Simone de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich

Nach dem Entschluss Simone de Beauvoir zu lesen, habe ich von vielen Seiten verschiedenste Meinungen zu der Autorin gehört. Und mit einiger Skepsis schlug ich dann auch das Buch auf. Auf der ersten Seite schon erwartete mich ein Zickenkrieg der besonderen Art… jedoch im Verlauf des Buches wurde ich immer weiter in die Handlung hineingezogen. Mir wurde beim Lesen die Freude am Dasein, an der Gegenwart wieder bewusst. Und wenn es in dem Augenblick nur das Liegen auf dem Sofa ist und das genießen der Lektüre. Man muss sein Leben leben, man hat nur das Eine. Und zum Glück endet es irgendwann :-)

„Alles, was man tut, vergeht eines Tages wieder, ich weiß. Und von der Stunde an, wo man geboren wird, fängt man schon an zu sterben. Aber zwischen Geburt und Tod liegt doch eben das Leben.“

Alle Menschen sind sterblich…

19./20. Jahrhundert, Eine Provinz in Frankreich: In der Rahmenhandlung lernen wir Regine, eine junge und sehr ehrgeizige Schauspielerin kennen. Das Ausgeprägteste an ihr ist ihre Selbstverliebtheit, wie wir sehr schnell merken. Eine Frau die so berühmt werden möchte, das sie einzigartig und unvergessen immer weiterlebt. Ihre größte Angst ist es zu sterben, körperlich und vor allem in den Erinnerungen der Menschen. Regine trifft eines Tages den mysteriösen Fosca, der starr und ruhig dahinvegetiert und erweckt ihn wieder zum Leben, die Handlung nimmt ihren Lauf. Fosca beichtet Regine sein größtes Geheimnis; seine Unsterblichkeit. Die selbstverliebte Schauspielerin sieht so ihre Chance in seinem Herzen und Gedanken bis in alle Ewigkeit weiterzuleben und widmet ihm nun ihre ganze Zeit.

So kommt es das Fosca ihr seine Geschichte erzählt. Sie beginnt am

12. Mai. 1279 in Italien, Carmona: Als tatkräftiger, junger Mann, der die Welt verändern möchte, wächst Fosca in der schönen Stadt Carmona auf. In Jahren der politischen Unruhen reißt er die Herrschaft der Stadt an sich. Kurz bevor er sein Leben in der Schlacht riskiert, bietet ihm ein alter Bettler als Tausch gegen sein Leben einen Trank an, der Unsterblichkeit verleiht. So kommt es das ein normaler Mann, das Geheimnis der Unsterblichkeit kennnenlernt. Er herrscht zwei Jahrhunderte über Carmona und gewinnt und verliert in vielen Schlachten.

„Mein Volk!“ rief ich aus. „Es ist schon so oft gestorben! Wie kann ich mich mit diesen Menschen verbunden fühlen: es sind ja niemals dieselben.“

Nach den Jahrhunderten jedoch von Kriegen, Enttäuschungen und Langeweile geschwächt, wünscht er sich der Welt Frieden zu bringen. Doch das kann nur gelingen, wenn die ganze Welt unter der Herrschaft einer einzigen Person ist. So strebt er das höchste Ziel der Macht, die Weltherrschaft an, um das Paradies auf Erden zu errichten. Er nimmt sein Schicksal in die Hand, stellt sich Kaiser Maximillian zur Seite. Erzieht und leitet Karl den Großen, versucht die Welt zu einen. Jedoch entstehen Unruhen in jedem Terrain, das übernommen wird. Blutige Kriege werden geführt, Allianzen gebildet, Intrigen gesponnen. In Deutschland versetzt ein Mönch mit dem Namen Luther, die Menschen in Aufruhr. „Etwas anderes vielmehr stand auf dem Spiel: das Werk, von dem ich träumte. Es konnte nur gelingen, wenn die Menschen auf ihre Launen, auf ihre Eigenliebe, ihre Narreteien verzichteten; das lehrte sie die Kirche, sie verlangte von ihnen, sich einem Gesetz zu fügen, sich einem Glauben zu beugen; wäre ich mächtig genug so würde dies Gesetz eben das meine sein: ich könnte nach meinem Sinn durch den Mund der Priester zu ihnen reden lassen. Wenn hingegen jeder seinen Gott in seinem eigenen Gewissen sucht, so wußte ich genau, daß er dort sicherlich nicht auf mich stoßen würde.“

Nie gab es Ruhe und so starb auch Karl der Große, die Hoffnung Foscas, irgendwann. Der Kriege müde, reiste Fosca ins neue Land. Seelisch erstarrt streifte er jahrelang durch die Wälder, vergaß sein Leben. Dort im Urwald trifft er überraschenderweise auf einen jungen Mann namens Carlier, der von Träumen geleitet eine Expedition starten möchte, den neuen Weg nach China zu finden. Er erwärmt das Herz von Fosca. Dieser reist so dann mit Carlier, lässt sich von dessen Träumen und Lebensfreude mitreißen. Sie reisen zusammen, erforschen zusammen und als Carlier resigniert stirbt, stirbt auch ein Teil von Fosca wieder. Er lebt viele Jahrzehnte bei Indianern, jedoch tot im Inneren. So kommt die Zivilisation jedoch eines Tages doch wieder zu ihm durch, er wird nach Paris geholt.

