Ovid: Ars Amatoria

vorgestellt von Deike Sophie Wendt

Ovid war – und ist bis in die heutige Zeit – ein sehr bekannter Mann. Aus einer wohlhabenden Familie stammend, durfte er eine gute Schulbildung in Rom genießen. Auf eine vielversprechende politische Karriere im Senat verzichtete er dann jedoch zugunsten seiner Dichtkunst.

Mit den Metamorphosen schuf er ein bis heute bekanntes und beliebtes Werk. Doch von den Metamorphosen soll hier nicht die Rede sein. Dieser Text widmet sich seinen eher weniger bekannten Lehrgedichten der Liebeskunst, die Ars Amatoria. Wenn auch wenig bekannt, ist die Ars Amatoria ein Beweis dafür, dass sich das Wesen der Menschheit seit der Antike doch gar nicht so sehr verändert hat; zumindest was die Suche nach der Liebe betrifft.

Zusammengefasst in drei Büchern gibt Ovid Tipps und Ratschläge wo und wie man Frauen findet, anspricht und letztendlich auch näherkommt. Im ersten Buch richtet er sich an die Männer, beschreibt wo Frauen zu finden sind und wie sie anzusprechen sind. Im zweiten Buch fährt er fort, beschreibt, wie man sich verhalten sollte, um die Beziehung zu einer Frau zu festigen. Nach dem zweiten Buch schreibt Ovid ein Schlusswort, fährt dann jedoch im dritten Buch fort, wobei er sich diesmal an die Frauen wendet. Es ist umstritten, ob dieses dritte Buch seit Beginn an geplant, oder erst nachträglich der Ars Amatoria hinzugefügt worden ist. Und wer jetzt denkt, diese Ratschläge und Tipps seien vollkommen veraltet und überholt, der liegt nicht ganz richtig. In vielen Aspekten kann Ovids Schrift auch noch in heutigen Zeiten als Ratgeber, ja sogar als „Dating-Bibel“ für gewisse soziale Kreise, wenn man so will, verstanden werden. Ob man damit Erfolg hat… ist fraglich. Doch meiner Meinung nach ist auch fraglich, ob die alten Römer damit immer so erfolgreich waren. Natürlich, um die Ars Amatoria heutzutage anwenden zu können, sodass jeder der entsprechenden Zielgruppe auch die Aussage des Textes versteht, müsste eine Überarbeitung und Neuübersetzung her.

Im Folgenden nun also eine kurze Zusammenfassung der Ars Amatoria, modern übersetzt und interpretiert: Ovid beginnt mit einer sehr selbstsicheren Einleitung. „si quis in hoc artem populo nin novit amandi, hoc legat et lecto carmine doctus amet.” (Ars 1, 1-2) [Kennt einer in diesem Volk die Liebeskunst nicht, so lese er dieses Gedicht und sei danach ein Meister der Liebe]

Er fährt fort, indem er Möglichkeiten aufzählt, wo Frauen zu treffen sind. Hierbei macht es für Ovid keinen Unterschied, ob der Leser eine Frau für eine langwierige Beziehung oder doch nur für eine Nacht sucht. „illic invenies quod ames, quod ludere possis, quodque semel tangas, quodque tenere velis.” (Ars 1, 91-93) [Dort findest du etwas zum Lieben, etwas zum Spielen, dort findest du, was du einmal berühren und was du festhalten willst]

Hat man die Frau nun gefunden, die man festhalten (oder mit der man nur „spielen“) möchte, so gibt es laut Ovid verschiedene Taktiken. Diese reichen von erzwungenem Körperkontakt, über Alkoholkonsum und unablässiger Bedrängung, bis hin zu leeren Versprechen.

„Proximus a domina nullo prohibente sedeto; iunge tuum lateri qua potes usque latus.” (Ars 1, 139-140) [Dicht neben einer Dame sollst du ungehindert sitzen; Schmiege deine Seite, so eng du kannst, an die ihre.] “Quis sapiens blandis non misceat oscula verbis? Illa licet non det, non data sume tamen” (Ars 1, 663-664) [Wer ist so dumm und mischt nicht Küsse unter die schmeichelnden Worte? Mag sie dir auch keine geben, nimm dir welche, ohne dass sie sie gibt.] „vim licet appelles: grata est vis ista puellis;” (Ars 1, 673) [Magst du es auch Gewalt nennen, diese Art der Gewalt ist den Mädchen willkommen;] „Est aliquid preater vina, quod inde petas“ (Ars 1, 230) [Außer dem Wein gibt es noch mehr, was du dort holen kannst.] „Vina parant animos faciuntque caloribus aptos;“ (Ars 1, 237) [Wein macht das Herz bereit und für die Glut der Leidenschaft empfänglich] „Forsitan et primo veniet tibi littera tristis quaeque roget ne se sollicitare velis […] insequere, et voti postmodo compos eris.“ (Ars 1, 483-486) [Vielleicht wird zu dir sogar zuerst ein abweisender Brief kommen, mit der Bitte, sie nicht mehr zu belästigen. […] Lass nicht locker, und du wirst endlich deinen Wunsch erfüllt bekommen.] „trahunt promissa puellas“ (Ars 1, 631) [Versprechungen ziehen Mädchen an]

Ratschläge, die für uns heutzutage banal und stumpf klingen, hat Ovid damals geschickt mit sprachlichen Mitteln geschmückt. Auch ziehen sich mythologische Bezüge wie ein roter Faden durch dieses Werk. Ein stilistisches Mittel, das sich in heutiger Zeit mit seriösen Quellennachweisen vergleichen lässt. Es gibt den Leser zum einen das Gefühl, Ovid begründet seine Ratschläge auf etwas handfestem, zieht sich seine Ideen nicht einfach so aus der Luft, zum anderen fühlt der Leser sich intellektuell herausgefordert. Nicht jeder dahergelaufene Bauer konnte damals die mythologischen Anspielungen verstehen. In Sachen Erhalt der Beziehung warnt Ovid den Leser, dass es sich dabei um keine leichte Angelegenheit handelt. Doch, wenn man die Ratschläge in seinem Buch befolgt, ist man auf einem guten Wege. Man muss kämpfen und alles in seiner Macht stehende tun, um die Aufmerksamkeit der Frau zu bewahren.

