Platon: Apologie des Sokrates


Aus dem Griechischen von Manfred Fuhrmann. Reclam. ISBN 3-15-000895-6
vorgestellt von Jessica Jaschke-Hahne



1. Teil: Sokrates' Verteidigung gegen die Anklage

Sprecher: Athener Bürger, wir haben uns heute hier versammelt, die Verteidigung des Sokrates zu hören. In den vergangenen Tagen sind schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben worden, über die wir nun zunächst, nach alter Sitte Brauch, zu entscheiden haben, ob sie rechtens sind. Angeklagter, wie verhält es sich mit den vorgebrachten Argumenten der Ankläger?

Sokrates: Sie haben […], wie ich meine, so gut wie kein wahres Wort gesagt, von mir aber bekommt ihr jetzt die ganze Wahrheit zu hören – nicht, bei Gott, ihr Männer von Athen, mit schönen Reden, die, wie die von denen dort, mit kunstvoll gedrechselten Worten und Wendungen aufwarten; ihr bekommt vielmehr zu hören, was mir gerade einfällt, in ungesuchten Ausdrücken […].

Sprecher: Angeklagter, es geht hier nicht um schöne Worte…

Sokrates: An erster Stelle muß ich jetzt, ihr Männer von Athen, die ersten falschen Anklagen, die gegen mich vorgebracht worden sind, zu widerlegen suchen, und die ersten Ankläger, und dann erst die späteren Anklagen und die späteren Ankläger.

Sprecher: Angeklagter, kommen Sie bitte zur Sache…

Sokrates: Also denn: ich muß mich verteidigen, ihr Männer von Athen, und versuchen, euch die Vorurteile auszureden, die sich in langer Zeit bei euch festgesetzt haben – und das in so kurzer Zeit.

Sprecher: Es sind schwerwiegende Vorwürfe ins Feld geführt worden, keine Vorurteile. Es ist bisher noch kein Urteil gefällt worden. Haben Sie nichts Besseres vorzubringen?

Sokrates: Sehen wir (also) zu, wie die Sache anfing und wie die Anklage lautet […].Denn wie bei richtigen Anklägern sollte man sozusagen ihre Anklageschrift verlesen: „Sokrates handelt rechtswidrig und treibt Unfug, indem er erforscht, was unter der Erde und am Himmel ist, die schwächere Rede zur stärkeren macht und auch andere hierin unterweist.“

Sprecher: Die Anklageschrift kennen wir bereits. Wie steht es mit der Behauptung, dass Sie eine größere Weisheit besitzen, als alle anderen zusammen. Können Sie das belegen?

Sokrates: […] für meine Weisheit […] kann ich euch als Zeugen den Gott in Delphi nennen.

Sprecher: Dies ist wahrlich ein gewichtiger Zeuge… Schade nur, dass man ihn nicht in den Zeugenstand berufen kann. Aber wie wir vernommen haben, haben Sie aufgrund des Gottesspruches, Sie seien der Weiseste, einen Vergleich angestellt. Zu welcher Überzeugung sind Sie gelangt?

Sokrates: Im Vergleich zu diesem Menschen bin ich der Weisere. Denn wahrscheinlich weiß ja keiner von uns beiden etwas Ordentliches und Rechtes; er aber bildet sich ein, etwas zu wissen, obwohl er nichts weiß, während ich, der ich nichts weiß, mir auch nichts zu wissen einbilde. Dann ging ich zu einem anderen […]. Ich gewann dort genau denselben Eindruck, und ich machte mich nunmehr auch bei ihm und obendrein noch bei vielen anderen verhaßt. Trotzdem glaubte ich, es sei unerläßlich, das Wort des Gottes höher zu stellen als alles andere – ich hatte also, um die Bedeutung des Orakels zu ergründen, alle Leute aufzusuchen, die in dem Rufe standen, daß sie etwas wüßten. […] Aus dieser Untersuchung, ihr Männer von Athen, sind mir viele Feindschaften erwachsen, und zwar sehr schlimme und schwere, so daß mancherlei Vorurteile gegen mich aufgekommen sind und ich in den Ruf geriet, ich sei ein Weiser.

Zwischenruf: Aber Ihr verführt das junge Volk! Ihr verhext sie mit Euren Reden!

