Tania Blixen: Babettes Fest

Vorgestellt von Désirée Bahr

Fröhliche Musik wird eingespielt. Der Schriftzug „Landpartie“ erscheint. Die Kamera zeigt bedächtig kurze Eindrücke aus der norwegischen Provinz: hohe Berge, ein schmaler Meeresarm, leichter Nebel hängt über dem Grünen. Am Fuße des Berges liegt eine kleine Stadt mit winzigen, bunten Häuschen. Heike Götz radelt zielsicher auf ein gelbes zu, steigt ab und lehnt ihr Rad an die Häuserwand.
Heike Götz: (lächelt) Hallo, liebe Zuschauer! Heute befinden wir uns in dem schönen, freundlichen Örtchen Berlevaag. In diesem Haus (Kamera schwingt einmal von links nach rechts) wurde vor vielen Jahren ein rauschendes Fest gefeiert. (sie klopft an die Tür und ein älterer, bärtiger Mann öffnet. Die beiden schütteln sich die Hand) Guten Tag! Sie sind bestimmt Gunnar Bengsston, der uns erzählen kann, was an diesem Fest damals so besonders war!
Gunnar: Ja, das ist richtig. (macht eine einladenden Handbewegung) Kommen Sie doch herein!
Das Haus ist karg und einfach eingerichtet. Ein Herd, eine Anrichte an der linken Wand, daneben ein Kachelofen. In der Mitte des Zimmers stehen ein großer, grob gezimmerter Holztisch mit vier Stühlen.
Heike Götz: Urig, aber gemütlich.
Gunnar: (lächelt) Hier hat einst der Propst gelebt, zusammen mit seinen beiden Töchtern. Wie man sieht, hatten sie nicht viel Geld. Heike: Der Propst von der Gemeinde hier?
Gunnar: Ganz genau. Er wird noch heute als Heiliger verehrt. Seine Töchter, Martine und Philippa, waren beide sehr schön, doch ihr tugendhafter Lebensstil und ihre Vorstellung von Liebe verhinderten, dass sich je eine von ihnen vermählte.
Die Kamera schwenkt auf ein hölzernes Kruzifix, das dort hängt.
Heike: Die Armen!
Gunnar: Damals war das nicht ungewöhnlich. Schließlich waren sie auch die Töchter des Propstes, die alle hier von Kindesbeinen an kannten. In einem Ort wie diesem ist jeder unter Beobachtung. (lacht) Mal sehen, wie Sie nachher bestürmt werden, wenn ich Ihnen die Stadt zeige.
Heike: (lacht auch) Ich freue mich sehr darauf. (streicht über den Holztisch und setzt sich auf einen Stuhl) Hier hat sich also das besagte Fest zugetragen? (Gunnar nickt)
Gunnar: (nimmt ebenfalls Platz) Keine Sorge, ich erzähle Ihnen die Geschichte von Anfang an. (Kamera ist auf ihn gerichtet) Philippa hatte einst einen Verehrer, einen großen französischen Opernsänger namens Achille Papin. Nach ihrer Zurückweisung verließ er den Ort und kehrte nie wieder. (steht wieder auf, geht zu einem großen Schrank neben der Treppe und holt einen Kerzenständer daraus hervor) Für die Geschichte brauchen wir das richtige Licht. (lächelt, stellt die Ständer auf den Tisch und zündet die Kerzen an) Fünfzehn Jahre später, im Juni 1871, klingelte des nachts jemand an der Tür. (Kamera schwenkt auf die Eingangstür aus dunklem Holz) Es war eine Frau namens Babette Hersante, die einen Brief von Achille Papin bei sich trug. In dem Schreiben bat er die Schwestern, Babette bei sich aufzunehmen und als Haushaltshilfe einzustellen. In Frankreich herrschte Krieg und sie hatte beschlossen, zu fliehen. Er hatte ihr geraten, doch bei den freundlichen Menschen aus Berlevaag Unterschlupf zu suchen.
Heike: Da war sie bestimmt lange unterwegs. Eine Schiffsreise dauert ja heute auch so um die 14 Tage.
Gunnar: (nickt) Babette wurde schon bald ein wertvolles Mitglied der Gemeinde von Berlevaag. Obwohl ihr die Umgebung und die Lebensart fremd waren, eignete sie sich alles sehr schnell an. Sie war eine einsilbige, introvertierte Frau, die selten aus ihrem früheren Leben erzählte. So wussten die Schwestern nicht, dass sie in Paris eine berühmte Köchin war und seit Jahren immer mit dem gleichen Einsatz Lotto spielte. Die Zubereitung preiswerter, einfacher Haushaltskost wurde ihrem Können nicht gerecht, dennoch sagte sie nie ein Wort. So gingen zwölf Jahre ins Land. Der hundertste Todestag des Propstes stand ins Haus. Martine und Philippa wollten ihn gerne festlich begehen, jedoch hatten Streit und Zwietracht unter den Gästen letztes Mal dem Zusammentreffen ein jähes Ende bereitet.
Heike: Ich dachte, hier ist jeder mit jedem gut Freund.
Gunnar: Eigentlich schon, aber Familienzwist und Liebeskummer machen leider vor niemandem Halt. Eines Tages kam ein Brief für Babette an. Sie hatte doch tatsächlich den Grand Prix, zehntausend Francs, gewonnen!
Heike: Da hat sich ihre Hartnäckigkeit wohl ausgezahlt.
Gunnar: Das können Sie laut sagen! Für die Schwestern war damit klar, dass Babette in ihre Heimat zurückkehren würde, jetzt, wo der Krieg lange vorbei war und sie das nötige Geld besaß. Doch zu ihrer Überraschung bat sie, das Festessen für den Props ausrichten zu dürfen. Martine und Philippa wollten dies erst ablehnen, da Babette sie aber noch nie um etwas gebeten hatte, sagten sie schließlich zu. Babette stürtzte sich mit Feuereifer in die Vorbereitungen. Alle Zutaten ließ sie aus Frankreich kommen. Darunter befand sich nicht nur Wein, der den Misstrauen der Schwestern schon genug schürte, sondern auch absonderliche Dinge wie eine Schildkröte.
Heike: (zweifelnd) Nun, ich weiß auch nicht, ob ich die essen würde…
Gunnar: (grinst) Wenn sie gut zubereitet ist – warum nicht? Insgesamt wurden zwölf Gäste am Abend des Festes erwartet. Sie alle hatten den Schwestern versprochen, kein lobendes Wort über das Essen verlauten zu lassen. Nichts, was man ihnen vorsetzen würde, und sollten es selbst Frösche oder Schnecken sein, würde ihren Lippen ein Sterbenswörtchen entringen. Denn an diesem heiligen Tag wollten sie frei sein von den irdischen Gelüsten. Der einzige, der Babettes kulinarische Fähigkeiten erkennt, ist der ehemalige Verehrer von Martine, General Löwenhjelm, der sich dazu berufen sieht, eine Rede zu halten: Gottes Gnade ist grenzenlos und stellt an niemand Bedingungen. Seine Tischnachbarn sehen in dem General eine Art Wiedergeburt des Propstes und das Eis bricht. Sie lachen, reden und feiern, als würde es kein Morgen geben. Noch lange nach Mitternacht erstrahlten die Fenster des Hauses golden; und golden strömte Gesang hinaus in die Winterluft.
Heike: Das klingt wirklich nach einem erstaunlichen Fest. (fährt nachdenklich über die Tischplatte) Aber was wurde aus Babette?
Gunnar: Sie verriet den Schwestern, dass sie ihre gesamtes Geld für das Essen ausgegeben habe und nun für immer bei ihnen bliebe. „Ich bin eine große Künstlerin, Mesdames“, sagte sie. „Eine große Künstlerin ist niemals arm.“ Und nach ihrem Tod wurde in der Stadt ein Restaurant eröffnet, das ausschließlich französische Kost anbietet. Es heißt Chez Babette.
Heike: (begeistert) Ach, das ist eine wunderschöne Geschichte, Gunnar!
Gunnar: (steht lächelnd auf) Nicht wahr? Wenn wir uns beeilen, können wir noch von der berühmten Schildkrötensuppe probieren!
Heike: (verzieht das Gesicht) Ich würde lieber etwas anderes essen…
Gunnar: Wie wär´s mit Froschschenkeln?
Heike: (lacht) Sie sind gemein!
Sie gehen lachend aus dem Haus, die Kamera schwenkt noch einmal durch den Wohnraum. Fröhliche Musik wird eingespielt.