„Non satis est venisse tibi me vate puellam; arte mea capta est, arte tenenda mea est.“ (Ars 2, 11-12) [Es genügt nicht, dass das Mädchen dir durch mein Dichten zuteilwurde: Durch meine Kunst ist sie gefangen, durch meine Kunst muss sie festgehalten werden] „Militiae species amor est: discedite, segnes;“ (Ars 2, 233) [Liebe ist eine Art Kriegsdienst: Hinweg mit euch, ihr Faulen;]

Ehebruch und Monogamie sind heikle Themen, die Ovid schnell abwendet. Betrügt die Frau ihren Mann mit einem anderen, trägt der Ehemann selbst die Schuld. Denn ist eine Frau erst einmal allein, ist das als Einladung für alle Männer zu verstehen. “Quod tu, quod faceret quilibet, ille facit. Cogis adulterium dando tempusque locumque.” (Ars 2,365-366) [Er tut nur, was auch du und was jeder andere täte. Du erzwingst den Ehebruch, indem du Zeit und Ort zur Verfügung stellst.] “Nec mea vos uni donat censura puellae” (Ars 2, 386) [Doch verpflichtet euch mein Zensoramt nicht zur Monogamie.] “Luddite, sed furto celetur culpa modesto; Gloria peccati nulla petenda sui est.” (Ars 2, 389-390) [Tändelt, aber bescheidene Heimlichkeit verberge eure Verfehlung. Ein Ruhm auf Grund seiner eigener Sünden ist nicht erstrebenswert.]

Ausdrücklich weist Ovid darauf hin, dass er nicht zur Monogamie verpflichten möchte, ganz nach dem Motto jedem das, was ihm gefällt. Doch sollte man auch gar keinen Fall mit seinen Errungenschaften angeben. Wenn schon fremdgehen, dann auch so geschickt, dass es ein Geheimnis bleibt. Falls es doch einmal zum Streit mit der Gattin kommen sollte hat Ovid auch hierfür Tipps parat. Wichtig ist es in jedem Fehler einen Vorteil zu finden, alles schön zu reden. Kleine Frauen sind nicht klein, sie sind handlich. Große Füße sind nicht hässlich, so kommt man beim Laufen eben schneller voran.

„Parcite praecipue vitia exprobrare puellis“ (Ars 2, 641) [Haltet vor allen Dingern den Mädchen ihre Fehler nicht vor!] „nominibus mollire licet mala“ (Ars 2, 657) [Es steht uns frei, die Übel zu mildern, indem wir sie anderes benennen…] „Dic „habilem“, quaecumque brevis […] et lateat vitium proximitate boni…“ (Ars 2, 661-662) [nenne eine jede, die klein ist, „handlich“ […] So sei jeder Fehler unter dem benachbarten Vorzug verborgen]

Das zweite Buch schließt Ovid mit den Worten „Sed, quicumque meo superarit Amazona ferro, inscribat spoliis NASO MAGISTER ERAT“ ab. (Ars 2,743-744) [Doch ein jeder, der mit meinem Schwert eine Amazone besiegt hat, schreibe auf die Beute, der er weiht: Naso war mein Leherer.]

Im dritten Buch spricht er direkt mit den Frauen. Und um dieses Buch kurz zusammenzufassen lässt sich nur sagen: Was verschwendet ihr Frauen eure Zeit damit dieses Buch zu lesen? Geht raus und lasst euch von dem erst besten Mann mit nach Hause nehmen, solange ihr gut ausseht und eure Mängel verstecken könnt, müsst ihr nichts weiter tun.

„Ite per exemplum, genus o mortale, dearum, gaudia nec cupidis vestra negate viris.” (Ars 3, 87-88) [Folgt, ihr Sterblichen, dem Beispiel der Göttinnen und verweigert eure Gunst nicht den Männern, die euch begehren.] “Ut iam decipiant, quid perditis?” (Ars 3, 89) [Mögen sie euch auch betrügen, was verliert ihr schon?] „Quis vetet adposito lumen de lumine sumi“ (Ars 3, 93) [Wer möchte verbieten, Licht vom Lichte zu nehmen, das offen dasteht…] „Damna vetat: damnis munera vestra carent“ (Ars 3, 98) [Was ihr uns schenkt, bringt euch keinen Verlust] “Rara tamen menda facies caret: occule mendas, quaque potes, vitium corporis abde tui. Si brevis est sedeas, ne stans videare sedere.” (Ars 3, 261-263) [Selten ist freilich ein Gesicht fehlerlos: Verbirg also die Fehler und verstecke, soweit du es kannst, deinen körperlichen Mangel. Wenn du klein bist, so sitze, damit du nicht zu sitzen scheinst]

Alle Zitate und Übersetzungen stammen aus „Ars amatoria – Liebeskunst lateinisch / deutsch“ erschienen 1992 im Reclam Verlag, herausgegeben und übersetzt von Michael von Albrecht

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