Daisy Sisters von Henning Mankell

Liebe Vivi,

ich weiß nicht, wie ich es dir anders sagen soll, aber diese Nacht mit Nils an der Grenze hat für mich Konsequenzen. Ich bin schwanger. Und nun weiß ich einfach nicht, was ich machen soll. Mit meinen Eltern kann ich nicht darüber sprechen, sie haben genug Sorgen und Probleme, ohne dass ich ihnen noch zusätzlichen Kummer bereite. Außerdem habe ich Angst vor ihrer Reaktion. Mein Vater wird mich bestimmt rauswerfen, wenn er es erfährt und meine Mutter wird mich nur mitleidig ansehen, aber mit Schweigen strafen. Dabei würde ich so gerne mit meiner Mutter darüber reden können. Ich brauche dringend ihren Rat. Dieses Kind, was in mir heranwächst, macht mir Angst. Was ist, wenn ich keine gute Mutter bin oder ich es nicht lieben kann? Aber will ich denn überhaupt das Kind bekommen? Ich weiß, dass es eine andere Möglichkeit gibt, über die man aber nur hinter vorgehaltener Hand reden kann und dennoch habe ich auch über diese bereits nachgedacht. Aber ich fürchte mich vor den Schmerzen und was ist, wenn etwas schief geht und ich danach vielleicht gar keine Kinder mehr bekommen kann? Ich will ja Kinder, aber warum musste das alles gerade jetzt passieren? Meine Jugend wäre mit einem Schlag zu Ende und ich hätte eine noch viel größere Verantwortung zu tragen, obwohl sie mich jetzt schon fast zu zerdrücken droht. In diesem Kind verbinden sich alle meine Ängste, aber auch alle meine Hoffnungen. Ich wollte immer, dass meine Kinder es mal besser haben als ich. Dass sie nicht, wie ich, immer den schwersten Weg gehen müssen und vielleicht aus meinen Fehlern lernen können , um diese nicht zu wiederholen. Doch was könnte ich diesem Kind in meiner jetzigen Situation schon bieten? Ich habe Nichts und ich bin noch so jung, dass ich ihm nicht mal einen guten Rat geben könnte. Ich fürchte mich davor, dass mein Schicksal unwiderruflich mit dem des Kindes verbunden ist und es ihm genauso ergeht wie mir. Denn ich frage mich, ob wir alle wirklich ganz eigenständige Menschen sind, die schon mit einer eigenen Meinung und Moral auf die Welt kommen oder sind wir Produkte unserer Umwelt und werden geprägt durch unsere Familie. Es würde dann durch mich geprägt werden. Doch was soll ich ihm nur sagen und mit auf den Weg des Erwachsenwerdens geben, wenn ich doch selbst noch fast ein Kind bin? Du weißt, dass du immer die Mutigere von uns beiden warst, doch gerade jetzt wünsche ich mir deinen Mut und deine Stärke zu haben, um eine Entscheidung zu treffen. Denn genau das ist das Schlimmste in dieser Situation, nicht zu wissen, wie ich mich entscheiden soll. Du siehst, in welchem Dilemma ich stecke und deshalb brauche ich dringend deinen Rat und Zuspruch. Soll ich dieses Kind, was ich unter dem Herzen trage, bekommen und all meine Kraft in sein Wohlergehen stecken? Mich, bis fast zur Selbstaufgabe, aufopfern, damit es Alles hat, was es braucht, um zu einem zufriedenen Erwachsenen heranzuwachsen? Oder wähle ich den vermeintlich leichteren Weg? Lasse ich das Kind abtreiben und hoffe, dass mich diese Tat nicht bis in alle Ewigkeit in meinen Träumen verfolgen wird?

Du siehst, wie verzweifelt ich bin. Ich suche zwanghaft nach einem Ausweg, doch kann ich ihn nicht finden. Allerdings wird mir gerade klar, dass genau jetzt die Zeit ist, um Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, denn diese Entscheidung liegt ganz bei mir. Du kannst mir zwar zur Seite stehen, aber treffen muss ich die Entscheidung alleine, so wie ich auch mit den Konsequenzen alleine fertig werden muss.

Bitte schreibe mir so schnell du kannst zurück. Ich brauche jetzt unbedingt eine Freundin an meiner Seite.

Elna

Lisa Börner, 20.10.2013, 19:40

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