Philippe Djian – Betty Blue – 37,2° am Morgen

„Als ich noch ’n kleiner Junge war, da hab ich gedacht, der Weg sei klar und deutlich.“(Zorg)


Zorg, wie fühlt es sich an, wenn ein anderer Mensch einem aus dem „normalen“ Leben holt, einem Alltag, der einem ohnehin nichts gibt?

„Ich hatte nicht den geringsten Grund, mir Sorgen zu machen.“


Warum nicht?

„Es stimmte zwar, dass ich den Eindruck hatte, die Welt sei von Jahr zu Jahr düsterer geworden, aber diese Feststellung brachte mir nicht viel.

Zudem erschien die Welt genauso absurd wie vorher.„


Du meinst, egal, wo man hingeht, es ist immer dasselbe?

„Eine Gegend, die nur aus Sand und Wellen besteht, die gibt's nicht. Das Blut fließt in allen Ecken.“


Eine sehr düstere Einstellung. Was konnte da ein anderer Mensch bei dir bewirken?

„[Ich] fragte mich bei ihr nicht, wo ich hinfuhr, noch was ich tat, der Gedanke kam mir nicht einmal.“


Änderte sich etwas an deinem Wahrnehmungsfokus?

„Ich verstand jetzt, was [Betty] meinte. Mein Paradies glich dem Rand eines brachliegenden Gebäudes, das in der Sonne briet, niemand hätte sich darum gerissen.“


Was passierte, als du dich in diesen Menschen verliebt hast?

„Gewissermaßen konnte ich jetzt sehen, dass ich es rechtzeitig verstanden hatte, meine Chance zu ergreifen. Ich hätte nicht mit leeren Händen fünfunddreißig Jahre alt werden wollen, um mich dann zu fragen, was überhaupt noch die Mühe wert wäre.“


Und wenn diese Liebe zu einer Art Obsession wird, die einen übermannt?

„Es gibt Dinge, die macht man, ohne sauer zu werden, wenn man mit einem Mädchen zusammenlebt, das jede Mühe wert ist.“


Hat dich diese Erkenntnis erschreckt?

„Hauptsache, dass es sie gibt, […],alles andere existiert nicht.“


Und wenn dieser Mensch mehr in dir zu erkennen glaubt, als du bisher ansichtig wurdest? Wem glaubst du dann? Wen würdest du von euch darüber entscheiden lassen, wer du wirklich bist?

„Wir habe keine Zeit, tausend verschiedene Rollen im Leben zu spielen.

Dem Klempner fiel es schwer, in aller Frühe auszustehen, wenn sich der Schriftsteller um drei Uhr nachts hingelegt hatte. […] Wenn Betty wach wurde, war der Schriftsteller damit beschäftigt, sein Innenleben zu erforschen. […] Der Schriftsteller hatte ein feines Leben, er fühlte sich bloß ein wenig müde. […] Der Schriftsteller war o.k. Nie hatte er irgendwelche Probleme mit der Knete. Sein Kopf war eher leer. Von Zeit zu Zeit fragte er sich, wie er es geschafft hatte, ein Buch zu schreiben. […] Wenn der Klempner am nächsten Morgen aufstand, hatte er einen gehörigen Kater. Er wartete ab, bis ihm die Kundin den Rücken zudrehte, bevor er seinen Kaffee in das Duschbecken erbrach, er bekam dabei eine Gänsehaut. Mitunter hasste er diesen verdammten Schriftsteller.

Ich war nie der Schriftsteller ihrer schlaflosen Nächte geworden, ich hatte ihr nie die Welt zu Füßen gelegt.“


Was geht in einem vor, wenn man erkennt, dass etwas, worauf man keinen Einfluss hat, das gemeinsame Glück und friedliches Beisammensein nachhaltig negativ beeinflusst?

„Als zwinkerte einem die Hölle zu.“


Und wenn dieses Unglück dabei die Liebe anzugreifen droht?

„Am Anfang hat man den Eindruck, es handle sich bloß um einen kleinen Riss, beugt man sich aber nur ein wenig vor, dann stellt man fest, dass man vor einem unergründlichen Abgrund Schlund steht.“


Wie fühlt man sich nach solch einer Erkenntnis?

„Ich fragte mich, ob ich mir nicht schwersten Weg ausgesucht hatte, ob mit einer Frau zusammenzuleben nicht die schrecklichste Erfahrung war, die ein Mann nur machen konnte, ob das hieß, seine Seele dem Teufel zu vermachen oder sich am Ende das dritte Auge auszuhacken?“


Würdest du raten, diese Art von Gedanken dem anderen mitzuteilen?

„Nein, überhaupt nicht, ich wollte […] bloß erklären, dass das Leben keine Jahrmarktsbude ist mit ’nem Haufen Glückslose, die man ergattern kann.


Wie war das bei dir? Was hast du gedacht?

