Anthony Burgess: Clockwork Orange (1962)



Der Gefängnispsychologe Professor A. B. Sprocket spähte auf das vor ihm liegende Protokoll, während er es fein säuberlich an seinem Klemmbrett befestigte:


Konditionierung gemäß der Ludovico-Technik

Subjekt: 6655321

Agenda der Gewalt: Einbruch, Diebstahl, Raub, schwere Körperverletzung, Vergewaltigung, Todschlag, Mord

Vermeintliche Diagnose: minderjähriger Psychopath/ gewissenlos, sadistisch, verkommene Moralvorstellungen; BÖSE (!!!)



Es klopfte an dem Eingang zu Professor A. B. Sprockets Arbeits- bzw. Behandlungszimmer. Er räusperte sich kurz und bat seinen nächsten Patienten höflichst hinein.
Die Tür öffnete sich und der Gefängnisinsasse 6655321 betrat, flankiert von zwei großen Wärtern, die ihn grob an den Armen gepackt hatten, den Raum. Unter herben Drohungen und Beschimpfungen verfrachteten sie den Häftling unsanft auf den Behandlungsstuhl.
„… und keine Mätzchen, 6655321, du kleines kriminelles Schwein. Wir haben dich im Auge- wenn du auch nur falsch atmest, setzt es was!“
„Fürchtet Euch nicht, oh meine Brüder! Ich werde einen ganz artigen Maltschik1) abgeben! Der allerliebste unter all den ungezogenen Plennies2)!“, entgegnete 6655321 demütig.
„Danke, Gentlemen. Das genügt. Nun übernehme ich.“, entließ A. B. das Gefängnispersonal streng.
„Gut, gut, gut. Jetzt zu Ihnen, 6655321. Ich begrüße Sie herzlichst zu Ihrer finalen Untersuchung.“
„Man govoritet3) Alex zu mir, werter Sir. Wenn Er so dobbi4) wäre…“
„Häh… Ich meine, wie bitte?“- Professor Sprocket war gelinde gesagt irritiert über die Ausdrucksweise dieses hübschen jungen Mannes- er schien trotz seines moralischen Verfalls recht manierlich. Dennoch war er gar schrecklich anzuhören, dieser ordinäre Gossenslang, den Sprocket als die sogenannte Nadsat5) -Sprache identifizierte.
„Der Name ist Alex, oh mein Bruder… ich meine Sir.“
„Ah… gewiss, gewiss. Alex.“, Sprocket entschied sich dazu, etwaigen linguistischen Fauxpas im weiteren Konversationsverlauf zu ignorieren. „Ich bin Professor Sprocket. Es gilt ein paar Fragen zu klären, ehe wir mit dem Experiment… also dem Versuch… was ich sagen will, mit Ihrer Heilung beginnen.“
Alex nickte eifrig: „Ja, ja, ja. Jede Frage, Professor, Sir. Dann werde ich wieder ein freier Tschelloweck6) sein. Ein ganz braver Maltschik, Sie werden vidden7)!“
„Frei? Durchaus, durchaus. Aber viel wichtiger: Sie werden wieder ein guter Mensch sein, mein Junge. Geheilt von der boshaften Lasterhaftigkeit, die sich in Ihrem Innern wie ein Krebsgeschwür eingenistet hat! EinwandFREIE Funktionstüchtigkeit innerhalb der Gesellschaft- als eines ihrer tugendhaften Mitglieder- ist nahezu garantiert!“
„Ja, ja, ja! EinwandFREI, oh mein Bruder… Sir.“- Alex lächelte sehr charmant und nickte wiederum. Sein Blick wanderte zu dem Plattenspieler des Professors, der sich neben dem Schreibtisch des besagten befand. Mit leuchtenden Augen schlenderte Alex auf die begehrte Gerätschaft zu und beschaute sich kundig, ohne dass dem Professor Zeit zum Intervenieren blieb, Sprockets Sammlung an Schallplatten.
„Mozart… J.S. Bach… Ludwig… ja… sluschen8) wir dem göttlichen Ludwig van!“, murmelte Alex ganz beseelt und legte die Platte auf- Beethovens „Ode an die Freude“ erklang.
