Brokeback Mountain von Annie Proulx

USA, Wyoming in den 60er Jahren:

Die beiden Cowboys Ennis del Mar und Jack Twist nehmen Arbeit als Schaftreiber auf dem Brokeback Mountain an. Zunächst ist es für beide nur ein weiterer schlechtbezahlter Job, doch ganz langsam kommen sie sich im Schutz der Abgeschiedenheit des Brokeback Mountains näher. Jack und Ennis verlieben sich ineinander und leben dort in der Einsamkeit ihre Sexualität aus. Dies ist etwas, was zu dieser Zeit undenkbar ist, denn Homosexualität wird weder akzeptiert noch toleriert. Für beide ist es die glücklichste Zeit ihres Lebens, da die Beiden ganz sie selbst sein können. Nach dem Job auf dem Brokeback Mountain verlieren sie sich aus den Augen. Sowohl Ennis als auch Jack heiraten und werden Väter. Beide führen ein ganz normales Leben, ohne jedoch jemals ganz die gemeinsame Zeit und die Gefühle für einander vergessen oder verdrängen zu können. Eine Postkarte von Jack ändert dann Alles. Ennis und Jack treffen sich wieder und werden von der Leidenschaft und Liebe überwältigt. Jedes Jahr treffen sie sich nun ein paar Mal zu gemeinsamen Touren durch die Einsamkeit der Wildnis. Dieses sind die einzigen glücklichen Augenblicke, von denen Jack und Ennis zehren können. In einem diesen vermeintlich glücklichen Augenblicken wird ihnen aber auch klar, dass sie zwar einander von ganzen Herzen lieben, aber dass sie diese Liebe niemals offen ausleben können. Beide sind in ihrem jetzigen Leben aus Familie und Pflichtgefühl gefangen, aber sie haben auch zu viel Angst vor den Konsequenzen, die ein offenes Ausleben ihrer Liebe mit sich bringen könnte. An diesem Punkt werden besonders die unterschiedlichen Charaktere von Ennis und Jack sichtbar: Ennis akzeptiert das Versteckspiel, da er Angst davor hat, seine Töchter zu verlieren und öffentlich geächtet zu werden. Außerdem kann er sich einfach nicht von den äußerlichen Zwängen, aber auch von dem Bild, was er von sich selbst hat, befreien. Jack will dagegen ganz offensiv mit seiner Liebe zu Ennis umgehen. Er will diese Liebe und Leidenschaft ausleben können und ein gemeinsames Leben mit Ennis führen. Doch dieser Wunsch wird Jack zum Verhängnis, denn er kann und will sich nicht länger verstecken. Er lebt seine Sexualität in Mexiko aus und obwohl Ennis von Jack Treue verlangt, kann dieser einfach nicht aus seiner Haut. Jack ist es leid sich selbst zu verleugnen und als er erkennt, dass Ennis niemals öffentlich zu ihm stehen wird, will Jack seine Homosexualität mit einem Nachbarn auf der Farm seiner Eltern ausleben. Doch soweit soll es niemals kommen, denn vorher hat Jack einen Unfall, bei dem er ums Leben kommt. Ennis dagegen glaubt nicht an einen Unfall. Er ist davon überzeugt, dass Jack Opfer von Schwulenhasser geworden ist, die ihn zu Tode geprügelt haben. Hier schließt Annie Proulx leider nicht die Lücke zwischen Vermutungen und Wahrheit. Sie lässt uns Leser mit all unseren Fragen und unseren Vermutungen allein zurück. Jacks letzter Wunsch ist es laut seiner Frau, dass seine Asche auf dem Brokeback Mountain verstreut wird, an dem Ort der zu einem Symbol für ihre Liebe geworden ist. Doch leider entsprechen Jacks Eltern diesem Wunsch nicht und so wird seine Asche dort vergraben, wo er sich nie zuhause oder angenommen gefühlt hat. Zurück bleibt Ennis – voller Trauer, Vorwürfen und zehrend von den glücklichen Augenblicken seiner Erinnerung. Doch wenn man etwas nicht ändern kann, dann muss man es ertragen.

Annie Proulx hat hier ein Meisterwerk geschaffen! Die Sprache ist so spröde, so kurz und manchmal verkümmert, wie die Landschaft in der die Geschichte spielt. Und doch musste ich oft Sätze mehrere Male lesen, da sie so starke Bilder in mir hervorgerufen haben. Denn diese Sprache beflügelt geradezu unsere Vorstellungskraft und Phantasie, da sie so voller Hoffnung, Mut und Tragik ist.

Als ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe, war mein erster Gedanke: Verschenktes Leben. Doch wer bin ich, darüber zu entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches verschenkt?

Aber gerade in der heutigen Zeit, in der wir Alles sein können, was wir wollen, wird uns ständig gesagt, wir sollen ganz wir selbst sein. Wir können uns fast in jeglicher Form ausleben, sodass es schwer vorstellbar ist, dass es eine Zeit gab, in der man sich selbst und seine Meinung verstecken musste. In dieser Zeit konnte man sterben, wenn man einfach nur ein selbstbestimmtes Leben führen wollte. Heute und hier- Undenkbar! Doch bittere Realität in vielen Abschnitten der Geschichte. Aber wir müssen gar nicht weit in die Vergangenheit blicken, um die Diskriminierung von Homosexuellen mit anzusehen, da zum Beispiel Russland gerade jetzt per Gesetzt Homosexualität verbieten lassen will. Haben wir uns also wirklich weiterentwickelt?

Am Ende des Buches war ich einfach traurig, dass Ennis` und Jacks Liebe nie eine Chance gehabt hat. Und doch war ich überwältigt von dem Mut, den die Beiden aufgebracht haben, um trotzdem einige glückliche Momente miteinander zu erleben. Ich finde Annie Proulx ist mit diesem Buch ein wahrer Coup gelungen. Tolle, passende Sprache, ein mutiges Thema und Charaktere, in die wir uns hineinversetzen können. Beim Lesen wird man ein Teil der Geschichte und die Geschichte ein Teil von einem selbst. Dadurch wird man auch dazu gebracht wieder einmal über sein eigenes Leben nachzudenken und vielleicht auch zu hinterfragen, ob man selbst so viel Mut aufgebracht hätte.

Es ist eine Geschichte über Mut, Hoffnung und verpassten Chancen, die so unerbittlich und mitleidlos ist, wie die Landschaft in der sie spielt.

Lisa Börner, 20.10.2013, 19:39

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