Amos Oz: Black Box

Vorgestellt von Kim Michelsen

Ein Briefroman, der die gesamte Palette menschlicher Empfindungen widerspiegelt. Hass, Wut, Sehnsucht, Liebe und Verzweiflung peitschen dem Leser förmlich entgegen, wenn die einzelnen Charaktere in unverwechselbarem Ton miteinander per Brief oder Telegramm kommunizieren. Den Inhalt nachzuerzählen würde die Wirkung des Romans zerstören. Um seine Besonderheit zu erkennen, sollte man daher die Charaktere selbst zu Wort kommen lassen…

Ilana Brandstetter-Sommo, Tarnasstraße 7, Jerusalem, Israel

schreibt:

„Schalom, Alek, Wenn du diesen Brief beim Anblick meiner Handschrift auf dem Umschlag nicht sofort vernichtet hast, zeigt sich wieder einmal, daß die Neugier noch stärker ist als der Haß. Jetzt erbleichst Du, preßt wie gewohnt Deine Wolfslefzen zusammen, ziehst die Lippen ein und verschlingst diese Zeilen, um herauszufinden, was ich von Dir will, was ich mir anmaße, von Dir zu wollen, nach sieben Jahren völligen Schweigens zwischen uns.“

„Diesmal schreibe ich Dir hinter Michels Rücken. Ohne es ihm zu erzählen. Diesmal kann ich selbst Boas nicht als Ausrede benutzen: Dein Sohn ist wohlversorgt. Dein Geld und Michels Umsicht haben dem Jungen aus der Patsche geholfen. Eigentlich müßte jetzt das alte Schweigen zwischen Dir und mir wieder einsetzen. Dein Geld einstecken und den Mund halten. Aber immer noch geistert hartnäckig ein flackerndes Moorlicht über die nächtlichen Sümpfe, von dem wir beide kein Auge lassen können.“

Dr. Alexander A. Gideon, Political Science Department, University of Illinois, Chicago, USA

schreibt:

„So oder anders ist es besser, wir brechen die Verbindung ab. Was willst du denn noch von mir? Was habe ich außer Geld zu geben? Warum störst du plötzlich unsere seit sieben Jahren bestehende Friedhofsruhe?“

Rechtsanwalt Manfred Sackheim, Praxis Sackheim & di Modena, King George Str. 36, Jerusalem, Israel

schreibt:

„Wenn ich dich darauf aufmerksam machen darf, Alex: Das Scheibchen, das du diesem kleinen Fanatiker da abschneiden willst, macht grob gerechnet etwa sieben bis acht Prozent deiner gesamten Habe aus. Und warum willst du ihm eigentlich Geld geben? Nur dafür, daß er die Güte hatte, deine ausgebrauchte Ex-Gattin zu heiraten?“

Michel-Henri Sommo, Tarnasstr. 7, Jerusalem, Israel

schreibt:

Mit Gottes Hilfe

„Das Geld. Sie mein Herr, haben mir einen arroganten, ja geradezu frechen Brief zugesandt, um mir zu sagen, ich solle das Geld einstecken, den Mund halten und mich nicht bedanken. Nehmen Sie hiermit zur Kenntnis, daß ich überhaupt nicht daran gedacht habe, Ihnen zu danken! Wofür denn? Dafür, daß es Ihnen mit erheblicher Verspätung eingefallen ist, einen kleinen Teil von dem zu zahlen, was Boas und Frau Sommo und eigentlich auch unserer kleinen Tochter nach Recht und Billigkeit von Ihnen zusteht?“

Alexander Gideon

schreibt:

„Wir sind fertig, Ilana. Schachmatt. Wie nach einem Flugzeugabsturz haben wir uns hingesetzt und per Korrespondenz die Black Box ausgewertet. Und von hier an haben wir, wie es in unserem Gerichtsurteil heißt, keinerlei Ansprüche mehr gegeneinander.“

Boas Gideon (Brandstetter), Haus Gideon, Sichron Jaakov (Süd)

schreibt:

„Hör mal Michel. Nach meiner Meinung geht die Ilana nen Berg runter. Das ham wir ihr angesehn als sie bei uns auf Besuch war. Hundertprozentig normal ist die ja nie gewesen aber jetzt isse vielleicht unter fünfzigprozent abgesackt. Ich würd vorschlagen sie und Jifat kommen fürne Zeitlang hierher nach Sichron,da kannse sich mal kurz von deiner Frömmigkeit ausruhen.“

Alexander Gideon

schreibt:

„Schalom, Herr Sommo, Ihre Befürchtungen sind unbegründet: Niemand hat Sie betrogen. Tatsächlich hat Ihre Gattin sich aus eigenem freien Willen entschieden, noch einige Tage hierzubleiben und mich zu pflegen, bis ich zu Bestrahlungen ins Krankenhaus gehen werde, worauf sie natürlich sofort zu Ihnen zurückkehren wird.“

Ilana Sommo

schreibt:

„Armer Michel: bis zum Schluß hat er die Oberhand. Ich bin in seinen Händen, Deine Ehre ist unter seinen Füßen, und sogar die Aura des bedauernswerten Opfers wird dir durch sein Sichtum geraubt und auf seinen erkahlenden Kopf üertragen.“

„Du wirst nicht antworten. Verbannung. Ich bin zu gering für die biblischen Strafen, die Ihr mir auferlegt. Was willst Du machen, wenn ich morgen abend vor Deiner Tür stehe?“

Diese Ausschnitte zeichnen im Groben die Handlung des Romans nach. Sie geben einen kleinen Einblick in die enorme Sprachgewalt des Autors. Er versteht es meisterhaft, jeder Figur eine einzigartige Stimme zu verleihen, der Leser erkennt nach kurzer Zeit auch ohne Absender und Adressat zu lesen, um wen es sich handelt. Ilanas poetische Ergüsse über Liebe und Hass, Alexanders schwer zu fassendes Wesen zwischen Wolf und betrogenem Schaf, Michels verinnerlichte Bibelverse, Sackheims Ironie und Boas mehr als mangelhafte Rechtschreibung machen diesen Briefroman zu einem Leseerlebnis, in dem es um viel mehr als um die Auswertung der Black Box einer gescheiterten Ehe geht.

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