Herman Bang: Am Weg

Vorgestellt von Katharina Unckel

Eine Szene wie im wilden Westen – ein einsamer Bahnhof, sirrende Hitze, ländliches Nirgendwo, ab und zu unterbrochen durch ankommende und abfahrende Züge und Passagiere. Man trifft sich auf dem Bahnsteig, es wird getratscht, beäugt und viel geschwiegen. So beginnt Herman Bangs Erzählung Am Weg (1886).

Hier lebt die stille, zurückhaltende Katinka Bai zusammen mit ihrem Ehemann, Stationsvorsteher Bai, der häufig ruppig-vulgäres Verhalten an den Tag legt und weder anderen Damen noch Alkohol und Spiel abgeneigt ist. Hinter der auf den ersten Blick harmlosen dänischen Provinz verbirgt sich das melancholisch leise Leben der Protagonistin Katinka ebenso wie düstere Enge mit ihrem Ehemann Bai. Und neben diesem individuell-persönlichen Schicksal scheint auch ein gesellschaftskritisch-satirischer Blick des Erzählers durch. Die vermeintliche Ordnung ländlicher Idylle wird erschüttert durch das Eintreffen des neuen Verwalters Huus, der in Katinka ungeahnte Empfindungen und Gefühle weckt. Doch Katinkas „Ausbruch“ aus dem bekannten Leben und ihre Liebe finden kein glückliches Ende – Katinka wird krank und stirbt. Die Liebesgeschichte zwischen Katinka und Huus ist still und tragisch. Dem gegenüber stehen geradezu burleske Szenen wie ein dörflicher Jahrmarkt-Ausflug, laut, spontan, überbordend, und Katinkas ausschweifender Ehemann Bai.

Melancholie, Wehmut und Sehnsucht prägen den Text, und die Szenerie des Provinzbahnhofs, der vorbeirauschen Züge und des gelegentlich aufkommenden Lebens im Ort, transportiert wesentlich den Eindruck eines vorbeiziehenden Lebens, der verpassten Chancen und des Haderns über ein ungelebtes Leben und den damit verbundenen Wunsch nach dem möglichen Anderen.

Damit schreibt Bang sich thematisch ein in die skandinavische Erzähltradition der Jahrhundertwende, die zum Beispiel auch in Ibsens Dramen immer wieder präsent ist. Zugleich weist Bang mit seiner Erzählweise voraus in die Moderne. Beobachtungen, Momentaufnahmen, Beschreibungen und Dialoge werden erzähltechnisch gebrochen durch Nichtgesagtes und Unsagbares, Leerstellen, Schweigen und ironisch-satirische Erzählerkommentare. Dies zeugt von der großen Erzählkunst Bangs und macht die besondere Faszination des Textes aus.

Am Weg stand bei seinem ersten Erscheinen im Kontext der Erzählsammlung Stille Eksistenser („Stille Existenzen“), wurde danach aber als alleinstehender Text zu einem großen Erfolg und gehört mittlerweile zum dänischen Literaturkanon. Literarische Qualität und Klassikerstatus haben Herman Bangs Erzählung auch zur Übersetzung in andere Sprachen verholfen. Nicht zuletzt ist auch auf Deutsch eine Ausgabe erhältlich, erst vor wenigen Jahren neu und kundig übersetzt durch Aldo Keel, und erschienen in bekannt ansprechender Ausstattung des Manesse Verlags.

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