Bekenntnisse eines englischen Opiumessers - Thomas de Quincey

Auch in Großbritannien ist das Opiumessen neben dem Opiumrauchen weit verbreitet. Ersteres ist aber das weit gefährlichere Übel, denn das Rauchen kann in einer geeigneten Anstalt dem damit Behafteten leicht, abgesehen von gewissen gastritischen Störungen in der Abstinenzperiode, ohne Schaden und dauernd abgewöhnt werden, während die Erfahrungen […] gezeigt haben, dass die Opiumesser stets Rückfälle haben, entzieht man dem […] Opiumesser plötzlich das Opium, so stirbt er mit Sicherheit infolge von Darmstörungen.“ (Meyers Konservationslexikon, Vierte Auflage 1885-1892)

Dass das Opiumessen tatsächlich mehr Schmerz mit sich bringt, als es letztendlich lindert, muss zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch der Schriftsteller Thomas de Quincey am eigenen Leib erfahren: Mit dem Opium kommt er 1804 erstmals in Berührung, als er bei einem Apotheker ein Medikament gegen seine hartnäckigen Zahnschmerzen kauft. Schon bald verfällt er der Sucht, gerät in vollkommene Abhängigkeit und muss sich schließlich schmerzvoll von seiner „Medizin“ trennen, bevor sie ihn vollkommen vernichtet. Die Einnahme von Opium, der zeitweise anhaltende Rausch und seine qualvollen Folgen sind zu der Zeit weit verbreitet und daher alles andere als eine Seltenheit. Das was de Quincey zu etwas Besonderem macht, ist vielmehr seine Auseinandersetzung mit der Thematik. In seinen 1821 erschienenen „Bekenntnissen eines englischen Opiumessers“ reflektiert er seine Erfahrungen – in einem literarisch brillanten Stil eines versierten Essayisten. Mal wissenschaftlich-dokumentarisch, dann wieder philosophisch, ja nahezu „pietistisch“ beschreibt er seine Visionen, seine körperlichen, geistigen und seelischen Grenzerfahrungen. Der Leser leidet mit ihm: das ein oder andere mal spürt er selbst die Aufregung, das Herzklopfen, den Taumel und die Beklemmung des Verfassers.

Selten decken sich Inhalt eines Werkes und das individuelle Leseerlebnis so sehr: Ich habe Teile der „Bekenntnisse“ wie in einem Rausch gelesen. Nahezu 200 Jahre alt, hat das Buch nichts von seiner Aktualität verloren, denn der Wunsch nach dem Eintauchen in eine fremde Welt, das Begehren nach Realitätsverlust und dem Vergessen des eigenen Schmerzes ist und bleibt generationsübergreifend….

Die erste Fassung des Werkes gehörte zu den Sensationstexten seiner Zeit und kam in Gestalt eines schmalen Büchleins in den Folgejahren in England in sechs und in Amerika in vier Auflagen heraus. Nach Ansicht der Medizin hat die Schrift dazu beigetragen, dass die Sucht im Laufe des 19. Jahrhunderts als eine Krankheit anerkannt wurde. Eine Erkenntnis, die sich bis heute noch nicht in allen vermeintlich „modernen“ Köpfen manifestiert hat. Mit seiner Schrift beeinflusste de Quincey unter anderem die die poetische Drogenliteratur von Edgar Allan Poe, Aldous Huxley, Gottfried Benn und Ernst Jünger nachhaltig. Charles Baudelaire übersetzte im zweiten Teil seines Essays über den Haschischkonsum die „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ ins Französische.

Auf das Buch aufmerksam gemacht hat mich Hermann Hesse; in seinem Literaturkanon finden die „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ ihren Platz in den Regalen der imaginären Bibliothek der Weltliteratur. In meiner imaginären Bibliothek steht es zwischen Christiane F. und Montaigne. In unseren Buchhandlungen hingegen werden wir es wohl vergeblich suchen!!!

Sollte das Werk dennoch einen der begehrten Plätze in unserem Literaturkanon finden?

„In leidenschaftlicher Vorwegnahme antworte ich schon „Ja!“ bevor die Frage beendet ist..“ (Thomas de Quincey)


Julia Käding

Oktober 2008

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code bekenntnisse_eines_englischen_opiumessers (erstellt für aktuelle Seite)