Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder

Das Bilderbuch ohne Bilder ist ein kleines Büchlein von ca. 70 Seiten. In 33 Abenden erzählt der Mond einem armen einsamen Maler in Kopenhagen von seinen Beobachtungen. Die einzelnen Geschichten umfassen kaum mehr als eine Seite, manchmal weniger. Die Schilderungen des Mondes sind sehr vielfältig und bunt, sie spielen an den unterschiedlichsten Orten der Welt (Indien, China, Schweden, Paris, Venedig, Frankfurt, Grönland, Tirol, um nur einige zu nennen) und handeln von mannigfaltigen Situationen menschlichen Lebens. Mal wohnt der Mond einer Hochzeit bei, ein anderes Mal einer Geburt, ein weiteres Mal beleuchtet er ein Gefängnis und häufig schaut er auch einem Sterbenden zu.

Nachdem ich das Buch zum zweiten Mal gelesen habe, habe ich mich über die Entstehungsgeschichte informiert. Dabei bin ich darauf gestoßen, dass es (mindestens) zwei unterschiedliche Übersetzungen gibt. Und beide mit anderen Ansätzen. Die Fassung von Ulrich Sonnenberg - Verlagsprofi und hauptberuflicher Übersetzer -, die auch ich gelesen habe, lautet in einer bestimmten Szene: „Meine Strahlen begleiteten sie, bis die Morgendämmerung sie auf die Stirn küsste.“ Während Heinrich Detering – Literaturwissenschaftler-schreibt: „Meine Strahlen begleiteten sie, bis zum Morgendämmern küsste ich ihre Stirn.“ Korrekt übersetzt hat Sonnenberg den Satz, denn im Dänischen heißt es: „Mine Straaler fulgte hende, til Dagskjæret kyssede hendes Pande.“ Allein anhand eines Satzes entsteht eine völlig andere Intention.

Dies hat mir die Bedeutung von Originalfassung und Übersetzung mal wieder bewusst gemacht, mich für sprachliche Unterschiede sensibilisiert. Ja, ich weiß, wir (Deutschen) lesen ständig Bücher, die aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden. Aber erst diese Lektüre hat mich zum Nachdenken darüber gebracht, ob ich nicht vielleicht mehr/oder sagen wir überhaupt erst einmal Bücher auf Englisch lesen sollte. Ich habe mich geärgert, dass ich das Buch nicht auf Dänisch gelesen habe, zumal ich die Sprache sehr gut beherrsche und ihren Klang liebe. Natürlich ist es auch nicht schlecht, eine deutsche Version gelesen zu haben, denn nur durch das Lesen beider/mehrerer Varianten ist ja überhaupt erst ein Vergleich möglich. Ich werde also Billedbog uden billeder mir auch noch zu Gemüte führen.

Beim Lesen der Rezensionen bin ich außerdem darauf gestoßen, dass der Mond als „Voyeur“ interpretiert wird (siehe FAZ). Dies geschieht aufgrund eines Vergleichs mit Werken wie Don Juan von Lord Byron und Spleen de Paris von Baudelaire. Beurteilen kann ich dies nicht, da ich beide Werke nicht gelesen habe. Dennoch habe ich den Mond beim Lesen Andersens Werkes nicht als Spanner, lediglich als stillen Beobachter empfunden.

Interessant zu erfahren fand ich auch, dass Andersen mit seinem Bilderbuch ohne Bilder ein damals neues, noch unbekanntes Genre nutzte, nämlich eine Gedichtsammlung in Prosa (siehe FAZ, Rezension von Peter Urban-Halle). Andersen selbst sagt, dass man sein Werk außerdem auch als Arabeske betrachten kann: „Ja, dieses Bilderbuch wird der Menge als eine allzu bunte Arabeske vorkommen…“.Nach Schlegel besteht für eine literarische Arabeske folgende Definition: „Arabesk ist jene durch die Dichtungskraft (oder die Einbildungskraft oder den Witz) hervorgebrachte Form, in der sich die unendliche Fülle ahnungsweise manifestiert.“, „Die Arabeske als poetische Gattung, in der sich Stoff- und Formkomposition verschlingen.“

Beide Bezeichnungen scheinen mir treffend zu sein, denn Andersen schafft mit seinem Werk detaillierte, schöne Beobachtungen der unterschiedlichsten Art. Sowohl Inhalte, als auch Formen bilden eine an sich zusammenhangslose Vielfalt.

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