James Thurber: Das Einhorn im Garten (zu engl. The Unicorn in the Garden)

Vorgestellt von Vanessa Stahlberg

Zum Autor

James Grover Thurber wurde am 8. Dezember 1894 in Columbous (Ohio) geboren. Er war us-amerikanischer Schriftsteller und wurde vor allem durch seine Karikaturen und Kurzgeschichten bekannt. Er schrieb jedoch auch Satiren, Skizzen und Fabeln, die oftmals ins Aberwitzige abglitten. Er war einer der bekanntesten Humoristen des 20. Jahrhunderts. Die Quintessenz seiner Erzählungen und Zeichnungen waren oftmals einfache Lebensweisheiten die heute wie damals zutreffende Aussagen enthalten. Die Inhalte seiner Texte sollten jedoch als Kritik an der zeitgenössischen amerikanischen Gesellschaft verstanden werden. Thurber behandelte unter anderem Themen wie Krieg, Angst, Psychologie, Sex und die Problematik der Geschlechter. Bis zu einer Augenkrankheit, einige Jahre vor seinem Tod, die nahezu zur Erblindung führte, illustrierte er seine Texte selbst und arbeitete als Karikaturist. James Thurber verstarb am 2. November 1964 in New York.

Zum Inhalt

Während seines Frühstücks an einem sonnigen Morgen beobachtet der Mann ein weißes Einhorn, welches in dem Garten seines Hauses ein paar Rosen frisst. Sofort eilt er zu seiner noch schlafenden Frau ins Schlafzimmer, um sie über Gesehenes zu unterrichten. Seine Frau öffnet unfreundlich dreinblickend ein Auge, erwidert, dass Einhörner bloß Fabelwesen seien und dreht ihm den Rücken zu. Der Mann begibt sich in den Garten, wo sich das Einhorn bereits über die Tulpen hergemacht hat und gibt ihm eine Lilie zu fressen. Mit klopfendem Herzen sucht er erneut seine Frau auf, um ihr zu berichten. Diese betrachtet ihn kalt, bezichtigt ihn des Irrsinns („The unicorn is a mythical beast“) und droht ihm damit, die Polizei sowie einen Psychiater zu informieren. Missmutig verlässt der Mann erneut das Schlafzimmer in Richtung Garten, um nach dem Einhorn zu sehen. Dieses ist jedoch unauffindbar und so setzt er sich zum Schlafen zwischen die Rosen. Die Frau hingegen begibt sich geistesgegenwärtig aus dem Bett, zieht sich an und verständigt voller Vorfreude sowohl Polizei als auch die Irrenanstalt. Verständigte Behörden eilen mit einer Zwangsjacke herbei und lauschen der Geschichte der Frau. Während die Herrschaften die Frau in Gewahrsam nehmen, kommt der Mann zurück ins Haus. Die Beamten fragen ihn, ob er seiner Frau erzählt habe, dass er ein Einhorn gesehen hätte. Er erwidert bloß die Worte seiner Frau („Of course not,“ said the husband. „The unicorn is a mythical beast.“), dass Einhörner Fabelwesen seien und sieht den Herren dabei zu, wie sie seine klagende, schreiende und vor Wut tobende Frau aus dem Haus führen. Der Mann lebt seither glücklicher als je zuvor in seinem kleinen Haus.

„Moral: Don't count your boobies until they are hatched.“ (sinngemäß: „Man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.“)

Eigene Meinung/Textauffassung

Besonders begeistern konnte ich mich für die Fabel „Das Einhorn im Garten“ (zu engl. The Unicorn in the Garden), welche ich in der Originalfassung gelesen habe. Die Moral der Geschichte ist, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben sollte. In Bezug auf den Inhalt ist die Wahl dieser Aussage mehr als treffend. Die Lektüre dieser Kurzgeschichte Thurbers dient nicht allein der Belustigung des Lesers. Sie stellt auch treffend dar, dass man sich nicht zu früh in Sicherheit wägen soll, wenn der Ausgang eines Ereignisses noch nicht abschließend beurteilt werden kann. Es gibt einige Sprichwörter, die meines Erachtens als Antwort auf diese Kurzgeschichte verstanden werden könnten. Wie heißt es noch so schön: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.“, „Hochmut kommt vor dem Fall.“ oder „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“.

So ist es auch der Frau des Protagonisten ergangen, welche die Gunst der Stunde, ihren Mann loszuwerden, zu erkennen glaubte und letztlich mit ihren eigenen Waffen von ihm geschlagen wurde. „Das Einhorn im Garten“ ist eine Geschichte der soviel Wahres anhaftet, dass man nach dem ersten Auflachen doch ins Grübeln gerät, da einem jeden von uns solche Situationen allgemein bekannt sind. Freut man sich an einem Wintermorgen beispielsweise noch über strahlenden Sonnenschein und verlässt das Haus unzureichend bekleidet, ziehen bereits wenigen Stunden später dunkle Regenwolken auf. So wird eine übermütige Vorfreude oftmals mit dem eintretenden Gegenteil bestraft.

In mir kam schon während der Lektüre die Frage auf, womit sich das kalte Miteinander der Eheleute begründen lässt. Der Mann sucht seine Frau zu jeder Zeit auf, um seine Freude und Verwunderung mit ihr zu teilen. Ist es nicht so, dass man mit dem Menschen, den man liebt, alle seine Eindrücke und Erfahrungen teilen möchte? Sie jedoch ist vom ersten Moment an genervt und schenkt seiner Geschichte keinen Glauben. Lässt sich ihre abweisende Art mit allmorgendlicher Müdigkeit begründen? Oder ist ihr Handeln auf rationales Denken zurück zu führen? Scheinbar erfreut sich die Frau an dem Gedanken, ihren Ehemann los zu werden („she was very excited and there was a gloat in her eye“). Der Ehemann nutzt die Situation letztlich jedoch zu seinem Vorteil und dreht den Spieß um. Indikator hierfür ist die Tatsache, dass er ihre Wortwahl vom Anfang der Geschichte nutzt („the unicorn is a mythical beast“). Somit nimmt er ebenfalls eine rationale Denkweise ein. Unabsichtlich oder geplant?

Ich kann diese Kurzgeschichte jedem ans Herz legen, da sie unterhaltsam zu lesen ist und gleichsam zum Nachdenken anregt.

Zum englischen Originaltext: http://english.glendale.cc.ca.us/unicorn1.html

Vanessa Stahlberg, 22.02.2014, 18:28

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