„Klassik, heh? Ein wahrer Kenner der Kunst, heh?“
„Ja, oh mein Bruder… Professor, Sir! Horrorshow9), horrorshow! Musik ist eine wahre Radost10)! Ich danke ihm, dem bolschigen11) Bog12) an jedem Tag!“
„Hm, fürwahr, fürwahr, mein Junge. Für Sie besteht noch Hoffnung.“
Alex nahm mit geschlossenen Augen erneut Platz und genoss deutlich den angenehmen Fluss der klassischen Musik.
„Ein Tässchen Tee, Alex? Und ein paar Cracker, ehe wir uns Ihrer Befragung widmen, hm?“, bot Professor Sprocket an.
„Ja, ja, ja. Gerne würde Er einen horrorshow Tschai13) pitschen14). Ein Schuss Moloko15) vielleicht, ja, Sir, ja?“
Der Professor schenkte beiden wohlgemut ein, nippte genüsslich an seinem Tee und verspeiste ein paar Cracker- all dies recht laut schlürfend und schmatzend, sodass Alex sichtlich angewidert zurückwich.
„Oh, pardon, junger Mann. Verzeiht- wie ungemein unanständig von mir!“, hustete Professor Sprocket und fegte sich die Crackerkrümel vom Tweed-Jackett. Diesmal war es an dem Professor selbst, sich unter dem Ekel in Alex` Miene gänzlich unwohl zu winden.
„Gut, gut, gut. Wenden wir uns nun den Fragen zu!“
„Ja, ja, ja. Die Fragen, oh Bruder, Sir.“
„Also, Alex, mein Junge. Sein Sie jetzt, bitte, ganz ehrlich mit Ihren Antworten!“
„Ja, ja, ja! Tschudesny16)! Ich werde nur die Wahrheit govoriten! Kein Slovo17) des Tschepukas18) soll über meine Guber19) kommen, oh mein Bruder… Sir!“
„Gut… öhm… gut, gut! Sagen Sie mir Alex, mein Junge, was haben Sie in den Momenten Ihrer Gewalttaten empfunden? Hat es Ihnen gefallen… den alten Mann auf der Straße so schwer zusammenzuschlagen? Seine Bücher zu zerreißen? Haben Sie Freude dabei empfunden, die beiden Mädchen zu missbrauchen? Frauen zu vergewaltigen, heh?“
Alex zuckte mit den Achseln: „War ganz horrorshow, oh mein Bruder, Professor… Sir. Ein malenki20) Bisschen Krovvy21). Das gute stari22) Rein-Raus mit den netten Titsas23). Ich hatte meine Radost… wahrlich, ja ja.“
„Hmmhmm… hmmmmm.“, A. B. notierte mit einem schicken Füllfederhalter fleißig etwas auf seinem Klemmbrett.
„Wie sieht es mit der Schuld aus, Alex? Bereuen Sie Ihre Taten? Finden Sie Ihre Strafe angebracht? Streben Sie nach Wiedergutmachung?“
„Neee. Wenn diese grasnigen24) Bratschnis25) von glupigen26) Droogs27) mich nicht verpfiffen hätten, oh mein Bruder, hätte man mich auch nicht loviten28) können! Dann wär Er, Alex, gar nicht hier an diesem beschissenen Mesto29)!“- Alex knirschte mit den Zähnen.
„Hmmhmm… hmmmmm. Die allerletzte Frage, Alex. Denken Sie, dass Sie böse sind, mein Junge? Schlecht?“, der Professor schaute Alex sehr intensiv an.
„Böse… da kann ich nur smecken30). Richtig horrorshow der Smeck! [Und überhaupt, Schlechtigkeit ist vom Selbst, dem Einzelwesen, dem Du oder Ich ganz oddy knocky31), und dieses Selbst ist vom alten Bog oder Gott gemacht und ist sein großer Stolz und seine Radost]32)!„
„Hmmhmm… hmmmmm. Gut, gut, gut. Danke, Alex. Du kannst zunächst in deine Zelle zurückkehren.“
„Aber… ich werde ein freier… also ein einwandFREIER Maltschik sein, oh mein Bruder, Professor, Sir?“
„Gewiss, gewiss. EinwandFREI, mein Junge. Ganz und gar geheilt…“

