Clive Barker: Das erste Buch des Blutes

Es gibt zwei gute Möglichkeiten, bei den Menschen Angst auszulösen: Eine ist es, an Urängste zu appellieren, Tod, Gewalt, Verlust des Verstandes … die Liste lässt sich fortsetzen. Die Zweite ist es, den Menschen mit einer Situation zu konfrontieren, die so bizarr und widernatürlich ist, dass sie weit über sein Verständnis hinausgeht. Einer guter Horrorautor sollte zumindest einen dieser Punkte beherrschen. Ein wirklich Guter beherrscht beide. Clive Barker ist wirklich gut.

»Das erste Buch des Blutes« ist ein Sammlung von sechs Kurzgeschichten, wovon die erste eine Art Prolog darstellt und auch dem Buch seinen Titel gibt. Die Geschichten sind völlig unterschiedlich und inhaltlich unabhängig, verbunden werden sie jedoch durch Barkers großartiges Erzähltalent, seine anschauliche und bildreiche Sprache und Charaktere, die er auf den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Seiten mit mehr Leben füllt als es so manch anderer Autor in einem ganzen Roman schafft.
Der Abstieg in Barkers Hölle beginnt mit »Das Buch des Blutes«, einer nur zwanzigseitigen Geschichte über einen Geisterbeschwörer, dessen falsches Spiel auffliegt, als er plötzlich wirklich heimgesucht wird. Es ist die kürzeste (alle anderen haben einen Umfang von etwa fünfzig Seiten) und die am wenigsten interessanteste Geschichte. Sie bietet jedoch einen guten Einstieg in Barkers Gedankenwelt und Stil und erklärt sich selbst auch als eine Art Hinführung zum Rest des Buches.
Was darauf folgt, ist eines der Highlights des Buches. In »Der Mitternachts-Fleischzug« erhält der Leser einen ganzen neuen Einblick in die Welt der New Yorker U-Bahn-Schächte (an sich schon spannend und unheimlich genug) und lernt die Gründerväter der Stadt kennen, die so gar nicht das sind, was man erwartet hätte. Diese Geschichte mit ihrer bizarren Auflösung erinnert ein wenig an die Werke von H. P. Lovecraft, der ebenfalls vermutete, dass hinter dem Vorhang der Realität etwas noch ganz anderes, älteres und unfassbares lauert.
»Das Geyatter und Jack« ist recht humorvolle Abwandlung des Poltergeist-Mythos. Ein Mann wird von einem Dämonen heimgesucht, der es natürlich auf seine Seele abgesehen hat. Der auf den ersten Blick etwas einfältige Gurkenimporteur ist sich jedoch der Anwesenheit seines ungebetenen Gastes gewahr und arbeitet fieberhaft daran, den Spieß umzudrehen…
Der »Schweineblut-Blues« beginnt mit der Anstellung eines Ex-Polizisten in einer Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Das merkwürdige Verschwinden eines der Jungen lässt ihn Nachforschungen anstellen, die ihn schließlich auf eine nahe Farm führen, zu einem nicht mehr ganz tierischen, riesigen Schwein…
»Sex, Tod und Starglanz« ist, abgesehen vom Prolog, die am wenigsten innovativste Geschichte. Die Mischung aus »Phantom der Oper« und einem Zombiefilm wirkt beim Lesen bereits wie ein billiger B-Movie. Was allerdings, sofern vom Autor beabsichtigt, wieder einmal dessen Genialität beweisen, geht es in der Geschichte doch gerade um schauspielerisch begrenzte Qualitäten.
Das Buch schließt mit der einfach großartigen Geschichte »Im Bergland: Agonie der Städte«. Inhaltlich recht einfach gestrickt, macht diese Geschichte durch ihre abgefahrene Idee auf sich aufmerksam: Im abgelegenen Bergland von Jugoslawien führen zwei Städte alle zehn Jahre einen Wettkampf durch. Jede Stadt baut, unter Zuhilfenahme von Seilen und Riemen, aus ihren dreißigtausend Einwohnern einen gigantischen, künstlichen Menschen. Diese beiden Giganten treten dann Gegeneinander in einem Wettstreit an. Dieses Mal jedoch ist die Konstruktion eines der beiden Riesen nicht ganz perfekt und es kommt zur Katastrophe.

Barker (der im übrigen auch Theaterstücke und Kinderbücher schreibt, um dem Schubladendenken gleich schon einmal einen Riegel vorzuschieben) erschafft für uns eine düstere, intensive Welt, der man sich nicht entziehen kann und deren Bildhaftigkeit so eindringlich ist, dass man sie nicht mehr vergisst. Ich hatte das Buch sicherlich seit zehn Jahren nicht mehr gelesen, trotzdem reichte es, nur die Titel der Geschichten anzusehen und sofort wurden die Bilder wieder lebendig. Und trotzdem hatte das Buch auch bei der zweiten Lektüre nichts von seiner Faszination verloren.


Dennis Cunow

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