Pawel Sanajew: „Begrabt mich hinter der Fußleiste“

Begrabt mich hinter der Fußleiste“ spielt in den 1970er Jahren der Sowjetunion. Sascha Saweljew erzählt uns seine Geschichte: Er ist sieben Jahre alt, geht in die zweite Klasse und lebt bei seinen Großeltern. Denn seine Mutter hat ihn gegen einen Giftzwerg, einen Erbschleicher eingetauscht. Das weiß er von seiner Großmutter.

„Gleich zu Beginn meines Berichts möchte ich erzählen, wie ich von Großmutter gebadet werde, und ich bin sicher, das wird euch interessieren. Das Baden war bei Großmutter nämlich eine ganz besondere Prozedur, davon werdet ihr euch gleich selbst überzeugen können.“

Und damit hat er recht, so eine Art Baden ist wirklich ungewöhnlich: Die Großmutter wäscht Sascha unter tosendem Gebrüll und Beschimpfungen. Denn er, das Miststück das langsam verfault, kann es nicht allein. Sascha hat Angst, die Großmutter könnte ihn in der Wanne ertränken und als sie seinen Hals waschen will überlegt er, ob sie ihn vielleicht erwürgen will. Doch soweit kommt es nicht, denn die Großmutter liebt ihren Enkel. Sie ist eine Tyrannin, tobsüchtig und verletzend. Sie hat Sascha seiner Mutter entrissen und gestatte ihr nur sehr selten, ihren Sohn zu sehen.

Doch genau diese Besuche sind es, die Sascha Freude bereiten. Er sehnt sich nach ihrer Nähe und Wärme, aber für ihn ist dieses Verhältnis ganz normal: Sein Glück ist seine Mutter, sein Leben ist seine Großmutter.

Der Buchtitel rührt von einem Gedanken Saschas her: Er leidet an Staphylococcus aureus, was bedeutet, dass er mit spätestens 16 Jahren verfault sein wird, so seine Großmutter. Also wünscht er sich, hinter der Fußleiste in der Wohnung seiner Mutter begraben zu werden, sobald es soweit sein würde. Weil es dort keine Würmer gibt, weil der Friedhof ein viel schlimmerer Ort ist, damit seine Mutter ihm nahe sein kann.

Seine Großmutter ist gezeichnet vom Leben, scheint es zumindest zu glauben: Psychatrieaufenthalte, eine scheinbar fehlgeschlagene Ehe und der Verlust ihrer Tochter an einen Mann, den sie auf den Tod nicht ausstehen kann. Sascha bekommt seit vielen Jahren tagtäglich zu spüren, wie sich ein einst so liebevoller Mensch - jemand, der gut und gerne eine Bilderbuch-Oma werden können, in jemand so derart Bösen verwandeln kann. Im Prinzip ist es Sascha, der ihren ganzen Frust abbekommt und man wird das Gefühl nicht los, er soll nun ihr Versagen, ihr Unglück im Leben ausbaden. Die Großmutter behandelt ihn wie einen Erwachsenen, wenn sie mit ihm spricht. Wie jemanden, mit dem man am liebsten gar keine Zeit verbringen will, weil er einen an allem hindert, einen belastet und obendrein auch noch unangenehm ist: „Du stinkst schon nach Aas. Riechst du es nicht? Du gottverdammtes stinkendes Miststück! Du Miststück! Du Hundesohn!“

Dennoch steht außer Frage, dass Sascha sowohl von seiner Mutter als auch von deren Mutter geliebt wird. Die Tragik besteht darin, dass die Familienverhältnisse, in die Sascha hineingeboren wurde, derart zerrüttet waren und sind, dass er nun wie ein Spielball zwischen den beteiligten hin und her geschubst wird. Der eine will nicht nachgeben, der andere ist zu schwach, um sich zu behaupten.

Begrabt mich hinter der Fußleiste“ schildert ein Kindheitsdrama, das bewegt. Es ist erschreckend nüchtern oder makaber komisch. Aber nicht melancholisch. Man erkennt ein Familiendrama, das auf Missverständnis, Sturheit und Eigensinn gründet. Alles zulasten des kleinen Sascha - der all das erstaunlicherweise als selbstverständlich wahrnimmt und emotionsgeladene Aussagen als Fakten akzeptiert. Daher verwundert es auch nicht, dass er seine Mutter liebevoll „Flittchen“ nennt…-übernommen aus dem Wortschatz seiner Großmutter.

Melanie Nagel*

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