Sophokles: Antigone

Vorgestellt von Kerstin Schmidt

Irgendwo in Griechenland vor einer Höhle:

Eine Steintafel:

Oh Reisender du, der du hier wandelst,

blickst auf das Grab der wagemutigen Antigone,

sie, die starb aus Liebe zu den Brüdern,

in Pflichterfüllung gegenüber der Familie und der Gebote ihrer Götter.

Der eine Bruder der rechtens seinen Thron bestieg,

der andere der zum Feind geworden.

Der eine bestattet als ein königlicher Held.

Der andere auf Geheiß des Herrschers, gelassen auf dem Felde.

Wehe dem! Der diesen Leichnam bestatte!

Die Hunde und Vögel sollen sich seiner annehmen.

Auf das er in dieser Welt verweile und nicht ins Totenreich entschwinden kann.

Antigone, die wagt sich hinaus.

Bestattet den geliebten Bruder wie es dem göttlichen Gebot geziemt.

Der König, voll hochmütigen Groll über die vermeintliche Aufbegehr gegenüber der Staatsraison,

verurteilt sie zum Tode.

In einer Höhle soll sie lebendig begraben sein.

Der Versuch des Königssohns, des Anverlobten der Antigone, des Herrschers Gnade zu erlangen misslingt.

Des Königs Überheblichkeit sieht nicht der Götter Wille, sieht nur den Ungehorsam gegen sein Gebot.

Der Seher aber weiß, die Götter sind erzürnt,

der sture König machtlos gegen diese, zieht los sich dem Willen der Götter zu beugen.

Zu spät des König wanken und Einsicht in die eigene Eitelkeit.

Antigone erhängt, den Tod gewählt,

der Sohn, verzweifelt über diese Tat, treibt sich die Klinge in den eignen Leib,

will beim geliebten Weib sein.

Des Sohnes Mutter, des Königs Frau gemordet durch des Sohnes Tod.

Der König nun allein, ein lebender Toter.

Allen Segens Anfang heißt Besinnung,

Was der Götter ist, entweihte keiner!

Überhebung büßt mit großem Falle

Großes Wort, dem Alter zur Besinnung 1)

Hörst du noch das Wehklagen, das durch die Höhle raunt, hörst du es wispern und flüstern?

(Quelle: 1) Sophokles - Antigone S.58/ 1349ff (Reclam))

Vorgestellt von Anne Siebrecht

Antigone… Kreon… Selbstmord… Moral… Gesetz… Drama… Tragödie… Vers… Charakter…

Analysiere!

Schreibe!

Interpretiere!

Schullektüre.

Antigone ist eines der bekanntesten antiken Dramen und wird gerne für den Deutschunterricht als Schullektüre „missbraucht“. Mit ein bisschen Glück taucht jedoch zwischen zahlreichen Analysen und Interpretationen eine Geschichte auf, die durchaus lesenswert ist.

Die Geschichte klingt simpel: Antigone wird von Kreon, König von Theben, zum Tode verurteilt, weil sie wissentlich das Gesetz gebrochen und ihren toten Bruder, einen Verräter, beerdigt hat. Als Kreon seinen Fehler einsieht ist es zu spät. Antigone hat sich erhängt; ihr Verlobter, Kreons Sohn, tut es ihr gleich; Kreon bricht zusammen.

Und doch sind die Konflikte so lebhaft dargestellt, dass sie jede Menge Diskussionsstoff bieten. Ist Antigone im Recht, wenn sie ihre religiösen Bräuche über die Gesetze Kreons stellt? Hat Kreon überhaupt ein Recht bzw. die Macht dazu, den Bürgern per Gesetz seine Ansichten aufzuzwingen? Ist Kreon wirklich einfach nur stur oder zählt es nicht zu seinen Pflichten, seine Regeln auch innerhalb der eigenen Familie durchzusetzen? Warum schließen sich Macht und Moral scheinbar gegenseitig aus?

Alles in allem ist Antigone ein antikes Drama mit immer noch aktuellen Bezügen, welches je nach Einstellung des Lesers ganz unterschiedlich gelesen und verstanden werden kann.

(Anne Siebrecht, 2011)

Vorgestellt von Katja Lemberg

Das Licht wird verdunkelt.

Langsam verstummen die Menschen.

Der Vorhang wird geöffnet.

Antigone tritt auf. Ich trete auf.

Ich bin nicht sie und doch bin ich es.

Für heute Abend. Nur für ein paar Stunden.

Das Licht der Scheinwerfer fällt auf mich und dann sind wir eins, Antigone und ich.

Tief schmerzt mich der Verlust meiner Brüder, welche sich in wütendem sinnlosem Kampf gegenseitig töteten. Doch noch mehr erschüttert mich das Verbot, welches Kreon ausgesprochen hat. So ließ er meinen Bruder Eteokles mit allen Ehren begraben und verweigert dies gleichzeitig Polyneikes. Doch darf er sich als einfacher Mensch über die Götter erheben? Ist es ihm erlaubt mit seinen Gesetzen die Gesetze der Götter zu verletzten? Als Herrscher steht es ihm zu neue Gesetze zu erlassen, aber das geht zu weit. Ich werde mich nicht dem Willen der Götter widersetzen und mich einem einfachen Menschen fügen, nur um mein Leben zu retten.

Ohne meine Schwester Ismene, der ihr Leben wichtiger ist als dieser letzte Dienst für unseren Bruder, mache ich mich auf, den Toten zu begraben und ihn endgültig in die Hände der Götter zu übergeben. Die Aussicht auf Bestrafung schreckt mich nicht und ohne Zweifel tu ich was die Götter von mir fordern. Den wachsamen Augen der Wächter blieb meine Tat nicht verborgen und schnell führte man mich vor Kreon.

Er, als Herrscher über Theben, fühlt sich in seiner Ehre verletzt und verschließt seine Ohren für jedes Wort, gleich ob es von mir kommt oder von jemand anderem. Sein Urteil über mich fällt anders aus als ich es erwartet hatte. Auf den Tod war ich vorbereitet und hatte ihn billigend in Kauf genommen, doch nicht auf diese Art hatte ich den Weg zu den Göttern und meinen Ahnen finden wollen.

Von Wächtern begleitet verlasse ich die Bühne und betrachte schweigend den weiteren Verlauf.

Kreon lässt sich nicht erweichen, weder durch die Worte seines Sohnes Haimon, noch durch den Rat des blinden Sehers Teiresias. Beide versuchen ihm zu verdeutlichen, dass er sich nicht gegen die Götter wenden darf, doch sein Stolz und seine Wut lassen ihn uneinsichtig bleiben. Ich sehe wie Kreon auf seinen unvermeidlichen Untergang zusteuert und kann doch nichts mehr tun.

Weder für noch gegen ihn.

Und es macht mich traurig.


(Katja Lemberg, 2013)

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