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Bericht eines Schiffbrüchigen (Gabriel Garcia Marquez, 1955)

Dieses Buch ist der authentische Bericht eines kolumbianischen Matrosen, der am 28. Februar 1955 während der Überfahrt vom Hafen Mobile, USA, nach Cartagena, kolumbien, vom Deck des Zerstörers Caldas gespült wurde und 10 Tage später völlig entkräftet an der kolumbianischen Küste gefunden wurde. Sein Interview mit dem Autor, damals Reporter einer kolumbianischen Tageszeitung, lieferte die Grundlage dieses Buches.

Das schlimme sind nicht die brennend heißen Tage. Das schlimmste ist die Nacht. Nichts, nicht einmal das Ende seines winzigen Rettungsfloßes, kann Luis Alejandro Velasco mehr erkennen, und so hält er an dem einzig verbliebenen optischen Reiz fest: die Leuchtziffern seiner Uhr. Immer wenn er nach 2 oder 3 Stunden auf sein Chronometer schaut, haben sich die Leuchtzeiger doch nur um wenige Minuten verschoben. Die Nacht dauert ewig.

Der erste morgen auf See ist nicht besser. Ohne Schlaf, dazu eisig kalt das Morgenrot, inmitten der Karibik. Aber noch ist der Matrose zuversichtlich, man wird ja nach ihm suchen. Tatsächlich zeigt sich gegen Nachmittag ein erstes Flugzeug, noch zu weit und zu hoch, aber immerhin. Denn bald kommt ein zweites , und diesmal mit Kurs genau auf sei Floß zu. Beim ersten Überflug winkt er heftig mit seinem Hemd, beim zweiten schon weniger, beim dritten belässt er es bei eine kurzen Kopfnicken. Man muss ihn doch erkannt haben! Aber das Flugzeug dreht ab und beginnt eine neue Anflugserie über einem anderen Seegebiet! In der Weite des Ozeans haben sie ihn verloren! Eingelullt von der Eintönigkeit der See, vollkommen übersehen! Und die Hoffnung schwindet langsam. Um Fünf kommen die Haie.

Doch noch ist der Matrose einigermaßen frisch, noch rudert er in die Richtung, in der er Land vermutet. Das geht am dritten Tag schon nicht mehr. Allmählich verliert er sein Zeitgefühl. Die wirresten Gedanken breiten sich in seinem kopf aus: hat man nicht schon oft von Männern gehört, die nach Schiffbruch auf Kannibaleninseln gelandet sind? Die in kesseln gekocht und gegessen wurden? So dreht sich die Perspektive des Entsetzens, mehr Angst vor dem tag als vor der Nacht, in der ja nun immer sein Kamerad Jaime Manjarres kommt und sich kurz mit ihm unterhält. Und der Wahnsinn steigert sich noch, denn der Durst beginnt nun ab dem vierten Tag richtig an zu nagen. Einmal springt zufällig ein Fisch auf sein Floß, von dem er aber nur zwei bissen nehmen kann, bevor er ihn durch eine Unachtsamkeit an die Haie verliert. Dan gelingt es ihm, eine verirrte Möwe zu fangen, die er aber aus moralischen Gründen nicht zu verspeisen wagt, und so wirft er auch sie in die See. Und ständig diese Halluzinationen. Nach dem siebten tag auf See gibt sich der Matrose verloren. Er sieht nur noch gelbe Schildkröten, sieht sich in Gedanken auf seinem Schiff, fast merkt er nicht mehr, wann er wacht und wann erträumt. Und so hält er auch den Landstreifen zuerst für eine Illusion, einen Spuk nur, bis er klar sieht: Das hier ist echt! Unverhofft, seit 10 Tagen tot, sammelt er die letzte Energie und quält sichan den Strand, wo er von eine Bauern gefunden wird.

Das regierende Regime versuchte zunächst, diesen Fall unter Verschluss zu halten. Der Zerstörer Caldas hatte bei seiner Überfahrt von Mobile nach Cartagena Schmugglerware auf Deck verstaut, was dazu führte, dass das Boot dem heftigen Seegang nicht gegensteuern konnte und Schlagseite bekam. Dies verschuldete den Tod vieler Seeleute, der Zerstörer jedoch konnte zwei Stunden später in Cartagena einlaufen. Der Autor malt mit fesselnden Worten das Bild eines Manns, der alle Widrigkeiten trotzt und dessen einzige Heldentat darin bestand, am Leben zu bleiben. Gabriel Garcia Marquez musste für diesen seinen wahren Bericht, den die Staatsmacht zu verhindern suchte, ins Exil gehen.

Matthias Oehler

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