Anne Tyler: Atemübungen

Vor ein paar Monaten hielt ich meinen ersten Roman von Anne Tyler in der Hand:„Im Krieg und in der Liebe“. Dieser machte mich neugierig auf weitere Romane, die ich mir dann gleich zulegte und einige las. So stieß ich dann auch auf „Atemübungen“, für den Anne Tyler 1989 den Pulitzer-Preis erhielt.

Anne Tylers Stil ist unbeschreiblich. Wer sie nicht kennt oder noch kein Buch von ihr gelesen hat, wird sich wundern, warum Geschichten über den Alltag amerikanischer Ehepaare - ihr zentrales Thema in nahezu all ihren Romanen - plötzlich so faszinierend sein sollen. Es ist eben die liebevolle Art und Weise, die Tyler gebraucht, um Menschen mit all ihren Eigenarten darzustellen. In diesem Roman geht es um Maggie und Ira Moran. Tyler verbannt jegliche pessimistische Anschauungen von lang anhaltenden Ehen ins Abseits. Dieses Paar ist immerhin schon 28 Jahre verheiratet. Natürlich gibt es Konflikte und grundverschiedene Ansichten. Aber genau das scheint eine Nähe zwischen beiden Protagonisten zu schaffen, denn das entscheidende Element in deren Ehe heißt Akzeptanz. Diese Erkenntnis kann sich der Leser aus den folgenden beiden Erzählebenen ziehen:

Das Hier und Jetzt:

Maggie und Ira fahren mit dem Auto zu einer Beerdigung. Maggie fühlt sich verpflichtet, einer alten Freundin Beistand zu leisten, deren Mann verstorben ist. Ira ist lediglich Begleitperson. Die Autofahrt zeigt, wie verschieden beide doch sind. Auf der einen Seite die alternde Maggie, die sich zwanghaft in die Leben anderer einmischt und sogar am Ende versucht, die längst gescheiterte Beziehung zwischen ihrem Sohn und seiner Exfrau zu „retten“, und auf der anderen Seite der ruhige Ira, der die Ansicht hat, dass sich jeder um sein eigenes Leben kümmern muss. Also zwei gegensätzliche Grundeinstellungen, die auf dieser Fahrt immer wieder aneinanderprallen. Und doch besitzt Ira so viel Nachsicht, seine Frau in ihren fast realitätsfernen Aktionen zu unterstützen. Ein rührender Aspekt, der das Funktionieren einer ganz eigensinnigen Liebe erklärt.

Die Vergangenheit:

In Rückblenden werden wichtige Stationen im Leben des Ehepaares aufgegriffen: das erste Kennen lernen, die Hochzeit, der gemeinsame Sohn, Probleme mit Familienangehörigen. Diese Auslegungen unterstreichen die Normalität und rufen dadurch eine einzigartige Authentizität hervor. Man lernt die beiden kennen und versteht, wie sie das geworden sind, was sie im Hier und Jetzt sind.


Am Ende dieser Fahrt durch das Leben dieses amerikanischen Ehepaars dachte ich, dass ich die beiden persönlich kennen gelernt habe und nicht dadurch, dass ich ihre Geschichte einfach nur gelesen habe. Faszinierend ist, dass Normalität so faszinieren kann. Es geht um den Alltag einer ganz normalen Ehe, was aber Glück und lang anhaltende wahrhafte Liebe nicht ausschließt.

Das Schönste an diesem Roman ist, dass man sich, meiner Meinung nach, immer mit einbezogen fühlt, weil es oft das scheinbar Alltägliche ist, was am Ende dann doch für jeden von uns wichtig ist. Das kann auch daher kommen, dass der Erzählstil nicht so abgehoben ist, sondern dass die Autorin immer sehr dicht an den Figuren bleibt und Verständnis für sie aufbringt.

Fest steht: Anne Tyler ist eine der wichtigsten und besten amerikanischen Schriftstellerinnen unserer Zeit!

Maria Manowski, 2009

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