F.Scott Fitzgerald: Der seltsame Fall des Benjamin Button

In der abgefahrenen Geschichte von Fitzgerald, die übrigens erstmalig im Jahre 1922 in „The Saturday Evening Post“ erschien, handelt es sich um den einzigartigen Benjamin Button. Dieser ist das wahrscheinlich seltsamste Baby überhaupt, das jemals das Licht der Welt erreichte, denn er ist kein süßer kleiner Fratz, sondern ein alter Mann mit Bart, schütteres, nahezu weißes Haar, der hinzu auch noch gerne kubanische Zigaretten raucht. Der natürlich am Tag seiner Geburt auch schon sprechen bzw. nörgeln kann.
Nun beginnt die eigentliche Geschichte.
Benjamin wird wider der Natur immer jünger. Sein Leben verläuft rückwärts. Anders als erwartet, wird er nicht als etwas Besonderes oder Mysteriöses angesehen, sondern es wird ihm sein Leben lang vorgehalten das er „ mit dem Unsinn aufhören soll“ oder das er „ seine Mitmenschen lächerlich macht.“
Die Kurzgeschichte umfasst gerade mal 66 Seiten auf dem Papier, ist mit jedem Wort knapp gehalten und es werden wirklich jegliche Erklärungen weggelassen. Man findet keine emotionalen Stellen oder ausgeschmückte Passagen.
Was diesem Werk aber keinerlei Abbruch in seiner Besonderheit gibt, denn der Fantasie der Leser sind keine Grenzen gesetzt. Ich habe um einiges länger über die Geschichte nachgedacht und in Gedanken mit ihr gespielt, als ich tatsächlich für ihre Lesezeit benötigt. Und welches Buch kann das schon von sich behaupten.
Ich finde die Geschichte absolut interessant, skurril, komisch und tragisch zugleich. Absolut lesenswert.

Tini Tepasse 2010


F. Scott Fitzgerald: Der Seltsame Fall des Benjamin Button

Der seltsame Fall des Benjamin Button ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Francis Scott Fitzgerald, geschrieben 1922.

Es ist die Geschichte eines Jungen, der als alter Mann geboren wird und als Kleinkind stirb. Die Geschichte eines Menschen, der die Welt aus seiner ganz eigenen Sicht betrachtet und von ihr ganz eigen betrachtet wird.

Als der Fabrikbesitzer Roger Button sein Neugeborenes zum ersten Mal sieht ist er geschockt: Vor ihm in der Krippe sitzt ein gut 70-jähriger Greis, der sich beschwert, er würde nur Milch zu essen bekommen. An diesem Tag beginnt für Benjamin Button ein Kampf mit der Gesellschaft. Trotz seines ungewöhnlichen Äußeren soll er sich anfangs seinem Alter entsprechend verhalten. Erst nach einiger Zeit begreift Roger Button, dass sein Sohn ein alter Mann ist, der auch so behandelt werden will. Dieser verbringt von nun an viel Zeit mit seinem Großvater, den er jedoch wie einen Freund betrachtet.

Anstatt zu altern wird Benjamin immer jünger und schon bald ist er der Freund und Geschäftspartner seines Vaters Roger. Der Versuch zu studieren scheitert auf Grund seines 50-jährigen Äußeren und auch die frisch geschlossene Ehe mit einer jungen Frau soll nicht lange halten. Doch Benjamin gibt nicht auf. Er geht zur Armee und reist durch die Welt bis er schließlich alt (bzw. jung) genug ist, um an einer Universität angenommen zu werden. Benjamin wird immer jünger, geht in die Schule und in den Kindergarten, verlernt das Sprechen und Laufen und stirbt schließlich als Säugling.

Die Erzählung ist im Amerika (genauer Baltimore, USA) des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende (1860-1921) angesiedelt und ist eher ein Bericht denn ein Roman, da alles sehr sachlich berichtet wird. Der Reihe nach werden verschiedene Charaktere mit Benjamin konfrontiert und ihre Reaktionen geschildert. Der Vater, der das Äußere seines Sohnes verdrängt, der Universitätsdirektor, der ihn belächelt und die Ehefrau, die ihm unterstellt, mutwillig immer jünger zu werden während sie altert. All diese Reaktionen malen ein Bild der damaligen Gesellschaft. Abgesehen von Benjamins Ehefrau, die nur eine Nebenrolle spielt, finden Frauen in der Erzählung keine weitere Erwähnung, was dieses Gesellschaftsbild zusätzlich unterstützt.

Alles in allem ist Der seltsame Fall des Benjamin Button eine wunderbare Erzählung über einen Menschen, der sein Leben sozusagen rückwärts lebt. Es ist ein simpler Bericht und doch ein tolles Gedankenexperiment. Es spielt mit den Wünschen der Jugendlichen endlich erwachsen zu sein und mit denen der Älteren doch noch einmal Kind sein zu dürfen.

Meiner Meinung nach ist es ein wirklich lesenswertes Buch, das man sich trotz der frei adaptierten Filmversion zu Gemüte führen sollte. Denn: Welches Buch hat man schon schneller gelesen, als den Film gesehen?

(Anne Siebrecht, 2011)

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