Herman Melville: Bartleby, der Schreiber

Die Geschichte von Bartleby ist eigentlich schnell erzählt. Der Ich-Erzähler unterhält ein Kopierbüro an der Wallstreet. Es ist die Mitte des 19. Jahrhunderts, es geht also darum mitunter sehr umfangreiche Verträge zu Kopieren, und zwar in Form einer Abschrift. Verfahren zur automatischen Fotokopie waren noch nicht entwickelt.

Er beschäftigt zunächst drei Angestellte. Turkey, Nippers und Ginger-Nut. Der zuletzt genannte ist sein Lehrling, er hat seinen Namen aufgrund einer Vorliebe dieses spezielle Gebäck – die Ginger-Nuts – zum Mittagessen zu verspeisen. Die anderen beiden zeichnen sich durch eine etwas seltsame Eigenschaft aus. Während der eine, der beleibte Turkey in den Stunden vor dem Mittagessen geradezu unausstehlich ist, nicht konzentriert arbeiten kann und ein sehr unfreundlicher Angestellter ist, verhält es sich bei dem anderen gerade andersherum. Er ist in den Morgenstunden ein sehr ausgeglichener, mustergültiger Angestellter und verwandelt sich, je näher der Abend rückt in einen Derwisch, der schnell in rasenden Zorn gerät, die Dokumente mit Tintenklecksen beschmutzt und schwierig im Umgang wird. Über irgendwelche Verhaltensauffälligkeiten Ginger-Nuts wird nichts weiter bekannt.

Es kommt dazu, dass der Ich-Erzähler einen weiteren Mitarbeiter einstellen muss. Und hier tritt zum ersten mal Bartleby auf. Der immer etwas geisterhaft wirkende junge Mann leistet zunächst auch gute Arbeit und findet in dem Schreibbüro eine feste Anstellung.

Als es einmal dazu kommt, dass die Bürobesetzung zum Abschluss eines Tages die geschriebenen Seiten der Verträge mit einander vergleichen möchte, zeigt Bartleby zum ersten Mal seine leicht abwegigen Wesenszüge. Obwohl ihm die anderen glaubhaft versichern, dass ein Vergleich der Seiten die Arbeit enorm erleichtere und zusätzlich auch noch eine Menge Zeit einspart, entgegnet Bartleby nur „Ich würde lieber nicht“. Während Turkey immer noch milde versucht zu erklären, dass dieser Vergleich einfach sei und der beste Weg die Arbeit zu erledigen, wird Nippers rasend (es ist nach 12 Uhr mittags) und rät seinem Chef, den neuen Angestellten sofort zu entlassen. Er bietet auch an, ihn eigenhändig aus dem Schreibbüro zu „entfernen“.

Mit der Zeit kommt es zu immer zahlreicheren Situationen, in denen sich Bartleby verweigert. Immer wieder benutzt er dafür den gleichen Ausdruck „Ich würde lieber nicht.“ Es kommt sogar soweit, dass der Ich-Erzähler am morgen eines Sonntages vor einer Messe in sein Büro möchte. Erstaunt stellt er fest, dass es von innen verschlossen ist. Er klopft an, Bartleby öffnet verschlafen die Tür. Der Ich-Erzähler verlangt Einlass. Dieser wird ihm jedoch mit den bekannten Worten „Ich würde lieber nicht“ verweigert. Er muss feststellen, dass Bartleby, der abgesehen von seinen „Ausfällen“, ein sehr fleißiger und zuverlässiger Angestellter ist, scheinbar in dem Schreibbüro wohnt. Im laufe des Romans kommt es soweit, dass sich der I-E. dazu entschließt, Bartleby kündigen zu müssen. Aber auf die Bitte, das Büro nun zu verlassen, entgegnet der nur die wohl von jedem erwartete Antwort: „Ich würde lieber nicht.“ Auch auf das Angebot einer großzügigen Abfindung und anderer Annehmlichkeiten reagiert Bartleby nicht. So entscheidet sich der I-E. nun dazu, dass er das Büro verkaufen muss um Bartleby endlich loszuwerden. Das setzt er auch in die Tat um. Er räumt das Büro, zieht in neue Räume und findet einen Abnehmer. Er selbst verspürte immer eine Art Freundschaft oder Verbundenheit mit Bartleby, er getraute sich nicht ihn zu hart anzupacken und resignierte am Ende vor dessen Starrsinn. Nicht so der neue Besitzer des Büros. Er lässt sich die Besetzung seiner Räume nicht bieten und lässt Bartleby kurzerhand von der Polizei entfernen. So kommt es dazu, dass Bartleby im Gefängnis endet. Hier verweigert er sich der Nahrung, die ihm immer wieder angeboten wird. Am Ende stirbt er, weil er sich weigert zu essen. Er würde lieber nicht.

Eine Geschichte die mich wirklich bewegt hat. Man tappt genauso im dunkeln wie der Ich-Erzähler. Keine Idee, woher Bartleby kommen könnte, und auch keine warum er sich so verhält, wie er sich verhält. Man wird auch nicht aufgeklärt. Man muss sich sein eigenes Bild machen. Die Geschichte enthält viele komische Elemente, es ist denkbar, dass sie bei ihrer Veröffentlichung nur der Unterhaltung diente. Dafür finde ich das Ende jedoch zu drastisch und man entwickelt zu viel mitgefühl mit dem mysteriösen Bartleby, dessen Gestalt die ganze Zeit etwas geisterhaftes und bleiches anhaftet. Vielleicht ist es mehr als nur bloße Unterhaltung. Es könnte um die Selbstbestimmung des Individuums gehen, die immer mehr verlustig geht, dadurch das sie den äußeren Zwängen der Arbeit und letztendlich auch der Gesellschaft unterliegt. Das traurige daran ist in meinen Augen nur, dass das Aufbegehren dagegen – durch Bartlebys Verhalten dargestellt – am Ende nicht belohnt wird und Bartleby am Hungertod stirbt.

Felix-Sebastian G.

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code bartleby_der_schreiber (erstellt für aktuelle Seite)