Michael Frayn: Blechkumpel

Nachdem ich im letzten Jahr „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn zu meinen Lieblingen des Jahres zählte, widmete ich mich kurzerhand einem seiner früheren Veröffentlichungen.
„Blechkumpel“ (1965) stammt noch aus jener Zeit, in der Computer ganze Räume für sich alleine beanspruchten – monströse, ratternde Maschinen.



Im William-Morris-Institut für Automationsforschung arbeitet man eifrig an der Zukunft der Computertechnik. Das Ideal für die Zukunft: vollautomatisierte Maschinen, die all die lästigen Aufgaben der Menschen erledigen, damit sich der Mensch auf die „wichtigen Sachen im Leben“ konzentrieren kann.

„Und wenn man es sich recht überlegt, könnte man einen Computer so programmieren, dass er statt des Zuschauers zu den Cricketergebnissen Stellung nimmt – oder sogar zu dem automatisierten Spiel, das der entsprechend programmierte Computer spielt. (…) Man könnte ihn darauf programmieren, Langeweile anzuzeigen, wenn sich eine Zeitlang nichts Besonderes ereignet – ohne dass ein menschliches Wesen gezwungen ist, selbst unter Langeweile zu leiden.“
„Aber für die Zuschauer eines Cricketspiels (…) liegt der Sinn der Sache sicherlich darin, dass sie das Können der Spieler sehen und würdigen.“

„Warum geben sich dann so viele Menschen damit zufrieden zuzuhören, wenn ein Spiel im Rundfunk übertragen wird? In beiden Fällen ist die Tätigkeit des Zuhörens und des Zuhörers identisch: Sie registrieren eine Auswahl aus einer Reihe von Reaktionen, die in Korrelation zu den ihnen angebotenen Permutationen von Variablen stehen. Soweit ich es beurteilen kann, handelt es sich um eine endliche, das heißt um eine programmierbare Aktivität. Der Zuschauer ist in hohem Maße ersetzbar.“

„Aber der Zuschauer hat Freude am Zusehen.“

„Das ist möglich, aber unwesentlich. Der Mann, der eine hydraulische Presse bedient und den ein Computer ersetzt, sobald seine Fabrik automatisiert wird, hat vielleicht auch Freude daran, eine hydraulische Presse zu bedienen. Aber das bewahrt ihn nicht davor, ersetzt zu werden. Ein menschliches Wesen (…) ist ein viel zu diffiziles und kostspieliges Instrument, um an einfache endliche Aufgaben, wie die Bedienung von Pressen, das Ausfüllen von Totoscheinen und das Zusehen bei Cricketspielen verschwendet zu werden. (…) Computer werden spielen. Computer werden zusehen. Computer werden Kommentare abgeben. Computer werden Ergebnisse speichern und ihr Gedächtnis mit anderen Computern in Sport-Quiz-Programmen messen, die Computer für das Fernsehen organisieren und überwachen.“

In diesem Institut geht es drunter und drüber. Die Königin soll den neuen Ethik-Flügel einweihen. Die Belegschaft – größtenteils bestehend aus frustrierten Computernerds – und der lethargische Direktor sind mit der Planung eines solch wichtigen Ereignisses komplett überfordert. Das Chaos ist vorprogrammiert: im Nu sind 30 Komitees gegründet. Das reicht aber noch nicht, denn natürlich müssen noch Unterkomitees gebildet werden und Komitees die alle anderen Komitees und Unterkomitees überwachen und koordinieren.

Um ungehörige Ausbrüche Riddles im Organisationskomitee zu vermeiden, hatte man alle Fragen (…) speziellen Subkomitees zugewiesen, denen Riddle nicht angehörte. Natürlich musste das unauffällig geschehen, um nicht den Verdacht von Riddles möglichen Verbündeten (…) zu wecken, so dass eine Reihe von zusätzlichen Subkomitees geschaffen werden mussten, zu denen Riddle gehörte (…). Damit sie kein Unheil anrichten konnten, waren sie verpflichtet, einem Gemeinschaftlichen Beratenden Ausschuss Bericht zu erstatten, in dem Riddle nicht saß. Mit Hilfe eines geschickten Schachzugs ließ Riddle sich jedoch in ein Verfahrenskomitee berufen, das die Arbeit aller Subkomitees koordinieren musste, denen sie nicht angehörte. Mrs. Pluschkow antwortete darauf, in dem sie ein Koordinations-Komitee ins Leben rief – ohne Riddle – , das die Tätigkeit des Gemeinschaftlichen Beratenden Ausschusses und des Verfahrenskomitees koordinierte, und dieses setzte dann Arbeitsausschüsse ein, die die Durchführung der von den verschiedenen Subkomitees unterbreiteten Vorschlägen überwachen sollte.

Natürlich geht am Ende alles schief, was schief gehen kann. Das Flugzeug der Königin landet nicht, doch um den strikten Zeitplan einzuhalten wird einfach weitergemacht. Nobbs spielt die Rolle der Königin und so rennt die ganze Belegschaft von Raum zu Raum.

„Und jetzt rennen Sie Nobbs!“ schrie Nunn. „Wir haben anderthalb Minuten Verspätung auf dem Zeitplan.“

Goldwasser, der in der Zwischenzeit vom stellvertretenden Direktor in sein Büro eingesperrt wurde, bekommt dort einen Anruf, dass die Königin jetzt doch auf dem Weg ins Institut sei.
Mittlerweile ist der für die Königin bereitgestellte Sekt und das Essen vernichtet, alle Gäste betrunken und Nobbs spielt Rugby mit einer Whiskeyflasche.


Abschließend noch eine kurze Charakterisierung der wichtigsten Personen:

Nunn:

  • stellvertretender Direktor
  • spielt gerne Golf in seinem Büro
  • leidet unter Paranoia, sieht überall Verschwörungen im Institut
  • ist der Überzeugung, dass der harmlose Goldwasser ein Attentat auf die Königin plant und schließt ihn kurzerhand in seinem Büro ein

Nobbs:

  • ein Mitarbeiter des Instituts
  • muss in den Proben für die Eröffnung des neuen Ethik-Flügels die Rolle der Königin spielen

Rowe:

  • Leiter der Sportabteilung
  • sieht sich als neuer Star in der literarischen Welt
  • schreibt eine Rezension für seinen ersten Roman, den er noch nicht verfasst hat
  • bohrt gerne mit seinem kleinen Finger im rechten Ohr

Goldwasser:

  • der unter Minderwertigkeitskomplexen und Nervosität leidende Leiter der Zeitungsabeteilung
  • macht sich ständig Gedanken darüber, ob er klüger sei als Macintosh oder andersherum
  • zuckt bei dem kleinsten Geräusch zusammen

Macintosh:

  • Leiter der Ethik-Abteilung
  • hat sich die Idee in den Kopf gesetzt, einen Computer zu entwickeln, der pornografische Romane schreibt.

Riddle:

  • eine Mitarbeiterin des Instituts
  • hat stets Laufmaschen in ihrer Strumpfhose und unidentifizierbare Flecken auf der Kleidung
  • Haare durch Büroklammern und Gummiband aus einer Zigarettendose hochgesteckt
  • ständig einen „Glimmstengel“ im Mundwinkel
  • hat vom aufsteigenden Rauch immer tränende und rote Augen

Chiddingfold:

  • der lethargische Direktor der ganzen Bande
  • immer nur ein minimales, verbindliches Lächeln auf den Lippen
  • sagt nie etwas anderes als „Guten Morgen“ und „Guten Abend“

Annabell Willcox, 12.02.2014, 09:43

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