Einige Wochen später fand Professor Sprocket eine kurze Notiz in seinem Fach:

Subjekt 6655321 wurde erfolgreich konditioniert. Boshafte Impulse werden im Keim erstickt. Leidenschaft aller Art- ob erotischer oder gar musikalischer Natur- absolut ausgemerzt. Gewaltbedürfnis eliminiert. Subjekt 6655321 konnte resozialisiert werden- funktioniert einwandfrei… wie ein Uhrwerk.


(Anmerkung des Verfassers: Das angeführte Zitat und die verwendeten Begrifflichkeiten der von Burgess entwickelten Nadsat-Sprache, deren Bedeutung den Fußnoten entnommen werden kann, entstammen der von Walter Brumm übersetzten „Clockwork Orange“-Ausgabe des Heyne-Verlags [ISBN.: 978-3-453-16413-0].)


(Jenny Franz, B10/6; 2013)

vorgestellt von Johanna Gonsch

Irgendwann in ferner Zukunft. Ein Reporter betritt ein Café und sieht sich um. Dann steuert er zielstrebig einen Tisch, an dem ein alter Mann um die siebzig mit Bart sitzt.

Reporter: Alex?

Mann: Das werde ich wohl sein. Und du, mein kleiner Droogie33), bist wohl der Reporter?

Reporter: Mein Name ist Sam. Darf ich mich setzen?

Alex: Nimm Platz. Du gedenkst ein Interview mit mit mir zu machen, werter Freund?! Du möchtest über alte Zeiten reden. Als ich noch nadsat war. Dann immer frisch heraus mit deinen Fragen. Aber erst brauche ich einen Tschai34) mit Molocko35) und ein paar Eggiwex36).

Sam: 1962 schrieb Anthony Burgess ein Buch über Ihr Leben. Es wurde ein großer Erfolg, nicht alleine durch die kontroverse Thematik, sondern auch durch die Sprache Nadsat. 1971 verfilmte Stanley Kubrick den Stoff und verdeutlichte damit noch einmal den Kultstatus des Buches.

Alex: Mein armer Droog Anthony. Es machte ihm sehr zu schaffen, von vielen Fecks37) nur auf das eine Buch reduziert zu werden. Die anderen Bücher von ihm sind auch voll horrorshow38).

Sam: Kommen wir nun auf die Sprache Nadsat zu sprechen. Was hat es damit auf sich?

Alex: So haben wir in unserer Jugend nun mal gequorietscht39). Es ist eine Mischung aus verschiedenen Sprachen wie Russisch und Dialekten wie Cockney. Die Starris sollten doch nicht immer verstehen, was wir sagten.

Sam: Ich verstehe. Erzählen Sie mir doch bitte ein wenig über das Buch.

Alex: Es ist die Geschichte von deinem werten Freund Alex und das Unrecht, was ihm widerfahren ist. In meiner Jugend hatte ich eine Grupa40) von Droogs um mich und wir haben getollschockt41), gekrastet42), alles, was uns Spaß machte und die Langeweile vertrieb. Die Millizent43) konnte uns gar nichts. Das habe ich geliebt. Zu nehmen, was man will. Einmal haben wir so einen Bratschnik44) und seine Gina45) besucht. Ihn haben wir ordentlich getollschockt und bei ihr haben wir das alte Reinraus46)-Spiel gespielt. So richtig horrorshow. Doch dann wurde ich von meinen eigenen Brüdern verraten und dein Freund Alex musste ins Gefängnis. Da war ich gerade mal fünfzehn Jahre alt. Zwei Jahre später wurde an mir eine neue Methode probiert, die Ludovico-Methode.

