diskussionen anregt und das eigene Verhalten im Hier und Jetzt hinterfragen lässt. Tue ich genug, um die Wiederholung eines solchen Leidens, eines solchen Verbrechens zu verhindern? Des Weiteren ist es beeindrucken, wie Sie so viele Emotionen auf gerade einmal 63 Seiten verpacken. Es ist kein Wort, keine Zeile zu wenig, aber auch keine einzige zu viel. Überhaupt macht dieser Roman die Kraft der Worte sichtbar. Martin Schulse wird zu Grunde gerichtet ohne dass von Max' Seite Gewalt angewendet werden muss. Dem Buch liegt keine explizit bekannte wahre Begebenheit zugrunde und doch könnte es genau so passiert sein. Einige wenige Briefe sollen Sie dazu inspiert haben, diesen Briefroman zu schreiben. Es ist ein Buch, das leise daherkommt, schnell droht vergessen zu werden, was es aber absolut nicht verdient hat. Diesem Buch gebührt eine globale Aufmerksamkeit über Jahre und Jahrzehnte hinweg! Jetzt, wo die Überlebenden dieses Schreckens sterben, ist es besonders wichtig das Gedenken aufrecht zu halten. Deshalb plädiere ich dafür, diesen Roman in den Schulkanon aufzunehmen und dazu beitragen zu lassen, dass sich diese Geschichte niemals wiederholt! Vielen Dank für diesen außergewöhnlichen und bereichernden Roman.

Hochachtungsvoll

Anna Niedieck


Sensationeller Fund!

Eine Schachtel mit einem Briefwechsel zwischen dem Juden Max Eisenstein und dem Deutschen Martin Schulse aus den Jahren 1933-34 wurde an diesen Wochenende in der alten Galerie Eisenstein gefunden. Die Finderin ist eine Verwandte von Max Eisenstein und ist sehr erfreut über ihren Fund. In einem Interview erzählte sie uns von ihren langen Recherchen nach der Verbindung von Max Eisenstein und Martin Schulse. Mit diesem Fund hat diese endlich das Verbindungsstück gefunden: Max Eisenstein und Martin Schulse haben zusammen die Galerie Schulse-Eisenstein in San Francisco, Amerika gegründet. Die Familie Schulse kehrt dann aber wieder in ihr Heimatland Deutschland zurück. Schnell haben sie sich dort ein Ansehen aufgebaut, mit ihren Geld aus Amerika sind sie sehr vermögend. Die ersten Briefe, die sie mit den Eisensteins austauschen, sind noch voll Freundschaft und Wärme. Mit jedem Brief ändert sich aber die Haltung von Martin gegenüber Max. Grund dafür ist der Nationalsozialsozialismus, Hitler hat die Macht ergriffen und will das Land zu neuer Größe führen. Dafür muss aber erst der Schandfleck von Juden verschwinden.

Die Juden werden verfolgt, weggesperrt und systematisch ermordet. Max, der viele Geschichten von anderen Juden gehört hat, stirbt fast vor Angst um seine jüngere Schwester, die Schauspielerin in Deutschland ist. Er bittet Martin, um ihrer einstigen Freundschaft Willen, sich nach ihr zu erkunden. Martin lehnt es aber ab, aus Angst, dadurch sich und seine Familie zu schädigen; er bittet Max auch, ihm nicht weiter zu schreiben, weil alle Briefe kontrolliert werden. Kurz danach erreicht Max der Brief mit der Mitteilung, dass seine Schwester von SA Mitgliedern, bei Martins Anwesen ermordet wurde. In tiefer Trauer und wahrscheinlich auch Hass sind die nächsten Briefe an Martin mit Sinnlosen Texten beschrieben. Die Deutschen vermuten aber verschlüsselte Botschaften und Martin fleht Max an, mit seinen Briefen aufzuhören, um seiner Familie willen. Als Antwort bekommt er aber nur noch mehr Briefe. Am 3 März 1934 kommt der letzte Brief, den Max Eisenstein abgeschickt hatte, mit dem Poststempel „Adressat unbekannt“ zurück. Martin Schulse und seine Familie sind tot.






Wenn Sie selbst die Briefe gerne lesen möchten, kaufen sie sich das Buch. In „Adressat unbekannt “ (5,99€, ISBN 9783499230936) sind alle Briefe enthalten, zusammen mit einem Nachwort von Elke Heidenreich. Kathrine Taylor veröffentlichte das Buch unter dem Namen Kressmann Taylor.

