Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken in Las Vegas

Der so sich zum Tier macht befreit sich von dem Leid ein Mensch zu sein. Samuel Johnson

´Wir waren irgendwo bei Barstow am Rande der Wüste, als die Drogen zu wirken begannen. Ich weiß noch, dass ich so was sagte wie: „Mir hebt sich die Schädeldecke; vielleicht solltest du fahren…“ Und plötzlich war ein schreckliches Getöse um uns herum, und der Himmel war voller Viecher, die aussahen wie riesige Fledermäuse, und sie alle stürzten herab auf uns, kreischend, wie ein Kamikaze-Angriff auf den Wagen, der mit hundert Meilen Geschwindigkeit und heruntergelassenem Verdeck nach Las Vegas fuhr. Und eine Stimme schrie: „Heiliger Jesus! Was sind das für gottverdammte Biester?“ Dann war es wieder still. Mein Anwalt hatte sich das Hemd ausgezogen und goss sich das Bier auf die Brust, um den Bräunungsprozess zu fördern. „Weswegen schreist du so rum, zum Teufel?“ murrte er, mit geschlossenen Augen in die Sonne starrend. Er trug eine von diesen spanischen Sonnenbrillen, die um die Schläfen reichen. „Schon gut“, sagte ich. „Du bist jetzt mit Fahren dran.“ Ich stieg in die Bremsen und manövrierte den Großen Roten Hai an den Rand der Landstraße. Keinen Zweck, die Fledermäuse zu erwähnen, dachte ich. Das arme Schwein wird sie bald genug selbst sehen.´


Der Journalist Hunter S. Thompson alias Raoul Duke und sein Anwalt Dr. Gonzo mieten sich ein Cabrio, um nach Las Vegas zu fahren. Dort soll Raoul Duke einen Artikel über das Mint 400, ein großes Motorradrennen schreiben. Im Kofferraum ihres Wagens befinden sich Drogen aller Art, die sie ununterbrochen konsumieren. Der dauerhafte Rauschzustand führt sie von einer extremen Situation in die nächste. Hotelzimmer werden verwüstet, Autos verschrottet und mit jedem wird sich angelegt. Als Duke dann einen neuen Auftrag erhält, droht die Sache zu eskalieren: Er soll für den Rolling Stone über eine Konferenz berichten. Es befinden sich auf dieser Konferenz nur Staatsanwälte und hochrangige Polizisten und unter Ihnen der extrem berauschte Raoul Duke und Dr. Gonzo. Das Thema der Konferenz: Betäubungsmittel und gefährliche Drogen.


Hunter S. Thompson, erst Sportreporter später dann Autor bei dem Magazin Rolling Stone, gilt als Begründer des Gonzo-Journalismus (Gonzo steht im amerikanischen Englisch für außergewöhnlich, verrückt). Diese Form verzichtet auf eine objektive Schreibweise, es wird aus der subjektiven Sicht des Autors berichtet. Sarkasmus, Schimpfwörter und Polemik werden als Stilmittel eingesetzt. Der Gonzo-Journalismus zeichnet sich vor allem durch seine Mischung aus Roman, Notizen, Dokumentation und Biografie aus. Weitere Vertreter sind Tom Wolfe und Helge Timmerberg. Thompson wurde durch seinem extremen und außergewöhnlichen Lebens-und Schreibstil zum absoluten Kultautor. „Fear and Loathing in Las Vegas“ war sein weltweit größter Erfolg. 2005 nahm sich Hunter S. Thompson durch einen Kopfschuss das Leben.

Thompson schildert in dem Roman persönliche Erlebnisse, denn er selbst hat diesen wortwörtlichen Trip nach Las Vegas unternommen- Die Suche nach dem amerikanischen Traum, der Versuch der Realität zu entfliehen. Er machte hunderte von Notizen und hat Tonbandgeräte laufen lassen, um seinen Drogenrausch zu dokumentieren. So entstand das Buch Fear and Loathing in Las Vegas und 1998 die gleichnamige Verfilmung mit Johnny Depp.


Ich wurde erst durch den Film auf dieses Buch aufmerksam. Das Lebensgefühl der 70-er Jahre wird wunderbar auf den Zuschauer übertragen und die Hippie-Generation gekonnt klischeehaft dargestellt. Letztendlich ein reiner Tripbericht, den viele junge Menschen der heutigen Zeit als amüsant und kultig bezeichnen. Tatsächlich ist es wirklich amüsant zu erleben wie sich dieses verrückte Duo in ihrem Rausch verhält, doch um es mit Thompsons Worten zu sagen: >Hör auf so dämlich zu grinsen Mann, das ist heftig <. Man darf dieses Buch und auch den Film gar nicht erst versuchen ernst zu nehmen. Sich nicht der Ernsthaftigkeit bewusst werden. Jedem, der mit dem 70-er Kult und dem dazugehörigem Lebensgefühl ( Stichwort Bewusstseinserweiternde Substanzen) nichts anfangen kann, rate ich Abstand zu nehmen von Hunter S. Thompson.

Angst und Schrecken in Las Vegas – ein Buch dessen Inhalt eher in den Hintergrund gestellt wird. Die Erzählart und Situationskomik verleiht diesem Roman einen besonderen und einzigartigen Stil- die Art von Buch die heutzutage auf Unverständnis stößt, ein Bericht mit dem sich höchstens die Alt-Hippies identifizieren können. Es geht nicht darum Drogen zu verherrlichen oder „Angst und Schrecken“ zu verbreiten. Ein verrücktes Lebensgefühl- eine wilde Zeit, die ohne Rücksicht auf Verluste gelebt hat.


1971, Blumen im Haar und die Sonne im Gesicht- es wäre bestimmt auch zu meinem Kultbuch geworden.

Kim Sarah Kriedemann, 2009

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