18 Jahrhundert, Paris: Graf Fosca, im Inneren leer; schon lange den Glauben an die Menschheit verloren, passt sich seiner Zeit, seiner Umgebung an. Jedoch vertreibt er sich die Zeit in der feinerer Gesellschaft Paris' , damit durch boshaftes Verhalten und Taten Menschen in den Ruin zu treiben, ihr Leben zu zerstören. Er erfreut sich an dem Seelenleiden und spekuliert auf die Auswirkungen; Angst, Flucht, Selbstmord. Während der Zeit lernt er Marianne de Sinclair kennen. Er verliebt sich in sie und heiratet sie. Sich einfügen ihr rechtschaffenes, der Wissenschaft zugewandtes Leben traut er sich nur langsam.

„Es würden mir Irrtümer unterlaufen: Ich würde die Greise verbrennen, anstatt Spitäler für sie zu bauen, ich würde die Narren in Freiheit setzten und Ihre Philosophen vielleicht in Käfige sperren.“

Er versucht ein ganz normales Leben, wie ein richtiger Mensch mit ihr zu führen. Liebt sie, bekommt Kinder mit ihr und tut alles für sie. Als sie jedoch von seinem Geheimnis erfährt, geht sie daran zugrunde. Um das Andenken an sie zu bewahren, kümmert er sich, über die Jahre hinweg, um die Kinder und Kindeskinder. So passt er auch auf Armand auf, einen Revolutionär und erlebt mit ihm zusammen die Französische Revolution. Doch seine Hoffnung auf Frieden für die Menschheit enden.

„Was wir als Paradies beschreiben, ist der Augenblick, wo die Erwartungen, die wir jetzt hegen, einmal erfüllt sein werden. Wir wissen wohl, die Menschen werden dann neue Forderungen erheben…“ „Wie können Sie irgend etwas wünschen, wo Sie doch wissen, daß man es den Menschen niemals recht machen wird?“„

Doch die ist Revolution beendet und sein eigener Versuch das Leben einzufangen geht wieder verloren und er verschläft 60 Jahre in einem Wald. Es folgen 40 Jahre in einer psychiatrischen Anstalt, aus der er, kaum herausgekommen schon auf Regine trifft.

19./20. Jahrhundert, Eine Provinz in Frankreich: Nachdem die Lebensgeschichte des unsterblichen Grafen Fosca bis zur Gegenwart erzählt worden ist, steht er auf, um Regine zu verlassen. Er verabschiedet sich und geht. So steht Regine alleine auf der Straße. In dem riesigen Schaubild dieses Lebens zu einer Ameise unter vielen degradiert, löst sich ein verzweifelter Schrei aus ihrer Brust…


Eine Geschichte eines einzigen Lebens durch die Jahrhunderte. Es werden viele wichtige Ereignisse aufgegriffen, die Entdeckung Amerikas, die Französische Revolution, Luther. Jedoch hat das alles nur seine Wichtigkeit im Zusammenhang mit den Gedanken und Gefühlen und Fortschritten des Grafen Fosca. Seine Erkenntnisse über die Menschen, das Unvermögen die Handlungen der Sterblichen nachzuempfinden, das ist der Kernpunkt des Buches. Die Erkenntnis, dass die Menschen IMMER unzufrieden sind mit der Situation, nie glücklich, immer dagegen an gehend. Das man sie einfach nicht zum Frieden zwingen kann. Aber durch diese Gedanken lernt man ihn sehr gut kennen. Wie er die Lust am Leben verliert, nichts mehr einen Sinn hat. All das was man verliert… Die Unterschiede zu den Menschen: Graf Fosca kann nicht wirklich großzügig sein: Zeit hat er ewig, Geld bedeutet ihm nichts, er hat es ja reichlich. Er kann für nichts wirklich kämpfen: Er hat kein Leben das er geben und verlieren kann. Er kann seinen Stolz nicht wahren… er weiß das er ein „einzigartiges Ausnahmewesen“ ist, was ihn über alle Anderen erhebt. Die Situation eines Unsterblichen in der Welt von sterblichen Menschen, wird so gut dargestellt, dass man viel darüber nachdenkt. Über die Angst vor der Zukunft, vor der Ewigkeit.

Die Sprache ist von einer ausgewählten Eleganz, sie bewegt und berührt.

„Und weil ich Angst hatte, war das Licht zärtlicher, und jungfräulicher der Tau an jeden anderen Morgen; eine Stimme sagte in mir: Sei tapfer!“

Einzig die teils sehr verschachtelten Sätze, die für die Zeit normal waren, lassen einen außer Atmen kommen. Zum Ende der Geschichte hin, fasst der Graf viele Ereignisse zusammen, da alles sich während seines Lebens wiederholt. Krieg, Freude, Liebe, Erwartungen. So entstehen Sätze die doch sehr lang sind und durch die gesamte Handlung des Buches springen. Unklar war auch oft die Zeiteinteilung. Da die Handlung über eine so lange Zeit spielt, wusste ich oft erst später ob die Geschehnisse 1 Jahr oder 1 Jahrhundert umfassen.

Viele aktuelle Thematiken werden aufgegriffen: Der Drang der Menschen immer aus der Menge hervorzustechen und die Angst vorm Altern, vor dem Vergehen der Schönheit. Oder Kriege die nie enden, einerseits um Macht zu gewinnen, und andererseits der Religion wegen.

„Die Welt wurde immer weiter, die Menschen vermehrten sich an Zahl, ihre Städte wuchsen, sie machten Wälder urbar und legten Sümpfe trocken, neue Werkzeuge gingen aus ihren Händen hervor; aber ihre Kämpfe wurden immer roher, und durch Mord und Blutvergießen kamen jetzt Tausende um: sie lernten im gleichen Maße zerstören, wie sie sich im Bauen vervollkommneten.“

Tammy Ziegeler, 2009

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