Nancy Garden: Annie On My Mind

vorgestellt von Jule Borowski

“Have you ever felt really close to someone? So close that you can't understand why you and the other person have two separate bodies, two separate skins?”

Zwei junge Menschen, die sich zufällig begegnen und ineinander verlieben. Ein Satz, der zu so unglaublich vielen Romanen passt, dass man dahinter kaum noch etwas Originelles vermutet. Aber genau das ist „Annie On My Mind“.

Tatsächlich ist es schon beeindruckend, dass dieses Buch überhaupt als Print erschien, denn es sind nicht einfach nur zwei junge Menschen, die sich hier zwischen den Seiten treffen, es sind zwei junge Frauen. Als Nancy Gardens Roman im Jahr 1982 erscheint, ist die lesbische Liebesgeschichte nicht nur ungewöhnlich, mit ihrer positiven Einstellung zum Thema Homosexualität und einem Happy End ist es eine wahre Seltenheit. Die Veröffentlichung des Buches bringt Kritik mit sich, besonders von Eltern, die den Zugang zu homosexueller Literatur als Gefahr für ihre Kinder sehen. Als der Roman an verschiedene Schulen in Kansas City gespendet wird, kommt es neben Annahmeverweigerungen auch zu Bücherverbrennungen.

Doch was genau steht in diesem Buch, dass es solche argen Reaktionen hervorrufen konnte?

Liza Winthrop wohnt mit ihrer Familie in dem angesehenen Viertel Brooklyn Heights in New York und besucht eine Privatschule, in der sie Vorsitzende des Schülerrates ist. In einem Museum trifft sie auf Annie Kenyon, die aus ärmlicheren Verhältnissen stammt und davon träumt, Sängerin zu werden. Die zwei Mädchen freunden sich an und verbringen fortan viel Zeit zusammen. Liza spürt eine Faszination für Annie, die ihr bislang unbekannt war und hadert anfänglich mit ihren Gefühlen. Als die Beziehung der beiden immer intensiver wird, wächst die Angst vor der Reaktion ihres Umfeldes und so halten sie ihre Liebe vor ihren Familien und Freunden geheim. In den Schulferien hütet Liza die Katzen einer Lehrerin, die mit einer anderen Lehrerin zusammen lebt. Liza und Annie nutzen das Haus als einen sicheren Ort, an dem sie gemeinsam sein können und finden schließlich heraus, dass die beiden Lehrerinnen auch eine Beziehung führen. Unglücklicher Weise werden die beiden von einer Nachbarin überrascht, die nicht nur die Beziehung der Mädchen, sondern auch die der Lehrerinnen entdeckt und meldet. Nun müssen sie sich ihren Familien stellen und die beiden Lehrerinnen und Liza werden außerdem vor den Schüler- und Lehrerrat gerufen.

All das lässt Liza aus der Ich-Perspektive Revue passieren, während sie versucht, einen Brief an Annie zu schreiben, die schon lange vergeblich auf eine Antwort von ihr wartet. Liza fehlen jedoch die Worte und schließlich ruft die Annie an. In dem Telefonat macht Liza deutlich, dass sie von nun an offen mit ihrer Liebe umgehen möchte und die beiden verabreden sich.

Mehr als 35 Jahre nach dem Erscheinen von „Annie On My Mind“ liest sich das Buch mit gemischten Gefühlen. Wenn Liza von ihren Gefühlen für Annie erzählt, dann gibt es keinen Unterschied zu Liebesgeschichten der heutigen Zeit. Eigentlich dürfte es nicht überraschen, aber Verliebtsein fühlt sich wohl in jedem Jahrzehnt gleich an. Umso mehr ärgert man sich, wenn eine homosexuelle Beziehung von der Gesellschaft als etwas abnormales bewertet wird. In einer Szene schlägt Liza „Homosexualität“ in einem Wörterbuch nach und bemerkt, dass in der Beschreibung nirgendwo das Wort Liebe erwähnt wird. Besonders traurig ist das Schicksal der zwei Lehrerinnen, die, als ihre Beziehung bekannt wird, ihre Anstellung verlieren und aus ihrem Haus ausziehen müssen. Was dieser Roman aber am deutlichsten vermittelt, ist die Hoffnung und der Mut, zu sich und seiner Sexualität zu stehen. 1982 für junge lesbische Frauen ein wichtiges Zeichen, aber auch heute noch von Aktualität, wenn das Akzeptieren seines Selbsts schwer fällt.

Nancy Garden (1938 - 2014) war selbst lesbisch und hat in diesem Roman ein Stück weit ihre eigenen Gefühle niedergeschrieben. „Annie On My Mind“ zählt heute zu den wichtigsten Klassikern der lesbischen Literatur (obgleich es keine deutsche Übersetzung gibt) und Nancy Garden wurde mehrfach für ihren Beitrag zur Jugendliteratur ausgezeichnet.

Ein Buch, das viel Gefühl erregt hat und nach wie vor tut, dabei geht es im Endeffekt doch nur um zwei junge Menschen, die sich zufällig begegnen und ineinander verlieben.

Cover-Gestaltung des Romans seit der Veröffentlichung: Erst mit dem Fortschreiten der Zeit und der wachsenden Akzeptanz in der Bevölkerung, wurden Annie und Liza auf dem Cover als deutlich zu erkennendes Liebespaar gezeigt

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