  1. Rebekka Koesling, 16.02.2012, 20:59

Vorgestellt von Mareike Berg

„Adressat unbekannt“ - mit diesem Vermerk kommt der letzte Brief des Juden Max Eisenstein an seinen ehemaligen Freund Martin Schulse zu Max zurück und genau so endet auch der faszinierende Briefroman von Kressmann Taylor. Aber nun von Anfang an: Eisenstein und Schulse sind sehr gute Freunde und betreiben als Geschäftspartner eine Galerie in den USA. Der Deutsche Schulse kehrt 1932 mit seiner Familie nach Deutschland zurück und fortan betreiben die beiden einen häufigen Briefwechsel. Zu Beginn ist dieser sehr herzlich, doch schon nach wenigen Briefen wird die Veränderung Schulses deutlich, der sich immer mehr den Nazis und Hitler zuwendet. „Max, mein teurer alter Gefährte“ wandelt sich zu „Heil Hitler“. Als Schulse auch noch den Tod von Eisensteins Schwester, mit der er sogar einmal eine Affäre hatte und der er immer sehr verbunden war, durch die SS mitverschuldet, beginnt sich Eisenstein aus den USA an seinem ehemaligen Freund zu rächen. Er schreibt ihm regelmäßig weitere Briefe über angeblich getätigte gemeinsame Käufe und Ausstellungen von Bildern, obwohl Schulse ihn bittet, dies zu unterlassen, da es streng verboten war, mit Juden Kontakt zu haben oder gar Geschäfte mit ihnen zu tätigen. Schließlich kommt am 18.3.34 ein letzter Brief mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ an Eisenstein zurück – Martin Schulse ist tot.

Der Briefroman, zeugt trotz seiner lediglich 55 Seiten von unübertrefflicher Spannung und verdeutlicht die Kraft der Worte, denn nur durch verfasste Briefe rächt sich Eisenstein an einem Nazi und das ganz ohne Gewalt. Wenige Monate reichen aus, um eine tiefe Freundschaft zu zerstören und es ist erschreckend und grausam, wie schnell die Propaganda der Nazis die Denk- und Verhaltensweisen der Menschen verändert hat und sie die Augen vor den grausamen Verbrechen geschlossen haben. Es ist bewundernswert, wie Kressmann Taylor dies auf nur wenigen Seiten und lediglich in Briefform verarbeitet. Der Roman hat auch heute nicht an Aktualität verloren, denn immer noch herrscht weltweit Fremdenfeindlichkeit und Hass gegenüber Ausländern und Andersgläubigen. Kurzum: Ein Roman, der in jedes Bücherregal gehören sollte!

Mareike Berg, 2015

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt vorgestellt von Lisa Boob



Die beiden Freunde Max Eisenstein und Martin Schulse führten für einige Zeit zusammen die Kunstgalerie Galerie Schulse-Eisenstein in San Francisco.
Martin ist mit seiner Familie zurück nach Deutschland gezogen und lebt jetzt in einem großen Haus in München. Max dagegen ist in den USA geblieben und kümmert sich weiter um die gemeinsame Galerie.
Am 12. November 1932 sendet Max den ersten Brief nach Deutschland an Martin und so halten die beiden weiter Kontakt.
Mit dem Aufstieg Hitlers verändert sich die Freundschaft zwischen den beiden, denn Max ist Jude und Martin verlangt, dass sein früherer guter Freund ihm nicht mehr schreiben soll.
Max schreibt weiter und wendet sich in seiner Verzweiflung um seine kleine Schwester an Martin. Griselle ist Schauspielerin und befindet sich in Berlin. Max fürchtet um ihr Leben, da sie offen zugibt Jüdin zu sein.
Am 8. Dezember 1933 erhält Max eine Antwort von Martin, in welcher er berichtet wie Griselle ums Leben kam und bittet ernsthaft darum, dass Max ihm nicht mehr schreibt.
Max aber hört nicht auf zu schreiben und Martin empfängt Briefe aus denen klar wird, das er zu einem Juden Kontakt hat und sogar mit ihm Geschäfte macht.
Beides ist strengstens Verboten und so kommt es das Max den letzten Brief mit dem Stempel Adressat unbekannt zurück bekommt.


Ein meiner Meinung nach unglaublich guter, wenn auch kurzer Briefroman.
Fesselnd, spannend und aufwühlend zugleich. Gut zu lesen und man erkennt, wie schnell es geht nur mit Briefen innerhalb weniger Monaten eine Freundschaft zu zerstören.
Max schafft es, nur durch Worte in einigen Briefen und ohne Gewalt einen Nazi in den Tod zu treiben und sich so an ihm zu rächen.
1938 erschien dieser Roman erstmals und ist auch heute noch aktuell. Ich denke dieses Buch sollte eigentlich in jedem Bücherregal zu finden sein.

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