Das Durchdrehen der Schraube

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kam es in London zu einer Gerichtsverhandlung, von der ich hier berichten möchte. Nun, Sie werden sicher einwenden, dass es in London sowohl damals auch heute zu zahlreichen Gerichtsverhandlungen kommt und was denn wohl an dieser so besonders gewesen sein soll? Es war das Aufsehen, das Interesse, das dieser Prozess in der Öffentlichkeit erregte und weckte. Die Schlagzeilen der Zeitungen kannten kein anderes Thema mehr und so manches Mal musste der Gerichtssaal wegen Überfüllung und wegen des Tumults unter den Schaulustigen geräumt werden. Warum all dieser Spuk? Ach, genau das ist der Grund! Wären Sie nicht auch fasziniert, oder wenigstens neugierig, wenn es um Geister, um Übernatürliches, um Hexerei und um Mord, ja, Mord ginge? Ein Mord an einem Kinde, der unter allerhand mysteriösen Umständen geschah? Mord oder schreckliche Tragödie? Aber, ich greife vor… Die Menschen damals jedenfalls waren nur allzu gierig nach diesen Themen und verfolgten wie gebannt den Verlauf des Prozesses.

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Im Dezember 1858 steht eine junge Miss in London vor Gericht. Sie wird bezichtigt, den Tod ihres ihr anvertrauten Zöglings, Master Miles, verschuldet zu haben. Ob Mord oder tragischer Unfalltod soll durch die Jury der zwölf Geschworenen entschieden werden. Die Angeklagte, deren Name aus Rücksicht auf Verwandtschaft hier nicht genannt wird, stammt aus Hampshire. Sie ist die jüngste von mehreren Töchtern eines Landpfarrers und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf.

Als der vorsitzende Richter zum Auftakt der Verhandlung die junge Miss auffordert, die Geschehnisse zu schildern, springt diese im Zeugenstand auf und wendet sich flehend an ihn: „Ich bitte Sie, Eure Lordschaft, ich bin unschuldig! Sie waren es! Sie haben die Kinder verhext. Ich wollte sie retten, verstehen Eure Lordschaft? Ich musste die Geister austreiben! Bitte, ich…“ Dieser Ausbruch der Angeklagten lässt die anwesenden Zuschauer und die Geschworenen erschauern und ein heftiges, lautes Gemurmel erhebt sich: Geister? Sagte sie wirklich verhext? Geisteraustreibung? Gott stehe uns bei! Sie muss verrückt sein! Oh wie schrecklich!

Der Richter mahnt alle Anwesenden zur Ruhe. Auch er wirkt leicht verunsichert, wendet sich jedoch in aller Schärfe an die junge Miss. Sie solle sachlich und der Reihe nach berichten, wie es sich zugetragen habe. Die Angeklagte setzt sich langsam wieder. Ihr Blick schweift über die Zuschauer und die Geschworenen hinweg. Es scheint, als suche sie etwas in ihren Gesichtern. Als sie ihre Stimme erneut erhebt, klingt diese dünn, fast zerbrechlich, nicht so leidenschaftlich wie zuvor, sondern eigenartig hohl. Mit gebeugten Schultern, den Blick auf ihre Hände gerichtet beginnt sie ihren Bericht:

„Im Frühsommer dieses Jahres bewarb ich mich auf eine Zeitungsannonce. Es wurde eine Erzieherin für ein Geschwisterpaar gesucht. Ich war aufgeregt und unsicher, denn ich hatte keinerlei Erfahrung, es sollte meine erste Anstellung sein. Ich fand mich in der Harley Street ein, um mich bei meinem Brotherrn vorzustellen. Er ist ein vornehmer und gütiger Herr. Er schilderte mir die Bedingungen meiner Anstellung. Er sei Vormund und hatte beschlossen, die Kinder sollten auf seinem Landsitz „Bly“ in Essex aufwachsen und erzogen werden. Ich allein hätte die Verantwortung für die Erziehung seiner Mündel zu tragen. Weiteres Hauspersonal wäre vorhanden. Ich, ich, nein, ich wollte, konnte diese Verantwortung nicht übernehmen, es erschien mir zuviel, zu schwer, zu gewagt!“ Hier unterbricht die junge Miss. Die letzten Worte klingen verzweifelt, sie ringt um Atem und ihr Blick scheint nach innen gerichtet zu sein. „Warum haben Sie die Stellung dann angenommen, war es das Geld?“, will der Richter wissen. Die Angeklagte flüstert fast: „Der Herr…Ich durfte nicht, ich musste doch…Ich durfte ihn nicht enttäuschen!“

