Carlo Levi – Christus kam nur bis Eboli

Viele Jahre ist es nun schon her, dass ich in meiner Verbannung darbte, Jahre, in denen Kriege kamen
und gingen, Jahre, in denen sogenannte Geschichte gemacht wurde.
Ich hatte es mir eigentlich ganz gut eingerichtet in dem kleinen ehemals schönen Kurort S,
der mich mit kleinbürgerlicher Strenge gefangen hielt,
zerrissen zwischen der Totenstarre solcher Ortschaften,
die sich nicht gegen den Wildwuchs allmächtiger Natur zu wehren wissen und der Domestizierung des Selbigen.
Man las zu dieser Zeit Omen aus maschinisiertem Landbau, den allgegenwärtigen Autobahnen
und natürlich dem verzweifelten Bemühen lokaler Politik dem bleichgrauen Patienten
mit dem Defibrillator zumindest untotes Leben einzuhauchen, was die Lage,
wie Sie sich denken können, stets nur verschlimmerte.
Eines Tages klingelte es an der moderigen Tür meines, wie ich noch zu hoffen wagte,
temporären Heimes der ersten Verbannung, einem alten, hellhörigen Haus aus der Frühzeit
der Stadt stammend. Ich öffnete mit den Ringen unter den Augen,
die das Leben als Konfinierter nun einmal mit sich bringen, und blickte in die wohl nicht minder
stumpfsinnigen Gesichter jener beiden Wachleute, Geschwister,
durch unglückliche Umstände in diesen Beruf geraten,
die mich an meinem ersten Tag hier in Empfang genommen hatten.
Sie sprachen gleichzeit, wie ein einstudierter Chor es nicht hätte besser machen können.
„Es tut uns leid, Herr, Befehl von oben, Sie wissen, dass wir schuldlos sind“, sprachen sie im Chor
und der Atem dampfte wie ein Tier unter ihren schwarzen Helmen aus ihren schwarzen Mündern
machte mich frieren.
Der Atem wurde zu Nebel und legte sich zu einer zarten, weißen Schicht
auf dem schweren Stoff ihrer Uniform.
Ich erblickte die aufgenähten Totenköpfe, die neu in der Wintersonne glänzten.
Sie hatten mir erzählt, dass die alten abgerissen wurden, während des Gefechtes
mit den Briganten dieser Gegend, die sie, nachdem sie sie mit ihren schweren Maschinengewehren
niedergemacht hatten, an der großen Buche auf dem Kirchplatz aufgehängt hatte.
Ihre Knochen hießen auch heute noch die Menschen erstarren.
Ich musterte die beiden Wächter meiner Tore unbehaglich und widerwillig kamen meine Gedanken an dem Punkte zu
stehen, der mir verriet, dass ich eigentlich in meiner Eigenschaft als Doktor,
als Heiler der Armen, der Kranken, der Geldlosen, viel früher aus diesem lieblosen,
aber dennoch liebgewonnenen Exil hätte vertrieben werden sollen.
Das sagten mir ihre Augen und wohl auch ihre Finger,
die wie unangekündigter Frühlingsregen auf den Waffen trommelten.
Ich hatte sofort zu packen und das beunruhigte Glitzern und Zwinkern verschwand
nicht aus ihren zu Schlitzen gepressten Augen und ist wohl bis heute nicht verschwunden.
Ich hatte Mitleid mit ihnen, Hunde, fügte mich.
Wie Jagdhunde lechzten ihre schweren Waffen nach Blut und Gefahr,
drohten wie aus der Zeit gefallenen Artefakte, dass die Solidarität,
die ich mir Laufe der Jahre durch Zigaretten hatte erkaufen können, nun ihrer Halbwertszeit
überschritten hatte.
Stunden später wurde ich an einem kleinen, verschlissenen Bahnhof im Niemandsland ausgespien.
Das Elend, das einem sofort in die Nase stieg, ließ nun mein bisheriges Gefängnis
wie eine Märchenstadt in der Sonne der Erinnerung blitzen.
Ich sah Tierkadaver auf einem vermoderten Nebengleis frisch schimmern.
Hunde stritten sich um die bereits madigen Überreste,
die ich als einen der ihren identifizieren konnte.
Die schwarzen Röcke mit ihren Totenköpfen wimmelten wie Fliegen,
die Reflektionen des Metalls stach in den Augen.
Als ich mich gerade abwenden wollte, um den Schmerz zu entgehen, da fiel mein Blick
auf das hölzern knarrende Ortsschild, auf dem unheilverkündend prangte: Malente.

_BU09 IW Gero Beckmann

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