Das Alte Testament (insbesondere das Buch Hiobs)

Korbinian Roth


Das alte Testament ist eine Sammlung unterschiedlichster Texte, die dazu veranlassen die unterschiedlichsten Fragen zu stellen.
Die Frage die mich beim Lesen der im Folgenden genannten Schriften am meisten interessierte war die Frage nach einem gerechten Gott.

Zwei verschieden Darstellungsweisen der Gerechtigkeit Gottes erhalten wir aus den Büchern Proverbia und Kohelet, die zu den Schriften der Weisheiten gehören.

1. In Proverbia wird ein klarer Zusammenhang von Ursachen und Wirkung dargestellt. Wer Gutes tut wird Gutes erfahren, wer Böses tut wird Böses erfahren.

Wer weise ist der höre und wachse an Weisheit , und wer verständig ist, der lasse ich raten, dass er verstehe Sprüche und Gleichnisse, die Worte der Weisen und Ihre Rätsel. Die Frucht des HERRN ist der Anfang von Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.
Proverbia 1: 5-7

⇒ Die Gerechtigkeit Gottes wird also den Guten belohnen und den Bösen bestrafen.

2. In Kohelet wird eine andere Sichtweise dargestellt. Dieses Buch bespricht die nihilistischen Annahmen der Bedeutungslosigkeit des Lebens und des menschlichen Handelns. Der direkten Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Ursache und Wirkung wird hier widersprochen. Gerechtigkeit wird als ein Chaos aus gut und böse dargestellt, das im Gesamten gerecht ist.

Lasst uns am Ende die Summe von allem hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle Menschen. Denn Gott wird alles Werk vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.
Kohelet 12: 13, 14

⇒ Die Gottes Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gleichen sich also am Ende aus.



Interessant wird es, wenn man diese beiden Ansichten anhand von Beispielen betrachtet. Es erste Beispiel finden wir direkt im ersten Buch des Alten Testaments: Der Brudermord. Kain bringt seinen Bruder aus Neid um und wird dafür von Gott bestraft. Auf Unrecht folgt Unrecht. Die Ansicht aus Proverbia passt. Allerdings kann man sich die Frage stellen beginnt diese Kausalkette wirklich erst mit dem Mord an Abel, oder kann man nicht vorher schon Ungerechtigkeit erkennen? Ist es ungerecht von Gott wie er die Opfer von Kain und Abel betrachtet? Würde ein gerechter Gott nicht beide Opfer gleich betrachten?

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN ein Opfer brachte von den Früchten seines Feldes. und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.
Genesis 4: 3-5

Man könnte jetzt die Kette so umformulieren: Ungerecht Gottes führt zum Ungerecht Kains führt zum Unrecht Gottes. Gottes Unrecht ist also der Auslöser der Situation, klar ist Kain dadurch nicht unschuldig, aber hätte Gott gerecht geurteilt, wäre es nicht zu dieser Situation gekommen. Dies könnte man durch die Ansicht aus Kohelet verteidigen, dass sich diese Situation durch Gottes Gerechtigkeit an anderen Stellen ausgleicht.



Ein weitaus interessanteres Beispiel ist das Buch Hiobs. In dem Gott Satan (heb. Ankläger; ein Gottessohn [heb .Gott Untergeordneter]; hier NICHT der Teufel) erlaubt den Glauben des Mannes Hiob, den Gott aus vorbildlich sieht, auf die Probe zu stellen.

Um zu beweisen, dass Hiob nur an die Gerechtigkeit Gottes glaubt solange dieser ihm Gutes gibt, nimmt ihm der Satan alles. Der tötet seine Kinder, Bediensteten und Tiere und zerstört all seinen Besitz. Anschließend lässt er Hiob schwer erkranken, doch Hiob verliert seinen Glauben vorerst nicht.

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.
Hiob 1: 21
Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?
Hiob 2: 10

Doch mit der Zeit beginnt Hiob zu zweifeln und sein Leben und Gott zu verfluchen. Seine Freunde kommen ihn besuchen und argumentieren, dass er gesündigt haben muss, denn Gott sei gerecht und würde ihn nicht grundlos bestrafen. Hiob hält es nicht mehr aus und spricht zu ihm. Allerdings erklärt er Hiob nicht die tatsächliche Situation, sonder weißt ihn zurecht, dass er das Handeln Gottes niemals verstehen könnte und er es sich nicht anmaßen soll eine Klärung für dieses zu verlagen. Eine Antwort die Hiob einsieht.

Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. “Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?” Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.
Hiob 42: 2, 3

Anschließend wendet sich Gott verärgert an Hiobs Freunde, dafür wie sie über ihn geredet haben.

Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
Hiob 42: 7

Am Ende gibt Gott Hiob alles zurück was ihm genommen wurde.



Dieses Buch macht es unglaublich schwer für Gottes Gerechtigkeit zu argumentieren. Den Ansatz aus Proverbia können wir direkt widerlegen. Auf Hiobs gute und fromme Leben folgt das kranke Experiment Gottes bzw. Satans. Auf Recht folgt Unrecht.

Auch für die Sichtweise aus Kohelet wird es schwierig zu argumentieren, bei der Menge an passierenden Unrecht.

  1. Die Grundlose Bestrafung Hiobs.
  2. Das Fehlverhalten seiner Freunde, die sich aber auf Gottes Gerechtigkeit verlassen.
  3. Die ausweichende Antwort Gottes an Hiob.
  4. Die Wut Gottes gegen Hiobs Freunde, obwohl diese seiner Logik gefolgt sind.
  5. Dass Gott Hiob alles wiedergibt, obwohl es nach seiner eigenen Logik nicht gerechtfertigt ist.

Es existiert nicht genug ausgleichendes Recht für all dieses Unrecht.

Zusätzlich wird es in diesem Kontext auch interessant die zehn Gebote zu betrachten.

5. Du sollst nicht töten.
Mose Exodus 20: 13

Gott erlaubt Satan Hiobs Kinder und Bedienstete zu töten und somit einen Verstoß gegen dieses Gebot.

7. Du sollst nicht stehlen.
Mose Exodus 20: 15

Hier möchte ich “Stehlen” nicht aus der Sicht der Selbstbereicherung betrachten, sondern unter dem Gesichtspunkts des “jemanden etwas wegnehmen”. Auch das erlaubt Gott dem Satan und dieser nimmt Hiob alles! Also erlaubt Gott erneut das brechen seiner Gebote.

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Mose Exodus 20: 16

Hier verstößt Gott selbst gegen sein Gebot, als er beschließt Hiob zum zweifeln zu bringen, anstatt ihm die Wahrheit zu sagen.

Ich hab für mich den Schluss gezogen, dass Gott nicht gerecht ist. Eine Außensichtweise, der man gerne widersprechen darf und kann, vor allem, wenn man beginnt das neue Testament zu betrachten. Die beiden Bücher Proverbia und Kohelet liefern eine Interessante Sichtweise auf unsere Welt. Es fällt immer leicht Proverbia zu widersprechen, dennoch liefert es eine einfache und sehr idealistische Sicht auf unsere Welt. Der Sichtweise aus Kohelet möchte ich im Allgemeinen zustimmen, nur bei den oben genannten Beispielen fällt es mir schwer sie auf die Gerechtigkeit Gottes anzuwenden. Dennoch glaube ich, dass in unserer Welt für alles Böse ein gutes Gegenstück existiert.

Quellen/ weitere Informationen:

  • Die verwendeten Zitate stammen aus einer Lutherübersetzung.
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