Sokrates fährt fort: Außerdem haben die jungen Leute, die mich, und zwar von sich aus, begleiten […] Freude daran, wenn sie hören, wie ich die Leute prüfe, und oft ahmen sie mich nach […]. Und dann finden sie wohl ein gerüttelt Maß an Leuten, die da glauben, etwas zu wissen, in Wahrheit jedoch wenig oder nichts wissen. Deswegen sind die, die sie geprüft haben, böse auf mich, nicht auf sich selber, und sie sagen, da sei ein gewisser Sokrates, ein ganz widerlicher Mensch,der die jungen Leute verderbe. […] Gegen die Anklage, die meine ersten Ankläger wider mich verbreitet haben, mag euch dies als Verteidigung genügen. Gegen Meletos […] und überhaupt gegen die späteren Ankläger will ich mich nunmehr zu verteidigen suchen. […] abermals […] wollen wir uns deren Anklageschrift vornehmen. Sie lautet doch wohl wie folgt: Sokrates, heißt es, handele rechtswidrig, indem er die jungen Leute verderbe und die vom Staat anerkannten Götter nicht anerkenne, wohl aber andere, neuartige dämonische Wesen.

Sprecher: Das Verderbliche hierin ist nicht, dass Sie, Angeklagter, das junge Volk verderben. Sie haben ja bereits dargelegt, dass sie Ihnen sich freiwillig angeschlossen haben. Nein, Ihr Ankläger Meletos, wirft Ihnen vor, dass sie Reden von Dämonen halten. Meletos, treten Sie bitte vor.

Meletos tritt vor.

Sokrates an Meletos:[…] diese Frage mußt du (mir)beantworten: kann man glauben, daß es zwar dämonische Dinge gibt, nicht aber Dämonen?

Meletos: Nein.

Sokrates: Die Dämonen aber halten wir doch für Götter oder für Kinder von Göttern? Ja oder nein?

Meletos: Jawohl.

Sokrates: Wenn ich nun also an Dämonen glaube, wie auch du anerkennst, und wenn wiederum die Dämonen eine Art von Göttern sind, dann haben wir doch, was ich dein Ratespiel und deinen Scherz nenne: indem du sagst, daß ich nicht an Götter glaube und doch wieder daran glaube, da ich ja an Dämonen glaube. Wenn aber die Dämonen Kinder von Göttern sind, Bastarde von Nymphen oder irgendwelchen anderen Wesen, wie es überliefert ist, welcher Mensch brächte es fertig zu glauben, daß es zwar Kinder von Göttern gibt, nicht aber Götter? Das wäre ja ebenso unsinnig, wie wenn jemand glaubte, daß er zwar Kinder von Pferden und Eseln gibt, die Maulesel, nicht aber Pferde und Esel. […] Also, ihr Männer von Athen, daß ich nicht im Sinne der Anklageschrift des Meletos rechtswidrig gehandelt haben kann, scheint mir keiner umständlichen Beweisführung mehr zu bedürfen – dies hier genügt.

Sprecher: Wir werden uns dann jetzt zur Beratung zurückziehen. Haben Sie noch etwas anzumerken, Angeklagter?

Sokrates: […] wenn ich euch zu beeinflussen suchte und durch Bittflehen nötigte, euren Eid zu verletzen, dann würde ich euch lehren, das Dasein von Göttern zu leugnen, und ich würde mich, indem ich mich verteidige, gerade selbst bezichtigen, daß ich nicht an Götter glaube. Doch davon bin ich weit entfernt. Denn ich glaube an sie, ihr Männer von Athen, wie keiner meiner Ankläger, und ich stelle es dem Gotte anheim, meinen Fall so zu entscheiden, wie es für mich und für euch das Beste ist.

Die 501 Richter ziehen sich zur Beratung zurück.

2. Teil: Sokrates' Rede zum Strafmaß

Sprecher: Wir sind zu dem Entschluss gelangt, dass Sie, Angeklagter, der gegen Sie vorgebrachten Anklagen des Frevels gegen die Götter und dem Verderben der Jugend des athenischen Volkes schuldig sind. Was haben Sie dazu zu sagen?

Sokrates: Wenn ich nicht darüber aufgebracht bin, ihr Männer von Athen, was jetzt eingetreten ist – daß ihr mich schuldig gesprochen habt -, so hat das neben anderen Umständen seinen Grund vor allem darin, daß mir das Ereignis nicht unerwartet kam; […]

Sprecher: Wie Sie meinen. Einer Ihrer Ankläger, Meletos,hat die Todesstrafe beantragt. Gibt es Eurerseits Einwände dagegen?

