William Butler Yeats (1865-1939): Collected Poems


In den ersten Zügen der Dämmerung saß Will auf seiner geliebten Sitzbank vor dem Cottage der Familie. Auf seinem Schoß lag ein etwas ramponierter Gedichtband, verfasst von William Butler Yeats- der favorisierte Poet des Vaters, nach eben welchem dieser seinen Sohn benannte.
Will genoss, wie die letzten Sonnenstrahlen all die saftig grünen Hügel des geliebten Irlands lieblich violett umschmeichelten. Verhangen sein Blick, wie er sich gen Ferne richtete und all die mystischen Geheimnisse des Zwielichts zu enthüllen begehrte. Das frische, klare Aroma des herannahenden Abends kitzelte seine Nase und entlockte ihm ein wohliges Seufzen der Zufriedenheit- mit dem Schicksal und all den süßen Früchten der Prädestination, welche er in der Heimat gefunden hatte.

And I shall have some peace there, for peace comes dropping slow,
Dropping from the veils of the morning to where the cricket sings;
There midnight´s all a glimmer and noon a purple glow,
And evening full of the linnet´s wings.
1), murmelte Will selbstvergessen, eines seiner liebsten Gedichte rezitierend.

Neben ihm knarrte die alte Eingangstür der urigen Behausung protestierend und er notierte sich gedanklich, endlich einmal die Scharniere zu ölen. Eine kleine Gestalt rutschte zu ihm auf die Bank und schmiegte sich vertrauensselig an ihn- flammend rote Locken ergossen sich über seinen Arm, zauberten ein sanftes Lächeln in sein Gesicht.
„Na, kleiner Fuchs? Was führt dich zu mir, hm? Hat Mutter Fuchs zum Abendmahl geladen?“
„Nay, Daddy“, kicherte Wills kleine Tochter Jane. „Mommy meinte, ich soll zu dir gehen, damit ich nicht all die Kekse verputze, die sie gebacken hat!“
„Kekse?“, fragte Will eifrig nach.
„Aye… und sie meinte noch, ich soll auch auf dich Acht geben, weil du noch schlimmer bist, was ihre Schokokekse betrifft!“
Schokokekse?“
„Daddy!!!“
Will wuschelte Jane glucksend durch das dicke Haar. Für eine Weile genossen beide in einträchtigem Schweigen den Sonnenuntergang.
„Hm, Daddy?“
„Aye, kleiner Fuchs?“
„Erzählst du mir nochmal von Sean und Big Brown?“
„Ach, Jane… Liebes… Schon wieder der Barde und sein nichtsnutziges Pferd?“
„Bitte!“
„Och, na schön!“, gab Will sich geschlagen. „Vor einigen Jahrhunderten lebte ein höchstgeachteter, allseits beliebter Barde namens…“

…Sean Jollyhoney - die wertvolle Fidel auf den Rücken gespannt, deren honigsüßer Klang ihm seinerzeit den Namen Jollyhoney einbrachte- zog mit seinem treuen Gefährten Big Brown durch die irischen Lande. Big Brown, ein wahrhaft riesiger, wenn auch ungemein gutmütiger Wallach, trottete fröhlichen Schrittes hinter seinem Meister her und versuchte hier sowie dort einen schmackhaften Grashalm zu erhaschen.
„Big, alter Junge… mich deucht auf unserer nächsten Reise sollte ICH unsere Lasten tragen! Du frönst der erquicklichen Musiziererei und erspielst uns viele Taler!“- Big Brown wieherte nur zu Antwort- fraglich, ob nun spottend oder entschuldigend- und war unwillig, sich trotz beharrlichen Gezerres an seinen Zügeln zu einer schnelleren Gangart ermuntern zu lassen.
Seans guter Laune tat die Faulheit seines Gaules dennoch keinen Abbruch- er pfiff und summte freudig auf der netten Wanderschaft zum nächsten begeisterungs- und somit zahlungsfähigen Gönner.

„As I came over Windy Gap
They threw a halfpenny into my cap,
For I am running to Paradise;
And all that I need to do is to wish
And somebody puts his hand in the dish
To throw me a bit of salted fish:
And there the king is but as the beggar!”2), trällerte der Barde aus vollem Halse, als endlich ein Wirtshaus in Sichtweite geriet.