(Désirée Bahr, 2013)

Vorgestellt von Neele Hamann

Der Titel des Buches macht dem Leser nicht gerade Lust auf das Dabeisein eines bevorstehenden oder schon gewesenen Fest mit Babette. Die gegensätzlichen Hauptfiguren aber lassen den eher nüchtern klingenden Titel sofort vergessen. Die Geschichte handelt von zwei Schwestern, Martine und Philippa , ansässig in Norwegen in der Kleinstadt Berlevaag. Die Ortsbeschreibung klingt wie das Wohnen am Ende der Welt, wo jeder jeden gut kennt. Der Vater ist Pastor und Prophet. Er ist der Begründer einer pietischen Partei bzw. Sekte, die ihren Mitgliedern jegliche Freuden dieser Welt versagt. Ihr Sinn war das Streben nach dem neuen Jerusalem. So leben die pietistischen Schwestern in Frömmigkeit und Nächstenliebe, bis Babette an ihre Tür klopft und einen geheimnisvollen Brief als Empfehlungsschreiben dabei hat. Die Ursache für das Auftauchen von Babette liegt aber viele viele Jahre zurück, tief verschlossen in den Herzen der beiden Schwestern. Das kleine Dörfchen wird wachgerüttelt von der Fremden, sie drückt die Preise mit ihrem gebrochenen Norwegisch und verbreitet Furcht und Schrecken auf dem Markt und dem Fischereihafen. So etwas hat sich noch niemand zuvor getraut. Aber die Schwestern blühen auf, durch die Anwesenheit von Babette, nur manchmal kommt ihnen die alte Dame sonderbar und rätselhaft vor so das ihnen eine kleiner Schauer über den Rücken rieselte. Wer ist Babette wirklich? Ein großes Jubiläum steht im Hause der Schwestern an, der 100. Geburtstag des verstorbenen Vaters. Aber dieses Fest steht unter keinem guten Stern, war doch der Geist des Vaters bei seinen Jüngern langsam dabei sich aufzulösen. Die Schwestern bemühen sich nach allen Kräften Frieden unter den Jüngern zu säen. Der Geburtstag rückt immer näher… Dann bekommt Babette das erste Mal in den zwölf Jahren, die sie schon bei Martine und Philippa weilt, plötzlich Post. Die beiden Schwestern bringen kein Wort hervor…

Fazit: Eine sehr gelungene Erzählung mit einer überraschenden Wende. Trotz karger Landschaftsbeschreibung und der sehr asketischen Lebenseinstellung der beiden Schwestern bekommt der Leser farbenfrohe und warmherzige bis abenteuerliche Bilder serviert. Sehr anrührend verfolgt er fast 20 Jahre die Lebensgeschichte von Martine und Philippa und verlässt nur sehr ungern den Platz des Geschehens.

(Neele Hamann, 2013)

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