Zukunft des Buchhandels - Arbeitsbedingungen

Kleine Buchhandlungen vs. Buchhäuser

Obwohl Bestandteil des Einzelhandels, hinkt der Buchhandel in vielen Belangen bezüglich Organisation, Arbeitsbedingungen und einheitlichen Regelungen hinterher. Die Existenz eines Betriebsrates in einzelnen Buchhandlungen ist eher die Ausnahme, trotz der Tatsache, dass in den Betrieben mehr als drei Mitarbeiter beschäftigt sind. Unter anderem aufgrund dieser Tatsache werden viele Interessen der Buchhändler wenig oder unzureichend durchgesetzt. Sei es die Streitfrage der Raucherpause, oder ob es um Überstundenregelungen, Arbeitszeiten, Pausen- oder Urlaubsrichtlinien geht. Überstunden werden oft unbeachtet geleistet, Flexibilität wird vorausgesetzt aber in vielen Fällen nicht honoriert. An dieser Stelle merkt der Buchhändler häufig, dass er sich unverwechselbar im Einzelhandel befindet: Wenn man Glück hat, gerät man an einen kulanten Betrieb, der Freizeitsystem und Arbeitszeiten vorschriftsgemäß regelt - in größeren Betrieben vor allem ist dies jedoch oft nicht gegeben.

Diese Entwicklung wird sich - laut unserer Einschätzung - weiter verschärfen: Kunden erwarten Service und Einkaufsmöglichkeiten am liebsten rund um die Uhr; Late-Night Shopping, Sonntagsöffnungen und ähnliche Veranstaltungen sind absolut keine Seltenheit mehr. Der Buchhandel wird zur Vollzeitverpflichtung. Vor allem für die großen Buchhandelsketten steht die Marktbehauptung und Gewinnmaximierung mehr und mehr im Vordergrund; kostspielige Nebenausgaben wie die Förderung von Auszubildenden sowie Mitarbeitern durch z.B. Weiterbildungen, Seminare oder auch nur die Finanzierung der gesetzlich vorgeschriebenen Berufsschulbesuche werden - wenn überhaupt - nur äußerst ungern und in vielen Fällen einfach gar nicht geleistet. Häufig ist es inzwischen an der Tagesordnung, dass, möchte der Buchhändler sich weiterbilden, dieser dafür selbst aufkommen muss. Oftmals ist es für die Betriebe sogar selbstverständlich, bei Personalengpässen ihre Auszubildenden aus dem Berufsschulunterricht zu ziehen, um sie im Betrieb einzusetzen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen, wie z.B. die Kette Osiander, die viel und gerne z.B. finanzielle Aufwendungen für Weiterbildungsmaßnahmen übernimmt.

Die kleinen, traditionsbewussteren Betriebe hingegen fördern ihre Mitarbeiter als Repräsentanten ihres Betriebes und investieren oftmals lieber in die Qualität der Ausbildung und in das Fachwissen ihrer Buchhandelsangestellten - obwohl ihnen weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen als ihren großen Mitbewerbern.

In dieser Ungleichheit der Verteilung der Schwerpunkte liegen auch die entscheidenden Unterschiede bezüglich der innerbetrieblichen Kommunikation begründet: In kleineren Betrieben mit entsprechend wenig Mitarbeitern sind die Hierarchiestrukturen und Kompetenzen klar definiert: Jeder Buchhändler hat eine für den Betrieb unabdingbare Position und einen Aufgabenbereich den er betreut. Dementsprechend verläuft die Kommunikation - sowohl untereinander als auch mit Vorgesetzten - einfacher und unkomplizierter. Durch die große Anzahl der Mitarbeiter ist solch eine Organisationsstruktur schon nicht durchführbar: Die Möglichkeit, als Team so eng zu fungieren sowie die individuelle Betrachtungen der einzelnen Angestellten und deren Kompetenzen ist schlichtweg nicht realisierbar - auch aufgrund des großen Aufwandes. Viele Betriebe sind daher inzwischen nach Einkäufern und Verkäufern aufgeteilt.

Vorteil dieser Regelung ist ein erleichterter Arbeitsablauf im Bestell- und Bestückungsvorgang, allerdings führt diese Struktur auch oft zu einer Belastung des Arbeitsklimas, da sich die nun „degradierten“ Verkäufer ihrer buchhändlerischen Tätigkeit entmündigt fühlen.

Abzusehen ist, dass sich diese Organisationsstruktur vor allem in den Ketten und großen Betrieben durchsetzen bzw. noch weiter etablieren wird, sodass die Notwendigkeit eines ausgebildeten Buchhändlers eingeschränkt bzw. nicht mehr dringend notwendig sein wird und stattdessen Rackjobber für die Regal- und Lagerpflege eingesetzt werden. Betrachtet man ausschließlich den Bereich der Arbeitsbedingungen innerhalb des Buchhandels, so lässt sich sagen, dass der archetypische Buchhändler bzw. Buch-affine Mensch sich eher in kleinen, traditionellen Betrieben frei entfalten kann, da der Beruf des Buchhändlers in den großen Ketten mehr und mehr als Medienhändler und somit als Verkäufer zu bezeichnen ist.

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