„Sie müsste einsehen, dass das Glück nicht existiert, dass das Paradies nicht existiert, dass es nichts zu gewinnen oder zu verlieren gibt und man im wesentlichen nichts ändern kann.“


Das Leben im Stoizismus? Gleichgültigkeit? Ohne Ambitionen? Ohne Hoffnung? Und ohne Ziele? Glaubst du daran?

„Sich im Leben Ziele zu setzen, das heißt, sich in seinen Ketten zu verheddern.“


Unabhängig deiner Grundsätze: Gab es einen Rettungsversuch deinerseits?

„Die Wahrheit ist, dass ich ihretwegen Berge versetzt hätte, wenn ich gewusst hätte, wie man das anfängt. Manchmal fragte ich mich, ob ich genug tat, manchmal hatte ich Angst, dass ich da versagte.“


Hattest du Gewissensbisse?

„Ich hatte Lust, mich in den Schatten zu verziehen, ich wollte eine triste, eisige Welt sehen, eine Welt ohne Hoffnung, ohne Boden, ohne Licht, so war es nun mal, ich hatte Lust, mich hineinzusteigern, meine Moral war am Boden, manchmal, da will man sehen, dass sich der ganze Zirkus gegenseitig auffrisst, da möchte man sich den Himmel über den Kopf stülpen.“


Und speziell ihr gegenüber?

„Ich kam mir vor wie jemand, der allein in der Gegend rumsteht mit einem großen Geschenk in den Händen.

Ich deckte all meine Karten auf. Das Ärgerliche daran war, dass ich allein spielte.“


Wenn ein Mensch den Weg fand, dich aus deinem Leben zu (er)retten, hast du es da nicht als Pflicht empfunden, diesem Menschen von seinem Schmerz zu befreien? Oder ihm anderweitig zu helfen? Irgendwie?

„Ich konnte nichts mehr tun, um an sie heranzukommen, es hatte keinen Sinn, sich mit beschissenen Gedankengängen aufzuplustern, um ihr zu BEWEISEN, dass sie falsch lag oder dass sich die Sache schon einrenken würde.“


Also kein Beistand deinerseits?

„Es gibt immer einen Schwachsinnigen, der mit einem Glas Wasser antanzt, um einen Verletzten mit Verbrennungen dritten Grades zu helfen. Ich war so einer.“


Warum dieser Gedanke?

„Ich weiß nicht, wie ich’s erklären soll, es war, als wäre sie von einer gläsernen Glocke umgeben, auf der ich bloß meine Fingerabdrücke hinterließ. Nicht die geringste Veränderung entdeckte ich auf ihrem Gesicht. Schwacher Wind, der ich war, suchte ich die Oberfläche eines zugefrorenen Teiches zu kräuseln.“


Unvorstellbar …

„Mein Gott, sie sah mich nicht, sie verstand mich nicht, sie hörte mich nicht, sie wusste nicht mehr, was es hieß zu reden, zu weinen, zu lächeln, Tobsuchtsanfälle zu bekommen […], sie gab mir nicht das geringste Zeichen, nicht einmal ein mikroskopisch kleines.“


Es wirkt, als wären alle Stricke gerissen, all deine Wege zu Sackgassen geworden, als standest du vor einer Mauer.

„Seitdem erzähle ich jedem, der es hören will, dass ich schon einmal gestorben bin, mit fünfunddreißig Jahren, in einem Krankenhaus, an einem Nachmittag im Sommer.“


Und woher die Überzeugung für deinen nächsten Schritt? Warum nicht stillstehend verharren?

„Ich bin einfach so draufgekommen. Ich grübelte und grübelte und grübelte. Ich drehte mich die ganze Nacht lang im Kreis und versuchte, den Gedanken loszuwerden, und am frühen Morgen wusste ich, dass mir nichts anderes übrig blieb.“


Und das Gefühl später?

„Ich konnte alles für sie tun, ohne zu zittern, das wusste ich schon länger. Mir wurde nur ein wenig wärmer, sonst nichts.“


Wie hast du es ihr erklärt?

„Ich zerbrach mir dabei nicht den Kopf. Das hätte ihr nicht gefallen. Das ganze wirkte eher wie eine Kritzelei im Sand als wie eine jener Inschriften, die in den Granit gehauen werden.“


Wenn du dich und dein Leben rückblickend betrachtest, was würdest du sagen: Wie weit geht deine Liebe zu diesem Menschen?

„Eine wahre Liebesgeschichte, die niemals endet. So was ist trotz allem nicht so einfach wie all die anderen bescheuerten Märchen. Da muss man schon darauf gefasst sein, ein wenig höher zu fliegen mit federleichtem Verstand …“


Zitate: Philippe Djian - Betty Blue - 37,2° am Morgen; Diogenes Verlag, 1986


Dana Hartz, 2010

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