Nikolai Gogol: Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen


Aus dem Russischen von Alexander Eliasberg. Anaconda. ISBN 978-3-86647-236-5
vorgestellt von Jessica Jaschke-Hahne



Thomas Mann:„Seit Gogol ist die russische Literatur komisch.“
Die Erzählung „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ ist meiner Ansicht nach ein gutes Beispiel zur Untermauerung dieser Behauptung. Aber seht selbst…

Über einen – zum Schluss – nicht näher zu bestimmenden Zeitraum hinweg, beginnend mit dem 03. Oktober, werden wir mittels der Tagebucheinträge des Aksenti Iwanowitsch Poprischtschin Zeuge seines mehr oder weniger tristen Daseins: er ist Titularrat im Sankt Petersburger Departement, scheint dort aber allein für das Zuspitzen der Federkiele seines Vorgesetzten zuständig zu sein. Poprischtschin ist sichtlich ungehalten über seine niedere Beamtenstellung und die damit einhergehende Behandlung durch die ihm gegenüber Höhergestellten, gibt sich aber der Hoffnung hin, dass er sich noch hinaufdienen kann. Er sei schließlich […] nur zweiundvierzig Jahre alt und in diesem Alter beginnt erst der richtige Dienst. In seinen Tagebucheinträgen nimmt er jedoch kein Blatt vor den Mund und teilt dem geneigten Leser unverhohlen seinen derzeitigen Unmut über Gott und die Welt mit.
Zugleich erfahren wir aber auch, dass der Herr Titularrat ein Auge auf die Tochter des Direktors geworfen hat, ein Wesen leicht wie ein Vögelchen mit zuckersüßen Lippen. Wie schwer trifft ihn dann die Erkenntnis, dass die von ihm Angebetete sich einem anderen Mann – einem Kammerjunker, einem jungen Adeligen mit Augen so schwarz wie Achat - zugewendet hat, bei ihm jedoch sich gar nicht des Lachens enthalten (kann), wenn sie ihn ansieht !
Und wie muss unser unglücklich Verliebter dieser Tatsache erfahren? Nun, man könnte sagen, er sei selbst Schuld an seinem Elend – von der bevorstehenden Heirat seiner Angebeteten hat er schließlich durch einen nicht an ihn adressierten Brief erfahren, den er noch dazu unrechtmäßiger Weise entwendet hat.
Aber wenden wir uns doch zunächst etwas genauer dem Verfasser dieses Schriftstückes zu. Gottseidank besaß Poprischtschin die Weitsicht, den Leser bereits zu Beginn darauf hinzuweisen, dass er seit einiger Zeit […] zuweilen solche Dinge (höre und sehe), die noch kein Mensch gesehen und gehört hat, so verwundert es dann auch nicht weiter, als wir von der wahren Identität der Briefeschreiberin erfahren: es handelt sich hierbei um Maggie; eine Gestalt, die dem Herrn Titularrat wohl bekannt ist – in Form des Schoßhündchens seiner Angebeteten.
Auch wenn dem Herrn Titularrat die Machart des Briefes nicht zusagt - Ein auffallend ungleichmäßiger Stil! Man sieht gleich, dass es kein Mensch geschrieben hat: Er fängt an, wie es sich gehört, und schließt ganz hündisch - so stürzt ihn die darin enthaltene Nachricht dennoch in ein tiefes seelisches Loch, aus dem er sich erst wieder langsam befreien kann, als ihm der Gedanke kommt, dass er ja vielleicht gar kein einfacher Titularrat sei. Es gibt doch so viele Beispiele in der Weltgeschichte: Ein ganz einfacher Mensch, nicht einmal ein Adliger, sondern ein Kleinbürger oder sogar Bauer entpuppt sich als hoher Würdenträger, als ein Baron oder wie heißt das noch…
Trifft es sich da nicht hervorragend, dass Poprischtschin aus den Zeitungen erfährt, dass der Thron in Spanien gerade vakant ist? Und ist es nicht ganz offensichtlich, dass Aksenti Iwanowitsch Poprischtschin in Wahrheit Ferdinand VIII., rechtmäßiger König von Spanien ist?
Es gibt jedoch ein kleines Problem mit seiner neuen Stellung – er muss mit der rechtmäßigen Thronbesteigung warten, bis ihn die spanischen Delegierten abholen und die lassen leider etwas auf sich warten. Aber am Ende fügt sich alles zum „Guten“ und Ferdinand VIII. befindet sich dort, wo er hingehört…

So amüsant und auch komisch sich die in den Wahnsinn abgleitenden Gedanken des Protagonisten lesen lassen – ich glaube, die wahre Größe dieser durch Gogol perfektionierten Komik lässt sich erst bei wiederholtem Lesen ermessen – so traurig stimmen sie auch. Und wenn Aksenti Iwanowitsch Poprischtschin am Ende seinen Schmerz hinausschreit: „Mütterchen, rette deinen armen Sohn! […] Mütterchen, erbarme dich deines kranken Kindes!“ so überwiegt doch das Mitleid mit dieser armen Seele. Aber Poprischtschin wäre nicht Poprischtschin (oder Gogol nicht Gogol), wenn er uns nicht ganz zum Schluss noch etwas zum Nachdenken mit auf den Weg geben würde; namentlich die wichtige Information, dass der Bei von Algier eine Beule unter der Nase hat.
Dazu kann ich nur sagen: „Nastrovje! (Auf die Gesundheit!)“


Sofern nicht anders gekennzeichnet, stammen die Zitate aus dem besprochenen Buch.



Daten und Fakten zum Autor:
Nikolai Wassiljewitsch Gogol
* 20.03.jul (01.04.greg) 1809 in Welyki Sorotschynzi, Oblast Poltawa, Ukraine
† 21.02.jul (04.03.greg) 1852 in Moskau, Russland

Als kränkliches Kind von seinen Mitschülern gehänselt, versuchte sich Gogol als junger Erwachsener zunächst erfolglos als Schriftsteller und Schauspieler. Der literarische Erfolg sollte sich erst einstellen, als er 1831 auf Alexander Puschkin traf, der ihm den Weg in die russische Literatur wies.

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