„The Dancing Rabbit“ verkündete das reichlich verzierte Schild über der Eingangstür des hübschen kleinen Gebäudes. Wohlgemut band Sean Big Brown vor der Taverne an und begab sich dann selbstbewusst in eben jene.
Der Schankraum strahlte eine anheimelnde Gemütlichkeit aus- das rege Geplaudere und die doch nicht geringe Anzahl der Gäste sprachen rundum für die Herrlichkeit des Etablissements. Ob es sich mit dem Mahl für einen armen, hungrigen Mann ebenso herrlich verhielt, stand noch zu beweisen.
„Wohlan, wohlan: seid mir gegrüßt, oh holde Maid!“, komplimentierte er die recht ansehnliche Wirtin – frech in ihr Dekolleté zwinkernd- und lehnte sich gegen den hölzernen Tresen.
„Hmph“, erwiderte die schöne Dame gänzlich unbeeindruckt von des Bardens Charme.
„Sagt mir, mein Täubchen- wie steht es um ein feines Tellerchen der prächtigsten Kost Eures Herdes für diesen demütigsten Diener der Bardenzunft?“
„Hmph!“
Ohne ein weiteres Wort oder eine bestätigende Geste entschwand die Wirtin im hinteren Bereich der Wirtschaft. Schon kurz darauf setzte sie dem lieben Sean üppigste Speisen vor, deren deliziöser Duft noch vor dem ersten Happen den Gaumen des Musikanten erfreute. Als Sean beherzt nach all den Leckereien greifen wollte, packte die Schankdame kneifend seine Wange.
„Fideln, Lüstling- den ganzen Tag! Erfreue mich und meine Gästeschaft. So sollst du nicht darben!“
Sean nickte begeistert und langte kräftig zu.
Schlussendlich fidelte Sean Jollyhoney wirklich bis in die tiefe Nacht. Berichte von den uralten Legenden Irlands- von Kobolden, Monstern, Elfen und den Túatha Dé Danann.

„Come away, O human child!
To the waters and the wild
With a faery, hand in hand,
For the world´s more full of weeping than you can understand.”3), musizierte der Barde.

All die werten Damen und Herren, die sich zum Lauschen seiner Weisen eingefunden hatten, hingen gebannt an den Lippen des verehrtesten Jollyhoney. Seine Kehle ward nie trocken, kredenzte man ihm während seiner Darbietung nämlich das formidabelste Gebräu.
Zu besonders später Stunde lichteten sich die Reihen der Zuhörerschaft und Sean sang für die gnädige Wirtin allein. Eine wahrlich wunderschöne Ballade becircte das sanfte Herz der lieblichen Maggie O´Connor:

„Had I the heavens´ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half-light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.„4)

Tief gerührt, entlohnte ihn das prachtvolle Weib durch einen zarten Kuss- Barde und Wirtin trunken von Tanz und Wein.
„Sprich, mein Mädel! Hat des guten Seans Honig-Fidelei ihm eine weiche Bettstätte eingebracht?“
Die dralle Maggie nahm Sean kichernd bei der Hand…

„… und… ah… kleiner Fuchs? Jane?“, unterbrach Will schließlich grinsend seine Geschichte.
Den Kopf der schlafenden Tochter an der Brust geborgen, richtete er sein Augenmerk auf den dunklen Himmel über ihnen. Der Ruf einer Eule hallte durch die selige Stille dieses friedvollen Momentes. Die Unendlichkeit der Sterne erhellte Janes Gesicht, als Wills Finger durch ihren kupfernen Schopf kämmten.

„The angels are stooping
Above your bed;
They weary of trooping
With the whimpering dead.

God´s laughing in Heaven
To see you so good;
The Sailing Seven
Are gay with His mood.

I sigh that kiss you,
For I must own
That I shall miss you
When you have grown.
5), wisperte der Vater in des Kindes Ohr und trug es behutsam in die Wärme des Heims.


(Anmerkung des Verfassers: Die in diesem Text enthaltenen Gedichtzitate wurden getreu des Sammelbands „Wordsworth Poetry Library: The Collected Poems of W.B. Yeats“ [ISBN:978-1-85326-454-2] aufgeführt.)

(Jenny Franz, B10/6; 2013)

1)
W.B. Yeats: „The Lake Isle of Innisfree“
2)
W.B. Yeats: „Running to Paradise“
3)
W.B. Yeats: „The Stolen Child“
4)
W.B. Yeats: „He wishes for the Cloths of Heaven“
5)
W.B. Yeats: „A Cradle Song“
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