Leo Malet: Angst im Bauch

Als Auszubildende/r lebt man in einer dauerhaft angespannten finanziellen Situation. Häufig verlässt sich beliebiger Azubi auf die Einnahmen der angesammelten Pfandflaschen, um sich auch am Monatsende mit Brot und Butter über Wasser halten zu können. Versiegt die Mehrweg-Quelle, bewegt man sich naturgemäß von ihr weg und hin zur Eltern-Quelle, was dem einen vielleicht leichter fällt als dem anderen. Doch aus unerfindlichen Gründen ist auch diese Quelle bald erschöpft, besonders in Form eines leicht zürnenden Vaters. Die weltweite Finanzkrise nimmt persönliche Formen an. In Zeiten einer derartigen privaten Krise scheint Trickbetrügerei, wirkt sie doch recht harmlos angesichts anderer Verbrechen wie dem Einstieg in den Drogenhandel oder der Ausübung von Banküberfällen, eine naheliegende Lösung zu sein. Ein solcher Fehltritt wäre allerdings fatal, ein Fakt, der den Kriminalroman „Angst im Bauch“ u.a. zu einer Art Problemlösung hervorhebt. Schließlich passt Léo Malet als Bankgelehrter scheinbar perfekt in die Rolle eines Kriminalautoren.

Paulot, ein Mittzwanziger in Paris lebend, verdient sein Geld zunächst mit kleinkriminellen Trickbetrügereien, bis Jeanne, reiz- aber verhängnisvoll, ihm den Kopf verdreht und zu gravierenderen Straftaten verführt. Um ihrem Lebensstandard gerecht zu werden, schließt er sich einer Bande „erfolgreicher“, längst polizeibekannter Ganoven an. Es beginnt eine geschickt inszenierte Verfolgung. Die Polizei geht ihrer Spur nach, der Staat nimmt sie auf. Im Mittelpunkt steht Paulot, aus dessen Sicht die Jagd surreal sowie beängstigend geschildert wird.

Der Roman beschreibt den dritten Teil der „Schwarzen Trilogie“ Malets, in der es dem Autor gelingt, den Protagonisten zu entblößen. Dieser ist kein Antiheld mit kriminellen Leidenschaften, dafür ist Paulot zu durchsichtig, erwähnt zu viel von seiner Vergangenheit, die dem Leser diverse Interpretationsmöglichkeiten nimmt. Vielmehr entblößt der Autor eine vorgezeichnete Figur. Es gelingt ihm, seine illegal hinterlassenen Spuren zusehends zu vertiefen, um ihn am Ende darin versinken zu lassen. Der Beginn ist ein geschickter Schachzug, eine Traumszene, in der Paulot, rückblickend erzählend, auf seinen surrealen Verfolger trifft, dessen Erscheinung erst im Laufe der Handlung markante Züge annimmt. Die Charaktere sind dem Milieu Paulots entnommen und verstärken den „schwarzen Klang“ des Krimis. Perspektivwechsel durch Zeitungsausschnitte und eingefügte Radiomeldungen erzeugen Spannung, da sie Paulot verfolgen, er bald keinen Ausweg mehr aus ihnen findet und letztlich unrettbar gefangen scheint. Seine Flucht endet schließlich mit dem Höhepunkt der Erzählung, dem Zusammentreffen zweier Ängste.

Der „schwarze“ Krimi verfügt also über einen packend erzählten Fall eines Verwegenen, zugleich verweist er, darauf sollte eingegangen werden, auf die unterste Sozialschicht des Paris der 1920er Jahre. Auf „Clochards“, „Wohnsitzlose“, deren Leben sich auf der Straße abspielen. Auf Zuhälter, deren Huren kaum Chancen auf einen gesitteten Alltag haben. Malet, früh verwaist, gezeichnet von einer schweren Kindheit, lebte einst selbst als Clochard auf der Straße, verdingte sich allerdings nie als Betrüger, sondern arbeitete zunächst als Chansonnier in einem kleinen Kabarett. Später verübte er unterschiedliche Tätigkeiten als Schreiberling, um sich letztlich als Poet einer Gruppe surrealistischer Literaten anzuschließen. Folglich spiegeln sich seine Erfahrungen im surrealen Verfolger Paulots und seinen Anmerkungen zum Leben als Mittelloser im Roman wieder. Er ist abschreckend, erschreckend und düster, „schwarz“, wie Malet es nennt, aber das Bild das er erzeugt, ist klar und lässt den Verstand eines jeden Lehrlings wieder walten.

Madeline Junge, 10.02.2013, 14:46

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