Mark Twain: Bummel durch Europa

- Eine urkomische Satire europäischer Tugenden und Eigenarten amerikanischer Touristen

In „Bummel durch Europa“, erschienen 1880, ein mit viel Witz halberdachter Reisebericht des amerikanischen Autors Mark Twain, begibt erwähnter Schriftsteller sich mit seinem Freund, Mr. Harris, auf eine Wanderung durch Deutschland und die Schweiz bis nach Italien.

„Eines Tages fiel mir auf, wie viele Jahre vergangen waren, seit die Welt das Schauspiel erlebt hatte, dass ein Mann verwegen genug war, eine Fußreise durch Europa zu unternehem“. Mit diesen Worten beschließt der Erzähler, Mark Twain selbst, der Welt nach langer Zeit genanntes, vermisstes Schauspiel zu bieten. Sein Begleiter Mr. Harris und er treffen mit denkbar guten Vorsätzen alle Vorkehrungen für eine Europareise. Ohne Umschweife, ohne Zögern beginnt sie. Eingetroffen in Hamburg stehen die Wanderstiefel bereit, ungemütlich sehen sie aus, der Schnellzug wirkt einladender, wird sogleich zum angenehmeren Fortbewegungsmittel erklärt, um in Deutschlands Süden „einzulaufen“, den Gefahren der Wälder Heidelbergs „entgegenzutreten“. Hier lauern listige Raben, finstere Worte auf „Räbisch“ flüsternd, und Häher, deren Grammatik einer gründlichen Analyse gebührt. Hier warten Burschenschaftsmitglieder, „feste schwarze Blöcke“ mit von „bewaffneter Neutralität“ erstarrten Mienen. Ihre Kämpfe „eine der gefährlichsten Einrichtungen unserer Tage“. Angesichts derartiger Schrecken empfiehlt sich statt Wanderstiefel die erste Klasse, der Leser fühlt mit den Reisenden. Den Leser in seiner schreckerstarrten Haltung verharren lassend, bietet der Erzähler im Folgenden die Anekdote eines französischen Duells. Er scheut sich nicht zu erwähnen, dass ein solches niemals ohne Testamentsaufsetzung und der Zurechtlegung der eigenen Sterbensworte erfolgen. Die Bestellung des Leichenwagens ist unumgänglich, die Berufung der Polizei selbstverständlich. Unter hochriskanten Bedingungen wird schließlich das Duell ausgefochten: dichter Nebel, 32 Meter Abstand und Pistolen, die außerstande sind, diese Distanz zu überwinden. Für Twain ist das Überleben eines französischen Duells, die Freude der Gladiatoren über dies, die einzig sinnvolle Konsequenz für Charaktere ihrer Art, bhefatet mit dem Wesenszug, den man europäische Einbildung von Männlichkeit nennen mag. In dieser Art, satirisch und zugleich voller Selbstironie, reisen Twain und sein Freund weiter nach Mannheim über Baden Baden in den Schwarzwald und schließlich in die Schweiz. Sie „wandern“ weiter über die Alpen nach Chamonix in Frankreich, letztlich nach Florenz. In 50 Kapiteln, in zahlreichen amüsanten Anekdoten, entdecken sie Europa, weniger, eher selten, auch zu Fuß.

„Bummel durch Europa“ ist eine heitere, nicht alternde Reiselektüre und wertvoller als jeder Reiseführer, von denen Twain selbst nicht überzeugt scheint, bedenkt man seine Haltung zum höchsteigenen Baedeker. Einzige Bedingung für einen ungetrübten Genuss des Romans, ist sich selbst nicht ernst zu nehmen. Von Franzosen hält Twain nicht mehr als von Italienern, von Deutschen nicht mehr als von sich selbst, letztlich bleibt jedem seine Eigenart. Einzig die deutsche Sprache, so der Amerikaner, ist ihm ein Übel und widmet ihr einen eigenen Aufsatz im Anhang, kaum geeignet, einen Deutschen zu mokieren, eher muss er sich eingestehen,gezwungen zu sein, dem von außen erstellten Bild zumindest teilweise zuzustimmen.

Mark Twain, eigentlich Samuel Langhorne, geboren 1855 in Florida, Missouri, gestorben 1910 in Redding, Connecticut, ist vornehmlich bekannt für seine Kinderbücher um „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“. Er war zeitlebens berühmt für seine Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, woraus sich seine scharfzüngige Selbstironie in „Bummel durch Europa“ ableiten lässt. Demnach stellt er in dem Roman nicht nur sich selbst, vielmehr sein persönliches Bild des Amerikaners seiner Zeit, dar. Seine Bemerkungen über europäische Sitten lassen sich teilweise auf von ihm gemachte Beobachtungen zurückführen, da Mark Twain viele Jahre in Europa gelebt hat. Sein Leben prägten Abenteuer und Reisen, beispielsweise verbrachte er einige Zeit als Steuermann auf einem Mississippidampfer. Später wurde er Reporter, schließlich Schriftsteller, in dessen Gesamtwerk und seinen Figuren sich letztlich sein eigenes Leben wiederspiegelt. „Bummel durch Europa“ gilt für viele Literaturkritiker als das Fortsetzungswerk zu Twains erstem Reisebuch „Die Arglosen im Ausland“, beschreibt es doch seine zweite Europareise im Jahre 1878.

Gerne wäre ich noch ein wenig weiter gebummelt, geführt von Mark Twain weiter als bis nach Italien „gegangen“.

Madeline Junge, 10.02.2013, 15:25

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