An dieser Stelle wechseln der Richter und der Staatsanwalt vielsagende Blicke und machen Notizen. „Fahren Sie fort! Schildern Sie ihre Anwesenheit auf Bly, ihre Zeit mit denen ihn anvertrauten Zöglingen!“ Wieder sammelt sich die junge Miss, als müsse sie Mut schöpfen, weiterzusprechen.

„Ich wurde freundlich auf Bly empfangen. Die Haushälterin Mrs. Grose stellte mich allen vor und zeigte mir das Anwesen. Es war ein sehr gepflegtes und gut geführtes Haus. Das beruhigte mich sehr. Und dann, dann…Flora! Ich lernte dann Flora kennen! Sie war so bezaubernd, so wohlerzogen. Einem Engel gleich!“ Ihr Gesicht gewinnt an Farbe und ihre Stimme wechselt den Klang. Sie spricht mit soviel Wärme und Liebe über das Mädchen und den Knaben, dass sogar der Gerichtsschreiber kurz aufschaut, um zu prüfen, ob immer noch dieselbe Person spricht wie zuvor. „Und Miles…Er war so schön, so klug und artig. Beide Kinder waren stets goldig und wollten uns alles recht machen. Mrs. Grose und ich waren ja so stolz auf die beiden. Es war ein Glück, ein Segen, sie in meiner Obhut haben zu dürfen! Ich unterrichtete beide und sie lernten so schnell und fleißig. Alles ging seinen Lauf und ich liebte beide innig bis…Sie kamen zurück, um sie zu holen! Ich habe Sie gesehen!“ Sie spricht voller Panik und ihr Gesicht gleicht einer Fratze. Der Blick flackert unwirsch hin und her und ihre Hände umklammern den Zeugenstand. Im Saal ist es wieder laut geworden, die Zuschauer sprechen wild durcheinander.

„Ruhe, sofort Ruhe! Angeklagte reißen Sie sich zusammen! Wer kam zurück, wen haben Sie gesehen und was hat das mit dem Tod des Knaben zu tun?“, der Richter verschafft sich Gehör.

„Quint! Quint und Miss Jessel! Die Toten! Ihre verdorbenen Seelen, ihre Geister, sie kommen zurück. Sie wollen die Kinder holen! Ich habe sie gesehen! Auf dem Turm, am Fenster, am See, immer wieder! Sogar im Haus! Ich habe mit ihnen gesprochen! Sie sind durch und durch böse, verdorben. Ich wollte beide austreiben, sie verjagen. Miles, oh Miles, verzeihe mir, ich war zu schwach! Oh Miles…Ihre Lordschaft, Flora! Bitte, helfen Sie ihr! Oh, bitte…!“ Die Worte sprudeln aus ihr heraus und schließlich bricht sie unter heftigem Schluchzen zusammen. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Zuschauer springen auf und schreien wild durcheinander. Die Zeitungsschreiber verlassen eilig den Gerichtssaal. Es gibt etwas zu berichten. Der Richter lässt den Saal räumen und vertagt die Verhandlung.

Nach einigen Tagen wird die Verhandlung fortgesetzt. Im Zeugenstand steht Mrs. Grose, die Haushälterin von „Bly“. Sie fühlt sich sichtlich unwohl und klammert sich ängstlich an ihre Handtasche.

„Zeugin Grose, Sie wurden darüber informiert, dass die Angeklagte einen Zusammenbruch erlitt. Sie befindet sich mittlerweile im Hospital und ist nicht fähig, weitere Aussagen zu machen.

