Bret Easton Ellis: American Psycho

Meine Lesewahrnehmung

„Er ist der nette Junge von nebenan, nicht wahr, Schätzchen?“
„Nein, bin ich nicht“, flüstere ich vor mich hin. „Ich bin ein gottverdammter bösartiger Psychopath.“

Ich muss gestehen, ich ging mit einer gewissen perversen Neugierde (mit der ich mir auch Horrorfilme und ähnliches zu Gemüte führe) an dieses Werk, welches zwischen 1995 und 2001 auf dem Index für jugendgefährdende Schriften stand.

Das Buch begannt zunächst seicht. Ich las von Restaurantbesuchen und Themen wie „Sollte man die Farbe seiner Socken eher der Hose oder den Schuhen anpassen?“ und bekam von dem Ich-Erzähler Patrick Bateman hunderte detaillierte Informationen zugespielt. So erhielt ich in jedem Kapitel eine genaue Angabe darüber, was Bateman und auch alle anderen gerade tragen (mit genauer Markenbezeichnung und gelegentlich auch dem Marktpreis). Nach ein paar Seiten hatte ich aber schon raus, wie man diese Informationen beim Lesen einfach überfliegt und kam sehr schnell voran. Auch an die Bezeichnung „Hardbody“ für Frauen mit geilen Körpern und ähnlich herablassende Kommentare gewöhnte ich mich sehr schnell. Zunächst schien alles, was passiert, sehr belanglos, doch nach und nach fielen mir immer mehr Kleinigkeiten auf, die sich wiederholen und langsam an Bedeutung gewinnen. Zum Beispiel fiel mir spätestens nach folgenden Zeilen auf, dass das genaue Aufzählen der Klamotten nicht nur dem Schreibstil des Autoren, sondern einem zwanghaften Charakterzug Patrick Batemans zuzuordnen ist: „[…]und gehe zum Counter, wo ich zwanzig Minuten darauf warte, dass mich ein plumpes Mädchen (fünf Pfund Übergewicht, trockenes Kraushaar) bedient. Sie trägt allen Ernstes einen sackartigen, undefinierbaren Sweater – definitiv kein Designerteil -, vermutlich um zu kaschieren, dass sie keine Titten hat, und Scheiße, was nützt es, dass sie ganz hübsche Augen hat? […] Ich atme tief ein, und während ich das sage, fängt mein Kopf an, unkontrolliert zu nicken, und ich muss schlucken, dabei denke ich: Ich muss ihre Schuhe sehen, und so unauffällig wie möglich versuche ich, über den Counter zu spähen, um rauszufinden, was für eine Art Schuhe sie trägt, aber es ist zum Verrückt werden, es sind nur Sneakers – nicht K-Swiss, nicht Tretorn, nicht Adidas, nicht Reebok, nur irgendwelche ganz billigen.“
Auch ergab die scheinbar wahllose Aneinanderreihung von Kapiteln wie „Lunch“, „Büro“, „Fitness-Center“, „Verabredung“, „Videothek“, „Date mit Evelyn“ und „Dienstag“ zunächst keinen Sinn, da man diese wohl auch bunt durcheinanderwürfeln könnte und sie immer noch genau so viel Sinn ergeben würden, wie in der Originalreihenfolge. Doch spiegelt genau dieses stumpfe, sich immer wieder Wiederholen, ohne viel Bedeutung zu haben, die Gesellschaft wieder, in der Patrick Bateman lebt. Und diese Sinn- und Belanglosigkeit, welche ein Gefühl der Leere in ihm auslöst, ist es, was ihn zum Morden bringt.

