Louisa May Alcott: Das Erbe

Vorgestellt von Helena Mohamad

Um „Das Erbe“ von Louisa May Alcott zu schätzen zu wissen, ist etwas Hintergrundwissen nötig. Denn eigentlich hat das Erstlingswerk der Autorin, das erst in den 1980er Jahren entdeckt wurde, eher das Niveau eines Groschenromans: Die Figuren sind recht stereotyp und eindimensional, die Handlung recht kitschig und vorhersehbar.

Der Roman erzählt die Geschichte der Waisen Edith, die bei reichen Bekannten aufgenommen wird, die ihr aber nicht alle gut gesinnt sind. Edith verliebt sich in einen Freund der Familie, doch die Beziehung zu ihm ist nicht standesgemäß, da Ediths Herkunft ungewiss ist und sie daher keinen Lord heiraten darf. Wie die Geschichte doch noch zu ihrem Happy End kommt, soll hier nicht verraten werden. Doch dass es dazu kommt, ist bei diesem Roman keine große Überraschung (auch wenn die Art, wie es dazu kommt, doch recht überraschend ist).

Die Hauptfigur Edith scheint in jeder Hinsicht perfekt zu sein. Sie ist hübsch, talentiert und nett zu allen, wohingegen ihre Widersacherin Lady Ida bösartig und intrigant ist. Auch sprachlich bietet der Roman wenig bis gar nichts Besonderes.

Es handelt sich also ohne Zweifel nicht um ein Meisterwerk und hätte Louisa May Alcott nur solche Romane fabriziert, wäre sie den Lesern sicher nicht heute noch in Erinnerung. Dass man sich aber bis zum heutigen Tage an sie erinnert, liegt hauptsächlich an ihrem bekanntesten Werk „Little Women“, das die Geschichte der Familie March erzählt und stark autobiographisch geprägt ist. Dieser Roman handelt von den vier March-Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy und davon, wie sie zu der Zeit, zu der ihr Vater im Krieg ist, durchs Leben kommen und sich von Kindern langsam zu jungen Frauen entwickeln und ihre Fehler ablegen. Alcott, die selbst drei Schwestern hatte, wird hier in der Figur der Jo repräsentiert, denn genau wie Alcott selbst, träumt Jo davon Schriftstellerin zu werden und schreibt für ihre Schwestern oft abenteuerliche Geschichten und Theaterstücke, in denen auch häufig Lords und Ladys auftauchen und es viele Intrigen gibt. An dieser Stelle schließt sich der Kreis. Denn genau so eine Geschichte, wie sie die junge Jo bzw. die 17-jährige Louisa M. Alcott geschrieben hat, ist „Das Erbe“.

Dementsprechend finde ich es für Fans und Leser von „Little Women“ und von Louisa May Alcott durchaus interessant, dieses Buch zu lesen. Allerdings sollte man es mit einem gewissen Abstand betrachten und als das sehen, was es ist, nämlich das Erstlingswerk einer 17-Jährigen, das wohl nie veröffentlicht worden wäre, wenn die Autorin nicht später mit anderen (besseren) Romanen zu Berühmtheit gelangt wäre.

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code das_erbe (erstellt für aktuelle Seite)