Sam: Was ist die Ludovico-Methode?

Alex: Es werden dem Patienten Mittel gespritzt und dann werden Filme gezeigt. Filme von Fecks, die anderen ins Litso47) teusen48), das Kroffi49) spritzte nur so. Dewotschkas50) beim Reinraus-Spiel und vieles mehr, was dein Droog nicht mehr ertragen konnte. Schuld daran war das Mittel. Ich konnte keine Gewalt mehr ausüben, ohne das mir schlecht wurde. Noch nicht mal daran denken konnte ich.

Sam: Warum haben Sie an dem Projekt teilgenommen?

Alex: Es wurde einem versprochen, dass man nach zwei Wochen Behandlung nach Hause darf. Und ich wollte zu meinen Pe und Em51). Die Tschassos52) tollschockten einen jeden Tag und ich musste meine Behausung mit echten Prestupniks53) teilen.

Sam: Verstehe. Wie ging es dann weiter?

Alex: Als ich als geheilt entlassen wurde, ging es nur bergab. Kein Zuhause, von der Millizent getollschockt, von einem verrückten Maltschick54) gequält und beinahe in den Selbstmord getrieben. Ach, dein bedauernswerter Freund hatte es nicht leicht.

Sam: Ich will Sie auch nicht weiter mit den Erinnerungen quälen.

Alex: Well, das weiß ich sehr zu schätzen, mein kleiner Droog!

Sam: Was würden Sie als Moral an der Geschichte sehen?

Alex: Das ist für mich schwer zu beantworten. Was meinst du denn?

Sam: Nun, der Gefängnispfarrer hat doch zu Ihnen gesagt, als Sie mit ihm über die Ludovico-Methode sprachen: „Das Gute ist etwas, das man wählen muss. Wenn ein Mensch nicht wählen kann, ist er doch kein Mensch mehr.“55) Ist nicht etwas, was unter Zwang geschieht, wie Ihre Resozialisierung, etwas, was nicht gutgehen kann, weil Sie es nicht unter freien Stücken getan haben. Sie waren nicht mit dem Herzen dabei. Und solange solche Triebe wie die Ihrigen nur unterdrückt werden und durch Unwohlsein bestraft werden, kann sich auch keine „Heilung“ einstellen. Die muss aus freien Stücken geschehen, aus dem freien Willen heraus.

Alex: Werter Freund, du bist ein Uhmni56). All right, mich verlangt es nach einem weiteren Tschai mit Molocke.

1)
Junge
2)
Häftling
3)
sagen,sprechen
4)
gut, gütig
5)
Teenager- abgeleitet von den russischen Zahlen; 11 bis 19 enden auf …nadzat
6)
Mann
7)
sehen
8)
hören, zuhören
9)
gut, prima, toll (von choroscho: gut)
10)
Freude
11)
groß
12)
Gott
13)
Tee
14)
trinken
15)
Milch
16)
wunderbar
17)
Wort
18)
Unsinn
19)
Lippen
20)
klein
21)
Blut
22)
alt
23)
Vögelchen- in diesem Falle auf Frauen bezogen
24)
schmutzig
25)
Bastard
26)
dumm
27)
Freund
28)
fangen
29)
Ort
30)
lachen
31)
allein
32)
Zitat aus Anthony Burgess´ „Clockwork Orange“
33)
Freund
34)
Tee
35)
Milch
36)
Eier
37)
Personen
38)
großartig
39)
gesprochen
40)
Gruppe
41)
zusammenschlagen
42)
rauben
43)
Polizei
44)
Bastard
45)
Frau
46)
Sex
47)
Gesicht
48)
schlagen
49)
Blut
50)
Mädchen
51)
Eltern
52)
Wärter
53)
Kriminelle
54)
Kerl
55)
Uhrwerk Orange von Anthony Burgess, Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-13079-1, Seite 100
56)
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