Wole Soyinka: Aké, Jahre der Kindheit

(erschienen 1981)

Wole Soyinka ist einer der bekanntesten Schriftsteller Afrikas. Er wurde 1934 in Nigeria geboren. Nach dem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften in England leitete er unter anderem eine Theatergruppe in Lagos, lehrte und forschte an nigerianischen Universitäten und wurde wegen politischer Aktivitäten 28 Monate in Isolationshaft gehalten. Nach seiner Freilassung lehrte er an den Universitäten Oxford, Sheffield (England) und Legon (Ghana). 1986 bekam er als erster Schwarzafrikaner den Literaturnobelpreis verliehen. 1998 kehrte er aus den USA nach Nigeria zurück.

In „Aké, Jahre der Kindheit“ beschreibt Wole Soyinka mit erstaunlichem Erinnerungsvermögen seine ersten 11 Lebensjahre (1934-1944). Sein Vater, ein gebildeter Mann und Direktor der örtlichen Volksschule, und seine Mutter, eine tüchtige Geschäftsfrau und gläubige Christin, erziehen ihren Sohn zwar ganz im Namen Gottes, doch auch der afrikanische Aberglauben findet seinen Einfluss auf den kleinen Jungen. Zusammen mit ihm erkundet man als Leser nach und nach das kleine Universum der Familie, der Schule (auf die er schon als 3-jähriger freiwillig ging), des Dorfes und schliesslich der höheren Schule. Wie ein Kind seine Umwelt erst langsam wahrnimmt, versteht und hinterfragt, so wird auch der Leser langsam in diese ihm vollkommen fremde Welt eingeführt. Durch das Erstaunen und Unwissen des Jungen ob der vielen neuen Dinge, die ihm begegnen, bekommt der Leser die Chance, ersteinmal eine wertfreie Beschreibung der Geschehnisse, Menschen und Orte zu erfahren. Trotzdem hinterfragt Soyinka mit kindlicher Naivität schon viele Verhaltensweisen der Erwachsenen und entlarvt ihre Widersprüchlichkeiten. Dies ist meiner Meinung nach ein grosser Vorteil dieser Erzählform, nämlich der Kindheitserinnerungen. Wir stehen während des Lesens staunend mitten drin in diesem fremden Leben und versuchen, durch Beobachten zu lernen und zu verstehen. Woles konsequentes Nachfragen und seine sehr früh entwickelte Neugier bezüglich der Rätsel seiner Umgebung verursachen bei den meisten Erwachsenen meist eher Verärgerung über dieses frühreife, intelligente Kind oder es wird nur kopfschüttelnd belächelt.

Soyinkas Sprache ist unglaublich dicht und reich. Trotz der vielen haarkleinen Beschreibungen von Natur, Gerüchen, Essen etc. ist das Buch für mich niemals langweilig geworden, weil der Autor so lebendig und wunderschön schreibt, dass man sich fühlt als wäre man dabeigewesen. Die vielen, zum Teil unübersetzbaren afrikanischen Wörter im Text haben meinem Verständnis keinerlei Abbruch getan, obwohl ich sie nicht im hinteren Teil des Buches nachgeschlagen habe wie es möglich ist.

Dieses Buch hat mir das Gefühl vermittelt, meinen Horizont im Hinblick auf afrikanische (nigerianische) Lebensweise erweitert zu haben. Es hat mir geholfen, einige für mich auf den ersten Blick zu verurteilende Verhaltensweisen, wie z. B. die Prügelstrafe, zwar nicht gutzuheissen, aber doch in einem anderen, kulturellen Kontext zu sehen. Ausserdem liest sich das Buch meiner Meinung nach leicht und ist sehr unterhaltsam, wenn man nur genug Geduld und Muße mitbringt, sich darauf einzulassen.

von Marte Rauert

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