Graham Greene: Das Ende einer Affäre

„Lieber Mr. Bendrix,

hier noch der abschließende Bericht meiner Arbeit. (Wobei mir mein Sohn, der übrigens wieder wohlauf ist, selbstverständlich helfend zur Seite stand.)

Ich wurde von Mr. Savage beauftragt für Sie Mrs. Sarah Miles zu beobachten und Anzeichen einer etwaigen Liebschaft nachzugehen. Dies sollte selbstverständlich der beobachtenden Person sowie ihrem Ehemann Mr. Miles nicht auffallen. Ich begann gleich darauf mit meinem Sohn erste Indizien für eine Affäre zu sammeln. Die Zielperson traf sich anfangs meiner Ermittlungen mit einem Mann, dem gegenüber sie sich vertraut und liebevoll verhielt. Es gab mehrere Anzeichen, die auf eine Liaison zwischen den beiden deuteten. Doch wie sich herausstellte waren Sie, Mr. Bendrix, es gewesen mit dem sich Mrs. Miles an diesem Tag traf. (Was mir immer noch äußerst unangenehm ist und wofür ich mich gerne noch einmal entschuldige.) Daraufhin schilderten Sie mir erst einmal den Grund, weshalb ich diese außergewöhnlich nette Frau observieren sollte. (Leider muss ich dies in diesem abschließenden Bericht erwähnen, was sie verärgern wird. Doch ein jeder Fall muss ordentlich abgeschlossen werden. Ich will meinem Sohn ja kein schlechtes Vorbild sein, wenn sie verstehen.) Sie hatten vor einigen Jahren eine Affäre mit der Zielperson, die für sie beide sehr innig war. Doch trotz der scheinbaren Liebe zueinander, wurde die Affäre beendet, da Mrs. Miles nicht in der Lage war ihren Ehemann zu verlassen und auf Grund eines Versprechens, dass die Dame Gott gab: Sie wolle Sie in Ruhe lassen und nicht weiter mit der aussichtslosen Liaison quälen, wenn Sie die Bombe, die an ihrem letzten gemeinsamen Tag, ins Nachbarhaus stürzte, überleben würden. Nachdem sie lediglich ein paar Zähne verloren haben, hielt sich Mrs. Miles schweren Herzens an dieses Versprechen. Daraufhin trafen sie sich nicht mehr und die Affäre war beendet. Jahre später trafen sie Mr. Miles eines Nachts. Dieser schien Ihnen sehr aufgewühlt, weshalb Sie ihn ansprachen und mit zu ihm gingen um einen gemeinsamen Drink zu sich zu nehmen. Daraufhin schilderte der Ehemann, dass Mrs. Miles sich komisch verhalte und er sich sorgen um sie mache. Des Weiteren schilderte er Ihnen seine Angst seine Frau könne eine Liaison mit einem anderen Mann haben. Er nannte Ihnen unser Detektivbüro und sprach von der Idee seine Ehefrau beobachten zu lassen, bezeichnete diese Idee jedoch gleich als „phantastisch“ und sich selbst als „Narr“. Sie, Mr. Bendrix, gaben uns den Auftrag Mrs. Sarah Miles zu observieren und Hinweise auf eine Liebesaffäre zu finden. (Warum Sie dies taten, haben Sie mir niemals verraten, doch ich denke Sie liebten diese Frau immer noch und waren von Trauer, Hass und Eifersucht zerfressen. Ich hoffe Ihnen mit meinen Beobachtungen geholfen zu haben.) Nachdem ich nun, mit Hilfe meines Sohnes, mit dem Hausmädchen der Zielperson freundschaftlichen Kontakt aufgenommen habe, erfuhr ich, dass Mrs. Miles die Termine, die sie in ihren Terminkalender eintrug, nicht einhielt. Dies war ein sehr verdächtiges Verhalten. Außerdem besaß sie ein Tagebuch, das ich zu dieser Zeit noch nicht als Beweis vorzeigen konnte. Ich folgte der Zielperson und erfuhr, dass sie öfter zu Besuchen in die „Cedar Road Nr. 16“ zu einem gewissen Mr. Smythe ging. Dies war ein Hinweis auf eine mögliche Liaison mit dem genannten Herrn. Daraufhin besuchten Sie mit meinem Sohn unter einem Vorwand diesen Herrn. Leider konnten Sie keinerlei weiteren Informationen sammeln. Während Ihres Besuchs bekam ich aufgrund einer Cocktailparty Zutritt in das Haus der Eheleute Miles und zum Tagebuch der Zielperson, welches ich Ihnen als Beweisstück zukommen ließ. Mit Hilfe des Tagebuchs erfuhren Sie, dass Mrs. Miles im Laufe der Jahre lediglich ein bis zwei Affären gehabt hatte, die keinerlei Bedeutung für sie hatten und schon einige Zeit zurücklagen. Des Weiteren teilte Ihnen das Tagebuch mit, dass die Zielperson sie nie aufgehört hat zu lieben und weshalb ihr Affäre ein so schnelles und abruptes Endes erfahren hatte. Nach dieser Erfahrung beobachtete ich wie Sie, Mr. Bendrix, die Zielperson zu Hause besuchen wollten und ihr dann im strömenden Regen bis in eine dunkle Kirche folgten. Ich hörte wie sie sich eine gemeinsame Zukunft versprachen und Mrs. Miles sich entschloss ihren Ehemann zu verlassen. Danach warteten Sie mehrere Tage, bis Sarah sich erholt hatte und die gemeinsame Zukunft losgehen sollte. Dieser Anruf von ihr kam nie, dafür rief Mr. Miles an um Ihnen mitzuteilen, dass Mrs. Miles an ihrer schlimmen Erkältung verstarb. Um in ihrer beider großen Trauer nicht alleine zu sein, zogen sie schließlich zu Mr. Miles.

Dies ist der fertige Bericht Mr. Bendrix. Auf diesem Weg will ich Ihnen noch einmal mein Beileid ausdrücken. Ich weiß wie sehr Sie leiden und denken nie wieder lieben, sondern nur noch hassen zu können. Ich hoffe, dass Ihnen der Kontakt zu Mr. Miles aufzeigt, dass nicht nur Liebe lebenswert ist und dass man obwohl jemand gestorben ist, den man liebte, nicht verdammt ist zu hassen. Behalten Sie ihre Liebe in schöner Erinnerung und lassen Sie sie nicht zu Hass werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung A. Parkis“

Marieke Kastern, 2012

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