Wie uns die weiteren Mitglieder des Personals auf „Bly“ mitteilten, standen Sie in einer besonderen Beziehung zu der Angeklagten. Freundschaftlich, ja gar schwesterlich sollen Sie miteinander verkehrt sein. Oftmals sollen Sie sich unter vier Augen hinter geschlossenen Türen unterhalten haben und standen auch bei der Erziehung der Kinder Seite an Seite. Ist dies Verhältnis nicht unangebracht für eine Haushälterin? Sie waren es auch, die das Mädchen Flora an dem Todestag des Jungen von „Bly“ nach London zu seinem Vormund brachten! Warum dies? Wussten Sie von den „Geistern“, die ihre Freundin zu sehen glaubte? Wollten Sie Flora retten? Ihre Zeugenaussage ist von großer Bedeutung für das Gericht. Erklären Sie sich! Fangen Sie mit ihrem Eindruck der Angeklagten an!“ Mrs. Grose nickt dem Richter demütig zu. Sie sieht die Geschworenen eingeschüchtert an, so als wolle sie sich entschuldigen. Dann holt sie tief Luft und spricht mit leiser Stimme, so dass alle Anwesenden im Saal mucksmäuschenstill werden, um sie verstehen zu können.

„Ich bin schon viele Jahre Haushälterin auf „Bly“. Der Herr war nur selten zu gegen. Ich freute mich, als die Kinder zu uns kamen. Es brachte Abwechslung und neue Aufgaben mit sich. Sie waren beide so herzensgute Kinder, so rein und goldig…Aber, ach ja, die junge Miss kam im Juni als neue Erzieherin zu uns. Der Herr hatte uns per Brief davon wissen lassen. Er schrieb nicht viel, dass tut er nie, und so wusste ich leider nicht, wie sie sein würde, die Neue. Ach, ich war so erleichtert als sie dann da war. Die junge Miss ist so eine freundliche Person, herzensgut und ohne Argwohn. Ich mochte sie gleich. Besonders, als ich merkte, dass Flora, Miles und die junge Miss ebenfalls bestens miteinander auskamen.

Natürlich ist es nicht leicht für eine so junge Miss, solch eine Verantwortung zu tragen. Auch die Abgeschiedenheit des Landsitzes kann manch einer nur schwer ertragen. Die junge Miss schien manchmal etwas darunter zu leiden. Sie war dann von gedrückter Stimmung, las viel bis spät in die Nacht oder ging allein im Garten spazieren. Man darf das nicht falsch verstehen, bitte, sie war eine sehr gute Erzieherin und niemals vernachlässigte sie ihre Pflichten! Nur, der Druck, der Druck für so eine junge Miss war zu groß, denke ich.

Ja, wir saßen oft zusammen und sprachen über unsere Zöglinge und ja, Euer Lordschaft, es stand mir nicht zu, so vertraut mit der Erzieherin der Kinder umzugehen. Aber, es half ihr, wir teilten uns die Verantwortung, ich hörte mir ihre Sorgen an. So ging es gut bis, nun, es wurde schlimmer, als sie sorgenvolle Briefe von zu Haus bekam. Sie sprach nicht darüber, aber ich spürte, wie sehr es ihr zusetzte. Dieser Tage wurde sie sehr still, zog sich zurück. Es war der Sommer fast herum, die Abende wurden kühler, als sie…Ach, es ist so schlimm!“ Sie schluchzt und sucht umständlich ihr Taschentuch.

„Zeugin, fahren Sie fort! Die angeblichen Geistersichtungen und die Personen Quint und Miss Jessel! Berichten Sie!“

„Ja, Euer Lordschaft. Ja, ich wusste, dass sie Erscheinungen hatte. Sie vertraute sich mir an!“ Ein Raunen geht durch den Saal. „Ich wusste davon, tat jedoch nichts. Ich gebe es zu. Ich tat nichts, denn es schien wahr zu sein. Ich glaube nicht an Geister, aber die junge Miss war so überzeugend in ihrer Art, dass ich ihr gern glauben wollte. Außerdem beschrieb sie mir die Erscheinungen so genau, dass ich darin sofort zwei mir bekannte Personen erkannte: Quint und Miss Jessel! Beide tot! Beides böse Menschen, jawohl, es ist wahr, beide hatten einen schlechten Einfluss auf die Kinder als sie noch auf „Bly“ arbeiteten. Die junge Miss beschrieb die Toten so genau, ohne sie vorher jemals gesehen zu haben! Ich glaubte ihr.

Aber ach, schon bald sah ich ein, dass sie sich in etwas hineinsteigerte. Sie wurde immer blasser, suchte in den Kindern nach Zeichen von Übel und glaubte sie gefunden zu haben. Der Beweis, dass Flora und Miles bereits verhext seien! Die junge Miss wollte ihnen die Geister austreiben, um sie zu retten.