3. Teil: Sokrates' Intervention gegen die Todesstrafe

Sokrates: Sein Antrag gegen mich lautet also auf die Todesstrafe. Meinetwegen. Und ich: was für einen Gegenantrag soll ich euch unterbreiten, ihr Männer von Athen? Doch gewiß einen angemessenen? […] Wenn ich also etwas Angemessenes beantragen soll, wie es recht und billig ist, dann beantrage ich dies: einen Freitisch im Prytaneion.

Sprecher: Machen Sie sie sich nicht lustig über uns! Für wen halten Sie sich, dass Sie sich auf eine Stufe mit den Ratsherren und den Ehrengästen unseres Staates stellen! Das könnte Ihnen so passen: Mahl halten mit all den wohlverdienten Würdenträgern! Fürchten Sie sich denn gar nicht? Kennen Sie denn keine Furcht?

Sokrates: Was soll ich denn fürchten? Daß mir widerfährt, was Meletos gegen mich beantragt hat, wovon ich […] nicht weiß, ob es ein Gut oder Übel ist? Soll ich mir statt dessen etwas aussuchen, wovon ich sehr wohl weiß, daß es ein Übel ist,und dies beantragen? Etwa Gefängnis? […] Soll ich also die Strafe der Verbannung beantragen? […] Außerdem bin ich's nicht gewohnt, gegen mich selbst irgendeine Strafe festzusetzen.

Sprecher: Nun, da Sie dem Anschein nach keinen vernünftigen Gegenvorschlag zu der beantragten Todesstrafe vorzubringen gedenken, sei hiermit dem Antrag des Meletos statt gegeben. Wir, die vom athenischen Volk ernannten Richter, verurteilen den Sokrates zum Tode durch den Schierlingsbecher. Noch irgendwelche letzten Worte?

Sokrates: So sage ich euch denn, ihr Männer, die ihr mich dem Tode überantwortet habt: auf euch wartet, sobald ich gestorben bin, eine Strafe, die viel härter ist, beim Zeus, als die, der ihr mich überantwortet habt. […] Es werden noch mehr kommen, die euch ausfragen, die ich bislang zurückgehalten habe, so daß ihr nichts merken konntet. Und sie werden um so hartnäckiger sein, je jünger sie sind, und ihr werdet euch noch mehr ärgern. Wenn ihr nämlich glaubt, ihr könntet, indem ihr Menschen tötet, verhindern, daß man euch Vorwürfe macht, weil ihr nicht richtig lebt, dann urteilt ihr verkehrt.

Sprecher: Haben Sie dem noch etwas hinzufügen, Verurteilter?

Sokrates: Doch jetzt ist's Zeit fortzugehen: für mich, um zu sterben, für euch, um zu leben. Wer von uns dem besseren Los entgegengeht, ist uns allen unbekannt – das weiß nur Gott.

Sprecher: Was für poetische letzte Worte. Führt ihn ab in seine Zelle. Sofern ihm noch Freunde geblieben sind, mag er sie dort noch solange empfangen, bis die Strafe vollstreckt wird.


Sofern nicht anders gekennzeichnet, stammen die Zitate aus dem besprochenen Buch.



Daten und Fakten zum Autor:
Platon (latinisiert: Plato)

* 428/427 v. Chr. in Athen oder Aigina
† 348/347 v. Chr. in Athen

Platon war ein Schüler des Sokrates; von ihm stammen auch die einzigen Niederschriften der Ideen des Sokrates. Platon, ob seiner Fortschrittlichkeit im Denken, zählt zu den herausragendsten Persönlichkeiten der Geistesgeschichte – seine Ideen beeinflussten zahlreiche jüdische, christliche und islamische Philosophen. Durch ihn gewann auch die bis dato recht unbedeutende Literaturgattung des Dialogs an Bedeutung. In ihr sah Plato die einzige angemessene Form der Niederschrift des für ihn so wichtigen philosophischen Suchens nach der Wahrheit.

Fast alle in der Antike bekannten Schriften Platons sind erhalten geblieben, jedoch werden zum sogenannten Corpus Platonicum auch zahlreiche, definitiv nicht von ihm stammende Schriften gezählt.

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