Guy de Maupassant: Auf See

Mare-Verlag

Reisebericht oder Fiktion?

Was wie ein literarischer Reisebericht beginnt - der „Roman“ Auf See von einem der bekanntesten französischen Autoren aus der Zeit von Flaubert, entpuppt sich als faktenlos … oder zumindest haltlos und zusammengewürfelt. Doch nimmt auch diese Tatsache dem Bericht nicht die wilde und menschenverachtende Schönheit, die dem Text innewohnt.

Aber beginnen wir, wo Geschichten anfangen: beim Beginn!

Für denjenigen, der noch nichts von Maupassant gelesen, für denjenigen, für den die Erzählung Auf See wie alle andere Erzählungen und Romane Maupassants Neuland sind, für den bleibt die Erzählung wohl lehrreich und eine überaus detailgenaue geschilderte Betrachtung der damaligen Zeit; ein wunderbar strukturiert und doch so luftig, locker und leicht autobiografisch zu lesender Bericht über einen Mann, der die Menschen satt hat und aufbrechen will, in die reinste Natur hinein. Im Brausen der Elemente, der Urgewalt des Meeres, die Südküste Frankreichs entdecken, mit zwei Gefährten an der Seite, seinen eigenen Gedanken über Gott und die Welt nachsinnend.

Nebenher erfährt man einige sehr interessante Fakten, so scheint es zumindest. Über Burgen, Landstriche, Namen, die es zu Maupassants Zeit an der Küste zu bestaunen gegeben hatte. Nautische Weisheiten sind wohldurchdacht in die Geschichte mit eingewoben, sie nehmen nicht überhand, es wird allerdings auch nicht im Wissen darum gespart, dass der Text von einem in der Hinsicht fachkundigen Mann geschrieben worden ist.

Wenn der unbedachte Leser den ungefähr 160 Seiten umfassenden Bericht liest, um die Person Maupassants kennenzulernen, für den muss man sagen: gut gewählt! Blendet man nämlich alle sachlichen Informationen aus und fängt nicht an über diverse kleine Geschichten und Jahreszahlen nachzudenken, man konzentriert sich also auf Gedankengänge und die Hauptperson selbst, so kann man sich Maupassant zu Lebzeiten wunderbar vorstellen, was für Anlagen er hatte, dass er dachte im Mittelmaß zu versinken, weil er dies von allen Menschen dachte, dass er den Pöbel verachtete eben weil es der Pöbel war und keine eigenen Gedanken hervorbrachte, es war die Masse, die ihn abschreckte und zu der er immer wieder zurückkehrte, die ihn langweilte und doch in ihren Bann schlug. Er suchte Zerstreuung und doch wusste er um die Triebhaftigkeit allen Seins, also auch von sich selbst. Er versuchte sich nicht nur in diesem Bericht zu verändern und doch mit dem Hintergedanken, dass aller Versuch letzten Endes zum Scheitern verurteilt ist, da der Mensch als Mensch sich nicht verändern kann, so seine Ansicht. Ein vom Naturalismus ins realistische abdriftender Bericht ist Auf See. Und eigentlich auch kein Bericht, ein fiktionaler Bericht vielmehr, denn wie bereits erwähnt, auf Fakten sollte man sich hier nicht verlassen, Jahreszahlen sind falsch und auch der Text selbst scheint, wie ein britischer Übersetzer des Buches belegt hat, aus vielen kleineren Texten Maupassant zusammengesetzt und ausgeschmückt worden sein. Ganze Textpassagen sind aus journalistischen Texten von ihm entnommen, man hält also ein Flickenteppich in Händen, doch ein Flickenteppich, dem man gar nicht diesen Charakter ansieht, erst wenn man sich weiter mit Autor und Werk beschäftigt.

So soll nun auch meine Empfehlung sein, wer von Maupassant noch nichts gelesen hat, der den Mann als Charakter kennenlernen möchte und keine Ansprüche auf historische Korrektheit hat, dem empfehle ich Auf See als das zu lesen, was es ist: Eine auf fiktionaler Ebene angesetzte Reiseautobiografie! Ein kleiner Einblick in die Person Maupassants.

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