Ich konnte sie nicht stoppen und versuchte lediglich, ihr eine gute Freundin zu sein und auf die Kinder Acht zu geben. Sie glaubte, die Geister wollten die Kinder holen. Sie ließ Flora und Miles nicht mehr aus den Augen. Der Junge hätte wieder zur Schule müssen, aber sie behielt ihn bei sich. Und dann, an diesem Herbsttag, da war alles zu spät…Oh, wie schrecklich! Ich erinnere mich genau, es war furchterregend!“

Mrs. Grose schlägt die Hände vor das Gesicht, als wolle sie die Erinnerung nicht zulassen. Die Luft im Saal ist mit Spannung geladen und die Geschworenen rücken auf ihren Stühlen weiter vor.

„Die kleine Flora war an diesem Nachmittag allein zum See. Sie war einfach fortgelaufen. Als die junge Miss das Fehlen bemerkte, war sie überzeugt, dass Miss Jessel das arme Kind jetzt holen würde. Ohne Jacke, in aller Eile und Panik lief sie hinaus, dem Kind hinterher. Ich folgte ihr, weil ihr Anblick mich erschaudern ließ. Wir fanden Flora tatsächlich am See, sie war wohlauf! Gott sei Dank! Aber, dann, nein, die arme Miss! Plötzlich schrie sie auf und deutete in die Ferne: Da stünde Frau Jessel, da wäre sie! Flora war ganz verstört und bekam es mit der Angst. Meine arme Freundin, sie war ganz aufgebracht und behauptete, Flora würde Miss Jessel auch sehen können! Es war schrecklich. Flora fing an zu weinen und suchte bei mir Schutz. Ich konnte nichts für die junge Miss tun. Sie war ganz außer sich.

Schnell brachte ich Flora zurück ins Haus. Ich wusste nun, dass die junge Miss krank war. Sie brauchte Hilfe, die ich ihr nicht geben könnte. Aber ich wollte alles für die Kinder tun. So schirmte ich Flora ab und behauptete, sie hätte plötzlich Fieber bekommen. Master Miles war zu einem Spaziergang aufgebrochen, so dass ich ihn leider nicht antraf. Ja, ich ließ ihn wohl im Stich. Ich ahnte nicht, dass eine unmittelbare Gefahr für ihn bestand. Bitte, glauben Sie mir! Es tut mir so leid!“ Erneut nimmt Mrs. Grose ihr Taschentuch und wischt sich Tränen aus dem Gesicht.

„Ich packte also ein paar Sachen für Flora und mich, wartete bis die junge Miss sich zurückzog und heimlich, Hals über Kopf, verließ ich mit Flora in der Kutsche „Bly“! Ich dachte, es wäre das Beste für die verstörte Flora. In London wollte ich dann ihrem Vormund Bericht erstatten. Oh, ich kam zu spät, alles zu spät! Der arme Miles! Die arme Miss!“ Ihre Tränen wollen nicht aufhören zu fließen. Ihre Trauer ist so bewegend, dass alle Anwesenden betreten zur Seite sehen.

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Zwei Tage später soll das Urteil bekannt gegeben werden. Der Richter fasst noch einmal zusammen: „Geschworene, Sie sind zu einem Urteil gekommen. Ihnen ist bekannt, dass die Angeklagte im gesunden Zustand stets ihre Unschuld beteuerte. Der Gerichtsmediziner konnte keine Anzeichen für Fremdeinwirken finden, dennoch wurde der Junge tot in den Armen der Angeklagten gefunden. Die gehörten Zeugen beschrieben die Angeklagte als lautere Person, die einem enormen Druck ausgesetzt war und womöglich dadurch ausgelöst, unter Wahnvorstellungen litt. Als das hatten Sie zu berücksichtigen. Bitte, geben Sie nun Ihr Urteil bekannt!“

„Wir befinden die Angeklagte als unschuldig.“

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Es heißt, die freigesprochene junge Miss wurde zur Beobachtung in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Die beiden Gerichtsdiener, die nach dem Zusammenbruch der Angeklagten bis zum Eintreffen der Sanitäter bei ihr blieben, berichten, sie wiederhole stets einen Satz:

„Ich habe sie überdreht. Ich habe die Schraube überdreht…“

Carola Köster, 2012

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