Agostino (Alberto Moravia, 1945)

Agostino verbringt seinen Sommerurlaub zusammen mit seiner Mutter, irgendwo an der italienischen Küste. Mit seinen 13 Jahren hat er noch nicht allzu viele Sorgen gehabt. Seine ausgesprochen hübsche Mutter kümmert sich um ihn, Geld ist immer da, ebenso ein großes Strandhaus und täglich liegt er am Strand oder rudert mit seiner Mutter auf das Meer hinaus. Doch eines Tages nimmt seine Mutter die Einladung eines jungen Mannes an, mit ihm auf See zu rudern, und das verändert nicht nur seine Mutter, die bislang solche Einladung stehts ausgeschlagen hat, sondern auch Agostino. Denn nun kommt dieser Mann jeden Tag, die beiden nehmen ihn im Grunde nur noch mit auf See, um den Schein zu wahren. Was die beiden hinter seinem Rücken anstellen, ahnt er mehr, als das er es wirklich weiß. In jede Fall weiß er mit den Gefühlen, die diese Situation in ihm hervorrufen, nicht umzugehen.

Aber dann trifft er Berto und die anderen Fischerjungs, durch Zufall, am Strand. Ein vollkommen anderer Typ Mensch, als er bisher gewöhnt war: jähzornig, brutal, derb, ungebildet, so 2-4 Jahre älter als er allesamt. Mit diesem Menschenschlag kommt Agostino das erste mal in Berührung, und das wortwörtlich: Gleich beim ersten Treffen wird er verhöhnt, beleidigt und verprügelt. Aber all das ist nichts im Vergleich zu der Aufklärungsstunde, die ihm die Jungs offenbaren. In aller Schamlosigkeit erzählen sie Agostino; was und mit wem es seine Mutter so treibt und was „es“ überhaupt ist. Unterstützende Handbewegungen inklusive. So richtig findet Agostino nicht die mittel, sich gegen derlei Angriffe zur Wehr zu setzen, die ganze Derbheit der Jungen erschrickt ihn. Auch die Gegenwart seiner Mutter erträgt er nicht mehr so recht. Die Unwissenheit kindlicher Liebe weicht einer ungefähren Kenntnis der Dinge, und zunehmend sieht er mehr die Frau in seiner Mutter. Sie aber immer noch den Jungen in ihm. Herzlich willkommen in der Pubertät. Und weil das nun mal eine unschöne Phase ist, will Agostino sie so bald als möglich hinter sich bringen. Mehr und mehr sucht er den Kontakt zu den Jungs vom Strand, erkämpft sich seinen Platz in der Gruppe, allein diese ungewisse Sache mit der Liebe lässt sicht nicht so recht aus der Welt schaffen. Derweil lädt seine Mutter sich ihren Besuch nach Haus ein. Nichts wünscht er sich nun, als die endgültige Loslösung von der mütterlichen Liebe, die ihn jeden Tag an sein Nicht-Mann-Sein erinnert. Und so kommt er zu einem Entschluss: knackt sein Sparschwein, erlügt sich von seiner Mutter 20 Lire und rennt mit dem ganzen Geld zum ältesten Jungen seiner Bande. Denn der hat mal verlauten lassen, er wüsste, wo sich Agostinos beschränkten theoretischen Kenntnisse durch praktische ergänzen ließen, und so ganz allein traut er sich dann auch nicht hin. Also laufen sie zu zweit zum nächsten Bordell. Bis hierhin kein schlechter Plan. Nur: mit seinen 13 Jahren wird Agostino natürlich nicht reingelassen! Ein flüchtiger Blick durch ein offenes Fenster, mehr ist nicht zu holen. Ein Gegengift zum Bild seiner Mutter lässt sich so nicht aufbauen, und so bleibt auch Agostino auf seinem Weg zum Mann-Sein nur der lange weg durch die Jahre. Bleib dran, Junge!

Matthias Oehler

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code agostino (erstellt für aktuelle Seite)