Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz - Erzählungen (1946)

Tadeusz Borowski, geboren 1922 in der Ukraine, lieferte mit seinen Erzählungen, in denen er die Jahre seiner Inhaftierung in verschieden Konzentrationslagern schildert,
eines der beklemmendsten Zeugnisse des 20. Jahrhunderts ab.
Er überlebte das Inferno der Lager, berichtet über Bedrohung und Versuchung, Angst und Hoffnung.
Borowski war einer der ersten, die mit literarischen Mitteln die erlebten Greuel zu beschreiben versuchte.
Dabei ist die Tragik seiner Geschichten begleitet von einem gewissen Unterton, von scheinbarem Zynismus und moralischer Indifferenz.

Er verzichtet bewusst auf eine klare Trennung zwischen Opfer und Täter, indem er das Erlebte aus der Perspektive des „Kapos“1)schildert.

Im Kampf um die nackte Existenz macht sich auch das Opfer mitschuldig, wird der Mensch zum Wolf unter Wölfen.
Um diese Situation begreiflich zu machen, wählt Borowski die Perspektive des Kapos, der in eine Art Zwischenreich gehört, weder Opfer ist noch Henker.

Mit einer expliziten Genauigkeit schildert er die Mutter, die bei der Selektion („von der Rampe weg“) ihr Kind verleugnet, da Mütter mit Kindern sofort getötet werden. „Mama, Mama, lauf nicht weg!“,
ruft das Kind, und der Kapo, der das sieht, schmeißt aus Wut zuerst die Mutter wie einen Müllsack auf den Lastwagen zur Gaskammer, dann das Kind. „Da, das kriegst du auch noch, du Hündin!“, ruft er ihr hinterher.

Oder der Vater, der als Lagerältester seinen Sohn umbringen lässt, weil er anderen Häftlingen das Brot gestohlen hat. „Ich hoffe, du wanderst dafür in den Kamin“, sagt ein anderer Häftling zu ihm, als er ihm selbstgewiss davon erzählt.

Wir sehen ausgehungerte Häftlinge, wie sie die Gehirne exekutierter russischer Soldaten auflecken. „Ich stand etwas abseits der Hinrichtungsstätte“, schreibt Tadeusz Borowski ehrlich und kühl, „und konnte mich nicht rechtzeitig nach vorne drängen.“


Wenn Borowski über die Vernichtung von 15000 polnischen Juden schreibt, vom Geschrei und dem Winseln der ankommenden Häftlinge, von dem Anblick der toten Kinder, die im Kot und Urin der Waggons liegen, klingt es poetisch, verklärt.
Doch bereits bevor er deportiert wurde, empfand er die Welt „als einziges großes Vernichtungslager, ein sinnloser, trostloser Ort, von den Menschen immer nur dazu benutzt, andere Menschen zu töten und zu beleidigen.“

Weltschmerz!

Auschwitz gab dem ein Gesicht: „In der schwarzen, erdnahen Finsternis strahlten die Lichterreihen des Lagers. Darüber flackerte eine unruhige rötliche Flamme
… Es schien, als brenne es auf einem himmelhohen Berg. 'Krematorium', ging es flüsternd durch unsere Reihen.“



Wie bereits erwähnt wurde Borowski in der Ukraine geboren und gehörte dort der polnischen Minderheit an.
Borowskis Vater, dessen Buchhandlunug verstaatlicht worden war, wurde 1926 nach Karelien verbannt. Seine Mutter wurde im gleichen Jahr verhaftet und ebenfalls verbannt.
Nur durch Bemühungen des Roten Kreuzes wurde es Borowski im Alter von zehn Jahren 1932 ermöglicht, zusammen mit seinem Bruder, nach Polen überzusiedeln.
Später dann wurde der Vater im Rahmen eines Gefangenenaustausches zwischen Polen und der UdSSR nach Polen entlassen. Die Mutter folgte 1934 und die Familie ließ sich in Warschau nieder.
Während des Zweiten Weltkriegs legte er 1940 im deutsch besetzten Warschau an einem geheimen Untergrundgymnasium seine Abiturprüfung ab
und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik.

Um sich über Wasser halten zu können, arbeitete er nebenbei als Bauarbeiter und veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten in der Monatszeitschrift „Droga“ (Der Weg).
In dieser Zeit entstand der Großteil seiner Gedichte, so die Antologie „Gdziekolwiek Ziemia“ (Wo immer die Erde).
Er druckte sie eigenständig auf einer alten Maschine, auf der er und seine Freunde ansonsten antideutsche Flugblätter herstellte.
Kurze Zeit darauf 1943 wurde er, zusammen mit seiner Verlobten Maria Rundo, von der Gestapo2) verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Es folgten Aufenthalte in Natzweiler-Dautmergen und Dachau, wo er am 1. Mai 1945 von US-Soldaten befreit wurde.
Da Borowski, ebenso wie seine Verlobte, Nichtjude war entkamen sie der Gaskammer. Beide kehrten sie im Jahre 1946 nach Polen zurück und heirateten.

Zusammen mit zwei weiteren Überlebenden stellte er dann im selben Jahr seinen Erzählungsband „Bei uns in Auschwitz“ zusammen.
Er trat der polnischen Arbeiterpartei bei und verfasste einige politische Schriften.
Er arbeitete als Redakteur in Warschau und 1949/50 als Korrespondent in Berlin.

1951, unter beständigen Depressionen leidend, beschloss Borowski, dass auch er als Nichtjude ein Anrecht auf den Gastod habe, und drehte den Gashahn in seiner Wohnung auf …


Tadeusz Borowski gehört zu den wichtigsten Vertretern der „Lagerliteratur“.
Der Bearbeitung des Textes lag die 1963 erschienene, deutschsprachige Taschenbuch-Ausgabe zu Grunde. ( Piper & Co., aus dem Polnischen von Vera Cerny)

2007 erschien eine, in neuer Übersetzung und um einige Erzählungen ergänzte, Neuausgabe.


Philipp Schumacher, 2012

1)
„Kameradschaftspolizist“, Lageraufseher (Aufsichtsperson, Vorarbeiter) aus den Reihen der Häftlinge, von der SS (Schutzstaffel) auserwählt, verantwortlich für die Arbeit der restlichen Häftlinge. Korrumpiert durch Vergünstigungen, Privilegien, wie z.B. bessere Nahrungszuteilung, Befreiung von körperlicher Arbeit etc.
2)
Geheime Staatspolizei
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