André Gorz: Brief an D.

André Gorz, französischer Philosoph und Soziologe, schreibt 2006 sein letztes Buch „Brief an D.“, eine Liebeserklärung an seine Frau Dorine.

„Ich muss die Geschichte unserer Liebe rekonstruieren, um sie in ihrem ganzen Sinn zu erfassen. Denn sie hat es uns ermöglicht, zu werden, was wir sind, durch einander und für einander. Ich schreibe Dir, um zu verstehen, was ich erlebt habe, was wir zusammen erlebt haben.“

Es ist die Geschichte eines jungen jüdischen französischen Intellektuellen, österreichischer Herkunft, der in Frankreich, genauer: Lausanne, eine junge Engländerin kennen und lieben lernt. Dorine arbeitet als Englischlehrerin, sitzt verschiedenen Künstlern Modell gegen Geld oder organisierte Fremdenführungen. Dorine brachte das Geld, André schrieb an seinen Essays. Und doch hat Dorine nie protestiert: „Einen Schriftsteller lieben, heißt lieben, dass er schreibt.“ Und es ist die Geschichte des Philosophen André Gorz, der sich als ewiger Theoretiker aus ideologischen Gründen gegen die Ehe wehrt und nicht nur in dieser Hinsicht von Dorine eines Besseren belehrt wird. „Was beweist uns, dass unser Pakt fürs Leben in zehn oder zwanzig Jahren noch dem Wunsch derer entsprechen wird, die wir dann geworden sind?“, fragt André Gorz zweifelnd, angesichts seiner Einstellung, die Ehe wäre eine „bourgeoise Institution“. „Wir werden das sein, was wir zusammen tun werden.“, antwortet Dorine ganz simpel, direkt und trotzdem hochphilosophisch, als käme es von Sartre selbst.

Gorz verfolgt seine Studien, schreibt verschiedene Essays, arbeitet in der Redaktion von Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs Nachrichtenmagazin „Les Temps Modernes“, doch als ein Arzt bei Dorine Arachnoiditis diagnostiziert, ein Leiden, bei dem die Fasern, die das eigentliche Rückenmark – und in Dorines Fall auch das Gehirn – umhüllen, vernarbtes Gewebe bilden und auf die Nerven drücken, erkennt André Gorz, dass der größte Reichtum des Lebens das Empfindungsvermögen, in seinem Fall, die Liebe zu seiner Frau, ist.

„Du bist das Wesentliche, ohne das alles Übrige, so wichtig es mir erscheinen mag, solange Du da bist, seinen Sinn und seine Bedeutung verliert.“

Dorine verweigert Schmerzmittel in Form von Medikamenten und versucht sich in Yoga und Selbstdisziplin, um die lähmenden Schmerzen zu vergessen. Doch als dann auch noch der Krebs dazukommt, ziehen André und Dorine sich komplett von der Arbeit in der Stadt aufs Land zurück. „Ich will nicht mehr das Leben auf später verschieben“, zitiert er Georges Bataille. Seiner Frau verfallen, der Liebe verfallen, aber auch der Philosophie verfallen, erkennt André Gorz, dass die Liebe logisch philosophisch nicht erklärbar ist. „ Ich hatte große Schwierigkeiten mit der Liebe (…), denn es lässt sich unmöglich erklären, warum man liebt und von einer bestimmten Person unter Ausschluss jedes anderen geliebt werden will.“ Es ist außerdem die tiefe Dankbarkeit Andrés gegenüber Dorine, die dieses Buch ausmacht. Dankbarkeit für ihre unerschütterliche Unterstützung, Dankbarkeit für ihre unerbittliche Liebe und so schenkt André Gorz Dorine ihr auf diesen knapp 80 Seiten sein Innerstes. Ehrlich schildert André Gorz seine tiefempfundene Liebe, die auch nach 58 Jahren Ehe noch die strahlenden Worte eines Verliebten hervorzubringen vermag: „Soeben bist du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je.“

Im Juni 2006 schreibt Gorz seine letzten Zeilen „Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen.“ ; knapp ein Jahr später , im September 2007, wählen Dorine und André Gorz gemeinsam den Freitod.

„Brief an D.“ ist nicht nur die Liebeserklärung André Gorz' an seine Frau Dorine, es ist gleichzeitig eine Hommage an die ewige wahre Liebe, an die - in der Gegenwart angesichts der Verfallszeiten von Ehen und Beziehungen - eigentlich keiner mehr glauben wollte. Nüchtern und philosophisch geschrieben und doch herzzerreißend, trifft die Geschichte der Beiden die Liebe vielleicht im Kern, als eine Kombination aus grenzenloser Ästhetik mit unüberwindbaren Schmerz.

Sarah Roeder, 2009

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