Ricardo Güiraldes: Das Buch vom Gaucho Sombra

Was macht ein 14-jähriger Junge, der der Eintönigkeit eines kleinen argentinischen Städtchens und seinen geifernden Tanten entfliehen möchte?

Er schließt sich dem beeindruckenden und sagenumwobenen Gaucho Don Segundo Sombra an, auf den er eines Abends zufällig trifft. Durch ihn lernt er eine völlig neue, aber auch sehr rauhe Welt kennen: lange anstrengende Viehtriebe, die brütende Hitze der Pampa, Einsamkeit, aber auch rauschende Feste auf den Estanzias. Es entwickelt sich eine unterhaltsame Geschichte, in der Güiraldes mit klaren, einfachen Worten den derben Alltag schildert, bis hin zum Schlachten eines Schafes oder blutige Hahnenkämpfe. Gleichzeitig wird aber auch von der Freiheit der weiten Pampa berichtet, die aus einfachen Knechten der Estanzias unabhängige Menschen macht. Solche Gegensätze trifft man immer wieder im Buch an. Die wunderschöne Natur, die bildreich und üppig beschrieben wird, kann sich unvermittelt gegen die Männer und Tiere richten. So verliert der Junge, beeindruckt von der Küstenlandschaft des Pazifiks, in einem unachtsamen Moment beinahe sein Pferd in den Sümpfen. Frei und ungebunden wird der namenlose Junge am Ende des Buches vor eine Entscheidung gestellt. Er erfährt vom Tod seines bisher unbekannten Vaters, der ihm eine Estanzia vererbt und so eine Alternative zum entbehrungsreichen Leben in der Pampa bietet, die allerdings auch mit Verpflichtungen verbunden ist. Erst mit der Freundschaft zum Sohn der benachbarten Estanzia und der Unterstützung von Don Segundo Sombra gibt er sein Leben als Gaucho auf.

Raffiniert versteckt Güiraldes vereinzelte spanische Wortspiele im sonst einfachen Text. Der elternlose, „Guacho“ (= Bastard) genannte Junge wird zum unabhängigen Gaucho. Ebenso tritt Don Segundo Sombra eines Abends wie ein Schatten (= Sombra) in das Leben des Jungen und begleitet ihn während der Reisen. Ein „Schattenriß auf dem entfernten Hügel“ ist auch das letzte, was der Junge von ihm sieht, als Don Segundo den inzwischen selbstständigen Estanziero verläßt.

Etwas störend an dem Roman ist die völlige Verherrlichung des “männlichsten aller Handwerke“, die Arbeit der Gauchos. Mit der Figur des Don Segundo Sombra entwirft Güiraldes das Bild des idealen Gauchos, der unbeeindruckt vom Wetter, Rinderherden zusammenhält und Pferde zureitet, seine Freiheit über alles liebt und Fremden, Frauen und Wein gegenüber mißtrauisch ist. Entsprechend schillernd werden auch die Beschreibungen. Hier treffen „geschmeidige, gewitzte“ Zureiter auf den „herrlichen Zorn“ der Tiere.

Erst weit am Ende des Buches wird auch unterschwellig Kritik an Don Segundo Sombra laut bzw. Unterschiede zwischen dem recht sensiblen Jungen und dem perfekten Gaucho deutlich. Seine Gleichgültigkeit allem gegenüber macht ihn zwar unabhängig, aber auch kalt und unnahbar wie eine Statue, die man bewundert. Allerdings weicht diese Härte und Gleichgültigkeit in manchen Augenblicken auf. Immer wenn dem Jungen Zweifel kommen, ob er den Anforderungen eines Gauchos schon gewachsen ist, steht ihm Don Segundo zur Seite. Hinzu kommt seine Gabe, mit Geschichten über viele phantastische Gestalten und geheime Kräfte etwas Farbe in das anstrengende Leben zu bringen.

„Das Buch vom Gaucho Sombra“ ist eine nette, unterhaltsame Geschichte, die ein Stück argentinisches Leben widerspiegelt. Glücklicherweise ist der pfiffige und manchmal etwas vorlaute Junge, der mit seinen unüberlegten Aktionen ab und an auf die Nase fällt, eine sehr sympathische Figur. Ohne ihn und seine kleinen Schwächen würde das Buch teilweise doch ins Pathetische abdriften.

(Maike Thierer, 2008)

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