John Williams: Butcher's Crossing

Vorgestellt von Sven Arne Ohlwein

Im Weihnachtsgeschäft 2015 ergab sich mehrere Male der Fall, dass Kunden ein Geschenk für einen jungen Mann suchten. Passenderweise erschien gerade der Roman „Butcher’s Crossing“ von John Williams zum ersten Mal auch auf Deutsch. Die Handlung ließ sich sowohl als spannend, unterhaltsam, aber doch auch als anspruchsvoll beschreiben – als eine Geschichte, die nachwirken wird. Für junge Männer gab es zu diesem Zeitpunkt kein besseres Geschenk als diesen Western.

Es mag erstaunlich klingen, hier ein Buch zu präsentieren, dass erst 2015 erschienen ist, wenn doch die Aufgabe lautet, einen Klassiker vorzustellen. Im englisch-sprachigen Original erschien „Butcher’s Crossing“ allerdings bereits im Jahr 1960, gerade zur Hochphase des Western-Genres im Kino. Der Autor John Williams geriet in den letzten Jahrzehnten trotz guter Kritiken in Vergessenheit. Erst in den 2000er Jahren gab es Neuausgaben seiner Romane, die 2012 mit „Stoner“ auch endlich ihren Weg als Übersetzung auf den deutschsprachigen Buchmarkt fanden. Drei seiner vier Romane wurden mittlerweile übersetzt, zuletzt in 2016 der komplexe, aber stinklangweilige Historienroman „Augustus“.

„Butcher’s Crossing“ ist eine kleine Siedlung in Kansas. Zu Beginn der 1870er Jahre macht sich der ehemalige Harvard-Student Will Andrews von der Ostküste auf nach nach Westen in dieses Städtchen. Er flieht von einem drohenden gesetzten Leben, einem geregelten Auskommen und Überfluss. Im Westen will er nun das wahre Leben kennen lernen, wie es im Osten nicht mehr zu finden ist. Mit genügend Geld ausgestattet stellt er ein Team zur Büffeljagd zusammen. Die Jagd nach den Büffelfellen verspricht Abenteuer und für den Rest des Teams ein gutes Einkommen. Mit vielen Fellen wollen sie in wenigen Monaten zurück in Butcher’s Crossing sein. Und da die Eisenbahn den Ort bald an ihr Netz anschließen will, könnte dies die Gewinne vervielfachen.

Doch schon zu Beginn der Reise stellen sich die ersten Bewährungsproben ein, denn die Gruppe benötigt auf ihrer Jagd stets frisches Wasser, für Mensch und Lastentier. Und ganz so einfach lassen sich die Quellen nicht mehr finden. Konflikte sind also vorprogrammiert. Und auch die Büffel lassen sich plötzlich nicht mehr finden. Die großen Herden sind nur noch Legende und fast alle ausgelöscht. Der Mensch hat bereits gnadenlos in den Naturraum eingegriffen. In einem abgelegenen Tal findet sich allerdings doch noch eine große Herde. Das große Schlachten kann beginnen.

Die Gruppe versucht wirklich jeden Büffel zu töten. Detailreich wird beschrieben wie die Tiere gehäutet und ausgeweitet werden. Blut fließt in Strömen. Williams beschönigt nichts. Es ist die totale Vernichtung und so wird es auch beschrieben. Doch überraschend schnell fällt der Winter in das abgelegene Tal ein und trifft die Gruppe unvorbereitet. Sie sind monatelang gefangen. Und nun beginnt ihr Kampf ums Überleben und ein riesengroßes Desaster.

„Butcher’s Crossing“ ist dem Genre des Western-Romans zuzurechnen. Diese Art von Literatur hat eher einen schlechten Ruf, gilt sie doch als Klischeebeladen und als Trivialliteratur für Heranwachsende. Wie kein anderer steht bei uns Karl May für dieses Genre. May und Williams sind ähnlich gute Erzähler, doch beschönigt der Amerikaner nichts. Er stellt den Wilden Westen in seiner Endphase dar und erzählt von einer rauen, harten Wirklichkeit, die die bunte Karl May-Welt nicht bietet. Bei Williams gibt es auch keine edlen Wilden oder glorreiche, aber glatte Protagonisten wie Old Shatterhand, sondern detailliert ausgestaltete, gefallende Charaktere. Es sind Charaktere, wie Will Andrews, die sich noch finden müssen, in einer Welt, die sich gerade verändert.

Andrews ist ein Charakter, der sich im Laufe des Romans wandelt. Er, der mit weichen Händen von der Uni kam, wird nach und nach ebenfalls zu einem harten Hund. Dieses harte Leben hat er gesucht, doch dessen Auswirkungen lagen jenseits seiner Vorstellungskraft. Nicht nur die Büffel sind Gejagte, sondern auch er ist ein Gejagter seiner Ideen vom Westen. Und der richtige Westen hat mit seinen Vorstellungen nichts gemein. Die Natur ist nicht etwa der Freund des Menschen, wie es die besprochene Lyrik an der Uni versteht, sondern sein Gegner, der gnadenlos zurückschlägt. Und auch die Frontier und damit die Zivilisation hat sich bereits verschoben. Sie ist bereits viel weiter westlich.

Als die Gruppe schließlich nach der desaströsen Jagd zurück nach Butcher’s Crossing kommt, ist die Siedlung wie verfallen. Nur noch wenige Verlorene harren aus. Der Eisenbahnanschluss wurde an Butcher’s Crossing vorbei gelegt. Die Stadt ist am Ende, die Jagdgruppe auch. Will Andrews kann nur noch weiterziehen. Entweder zurück zur Ostküste oder weiter nach Westen. Er reitet gen Westen. Er bleibt ein Gejagter.

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