Zu Beginn der Lektüre fragte ich mich als Leser noch sehr neugierig, wann denn endlich der erste Mord geschehen würde, während ich zunächst nur kleine Einblicke in den kranken Kopf des American Psycho erhielt. Ein Beispiel: „[…]aber Der Tod kommt zweimal leihe ich erneut aus, denn ich will es mir heute Abend noch mal ansehen, obwohl mir klar ist, dass ich nicht genügend Zeit haben werde, zu der Szene zu masturbieren, in der die Frau mit der Schlagbohrmaschine getötet wird[…]“
Mein freudiges Erwarten der Morde legte sich jedoch recht bald. Übelkeit und Entsetzen ob der Foltermethoden, die Bateman sich für seine Opfer ausdenkt, waren für den Rest des Buches die vorrangigen Emotionen beim Lesen. Mehr als einmal war ich versucht, mir das Ende nicht mehr anzutun, quälte mich dann jedoch durch eine Menge Blut und Schmerzen und war unglaublich erleichtert, als ich die Lektüre endlich beendet hatte. Warum ich trotz der Grausamkeit, von der man liest, nicht aufgehört habe, kann wohl nur nachvollziehen, wer American Psycho selbst gelesen hat. Irgendwie schafft Bret Easton Ellis es, mit seinem Stil und der Betrachtung dieses kranken Charakters so zu überzeugen, dass man sein Buch zu Ende lesen muss, obwohl einem regelmäßig schlecht wird. An diesem Punkt möchte ich übrigens alle zukünftigen Leser darauf hinweisen, American Psycho nicht beim Essen zu lesen. Vor allem die Kapitel nicht, in deren Überschrift das Wort „Girl“ vorkommt, denn diese beinhalten immer Sexszenen und abartig grausame Folterungen und Morde - welche das genau sind, gebe ich hier lieber nicht wieder. Sehr interessant fand ich, dass nicht nur das viele Blut dafür sorgt, dass dem Leser übel wird, sondern auch allein die Art, wie Patrick Bateman denkt und von seinem Tag berichtet. So wird zum Beispiel kurz in einem Nebensatz erwähnt, dass er mit dem Taxi zurück in [s]ein Apartment [fuhr], wo [er] einen frischen Anzug (von Cerrutti 1881) anzog, [sich] eine Pediküre verpasste und den kleinen Hund zu Tode quälte, den [er] Anfang der Woche in einer Tierhandlung auf der Lexington gekauft hatte.
Die Beiläufigkeit, mit der er erwähnt, dass er ein Tier getötet hat, steht in starkem Kontrast zu der Reaktion, die es bei mir auslöste: Ich war umso schockierter. Auch folgender Gedankengang, welchen er hat, nachdem er einen kleinen Jungen erstochen und seine Mutter dabei beobachtet hat, wie sie ihren sterbenden Sohn in den Armen hielt, ist einfach nur abartig: „Wie viel schlimmer (und erfreulicher) ist es, jemandem das Leben zu nehmen, der auf der Höhe des Lebens steht, der Ansätze einer echten Geschichte hat, Lebensgefährten, ein Netzwerk von Freunden, dessen Tod so viel mehr Menschen mit unterschiedlichem Leidenspotenzial unglücklich macht, als der Tod eines Kindes es könnte, wahrscheinlich sehr viel mehr Leben zerstört als der sinnlose, mickrige Tod dieses Jungen.„
Manchmal fand ich diese Art von Gedanken, die Bateman hat, noch viel grausamer als die Morde, die er begeht, da sie so voller Bosheit sind. Nach der Szene mit dem kleinen Jungen folgt bald eine, in der Bateman erwähnt, dass ihm gegenüber auf einer Parkbank eine Frau mit einem Säugling im Arm sitzt. Da ich nun wusste, wozu Bateman fähig ist, gingen bei mir sofort die Alarmglocken an und ich betete im Stillen, dass er ihnen nichts antun würde – zum Glück wurden meine Gebete erhört. Ein letztes Zitat möchte hier zur Verdeutlichung dieses gottverdammt bösartigen psychopathischen Gehirns noch anbringen: „[…] und obwohl mir sporadisch der Gedanke kommt, wie unentschuldbar einiges von dem ist, was ich tue, rufe ich mir immer ins Gedächtnis, dass dieses Ding, das Mädchen, das Fleisch, nichts ist, Scheiße ist, und zusammen mit einer Xanax (die ich jetzt halbstündig nehme) beruhigt mich der Gedanke, und dann summe ich, summe die Titelmelodie einer Serie, die ich als Kind oft gesehen habe.“

Meine abschließende Empfindung bezüglich des Buches ist extrem zwiespältig. Obwohl ich es wegen seiner ekelhaften und erschreckenden Inhalte nicht guten Gewissens weiterempfehlen kann, halte ich American Psycho doch für ein geniales Buch voller seelischer Abgründe und Gesellschaftskritik. Es ist absolut packend und lässt einen auch nach der letzten Seite noch nicht los. Ständig überlegt man, ob es auch heute ( American Psycho spielt in den 80er Jahren) möglich wäre, so einen Menschen ohne es zu Wissen in seiner Nähe zu haben. Beruhigend (oder erschreckend?) ist dabei nur (auch) der Gedanke, dass ein American Psycho heutzutage noch viel gerissener sein müsste, als es Patrick Bateman war. Denn jetzt kann die DNA, die an Tatorten gefundene wird, zur Suche des Mörders verwendet werden und keiner könnte wie Bateman eine Prostituierte töten, ihr die Zunge herausreißen und sie dann in den blutigen Mund ficken… oder war es eine andere Reihenfolge?

Lea Steimle, 2013

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code american_psycho (erstellt für aktuelle Seite)