Doris Lessing: Das fünfte Kind

Vorgestellt von Julia Käding

„Oh wie süß!!!!“ „Schau mal die kleinen Fingerchen“ „Ach Gott, an der Mütze sind ja kleine Bären-Ohren…!!!!!

Zugegeben: Babys sind niedlich. Sie sind verletzlich und unschuldig; sie bringen uns vor Rührung zum Weinen, wir könnten sie den ganzen lieben langen Tag lang hätscheln und tätscheln und dabei irgendwelche Utschigutschi-Laute von uns geben…

Auch Harriet und David kennen diese Emotionen, schließlich haben sie vier wahrhaftige Wonneproppen gezeugt; „denn sie hatten die Absicht, viele Kinder zu bekommen“. Sie verkörpern den Traum vieler Paare, ein eigenes Haus, finanzielle Sicherheit, ein scheinbar selbstbestimmtes Leben… Aber dann wird Ben geboren, das fünfte Kind. „Er war kein schönes Baby. Genauer gesagt, er sah überhaupt nicht wie ein Baby aus.“ Keine kleinen süßen Fingerchen, keine Utschigutschi-Laute… Und auch Mützchen mit Öhrchen täuschen nicht über das Problem hinweg: Ben verkörpert das Abnormale, das Böse, er ist ein zerstörerisches Element, an dem die Familie zu zerbrechen droht. Ein wütend kreischender Gnom, ein tyrannisches Monster, ein Primitiver in einer zivilisierten Welt, in der er keinen Platz findet (weil es keinen Platz für ihn gibt?!). Die Folgen sind fatal: Das Kind wird isoliert, eine Isolation in die rasch die gesamte Familie gerät. Aber halt: mehr soll zum Inhalt nicht verraten werden.

Denn Doris Lessing hat ein Buch geschrieben, das sich wie ein Krimi liest. Bens Entwicklung zieht den Leser in den Bann, mit Spannung verfolgt er jeden Schritt des Kindes und derjenigen, deren Leben mehr und mehr aus den Fugen gerät. Lessing stellt äußerst beeindruckend dar, was für ein fragiles Gebilde der Mikrokosmos Familie doch ist: Werden die Konventionen und Erwartungen nicht erfüllt, so ist das Scheitern zwangsläufig vorprogrammiert. Ein vermeintlich schwarzes Schaf bringt die gesamte Herde in den Verruf…

Doch nicht der reine Unterhaltungswert macht das Buch zu etwas Besonderem. Was viel wichtiger ist, dass die Frage nach dem Dunklen und Abgründigen in der menschlichen Natur zur Selbstreflexion zwingt. Wer das Werk nicht nur unter einer rein literaturwissenschaflichen Fragestellung betrachtet, sondern auch philosophische, soziologische und anthropologische Aspekte bedenkt, wird noch über das eigentliche Lektüreerlebnis hinaus nachhaltig gefesselt sein. Übrigens nicht nur Frauen, nein, auch Männer dürfen durchaus zur Lessing-Lektüre greifen. (Auch wenn sie es gewagt hat den männlichen Literatur-Ikonen John Updike und Philip Roth den Nobelpreis vor der Nase wegzuschnappen).

Dennoch stellt sich der künftigen Buchhändlerin ein Problem: Lessing lässt sich schwer verkaufen. Wer sich durch das „Goldene Notizbuch“ oder jüngst „Die Kluft“ gequält hat, der wird den Unterhaltungswert des hier empfohlenen Werkes anzweifeln. Da muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, die sich jedoch lohnt. Trotzdem muss ich an dieser Stelle eine Warnung aussprechen: Schwangere sollten „Das fünfte Kind“ nicht lesen, das könnte zu pränatalen Ängsten führen. Ich empfehle vielmehr ein Abo der Zeitschrift „Eltern“!


Julia Käding

Oktober 2008


Vorgestellt von Sabrina Graf

In diesem Roman inszeniert Doris Lessing eine zunächst idyllisch anmutende, harmonische Familienromantik. Harriet und David, zwei Einzelgänger ohne Ambitionen sich gesellschaftlich zu integrieren oder Kontakte mit anderen Menschen ihres Alters zu suchen, finden auf einer Party zueinander und entdecken ihre Gleichartigkeit. Sie beide halten fest an christliche Werte und legen keinen Wert auf eine hedonistische Lebensweise. Sie möchten etwas anderes: ein trautes Heim, einen treuen Ehepartner und Kinder - viele Kinder.

Sie verwirklichen ihren Traum und beziehen alsbald ein großes Haus mit Garten und viel Platz für Nachwuchs. Ihre Eltern jedoch sind nicht begeistert und kritisieren die Pläne, fast schockiert sind sie über die Ausmaße der neuen Behausung und befürchten unüberlegtes, voreiliges Handeln der frisch Vermälten. Diese Kritik ungeachtet, schwängert David seine Gattin noch in der Hochzeitsnacht. Das erste Kind ist ein Segen. Harriet und David genießen ihr Glück und wollen dieses mit ihren Angehörigen teilen. Platz genug gibt es.Von nun an veranstaltet das Paar in ihrem Hause behagliche Familienfeste, die sich über Wochen hinziehen. Jedes Jahr treffen sich hier die Familien der Eheleute zu Ostern und an Weihnachten und verbringen viel Zeit miteinander, mit üppigen, leckeren Speisen - und immer mehr Kindern.

Allmälich nehmen diese Festlichkeiten ausufernde Dimensionen an. Selbst entfernteste Verwandte kommen und quartieren sich für mehrere Wochen bei ihnen samt Kind und Kegel ein. Alle fühlen sich dort so wohl. Für die meisten ist der Urlaub bei David und Harriet die schönste Zeit des Jahres. Allerdings kosten David und Harriet diese Gelegenheiten viel Geld und Kraft und auch die Kinder, mittlerweile 4 an der Zahl, möchten versorgt werden. Harriet zeigt erste Anzeichen von Überforderung und Erschöpfung. Mit der fünften Schwangerschaft jedoch wird alles noch schlimmer. Schon im Mutterleib quält Ben Harriet, er tritt, wächst ungewöhnlich schnell und viel, er zerrt an ihren Kräften. Die Geburt ist die Hölle.

Ben ist anders als seine Geschwister, nicht so süß, niedlich und folgsam, auch bereitet er seinen Eltern keine Freude. Er ist hässlich, dick unzugänglich und aggressiv. Harriet ist besorgt, sie fürchtet sich vor diesem Wesen und sie beginnt zu glauben, dass Ben kein normaler Mensch ist sondern ein Subjekt welches unmöglich von dieser Welt sein kann, eine Vorstufe in der Evolution des Menschen. Nach und nach reisen immer weniger Verwandte zu den für sie so wichtig gewordenen Festen. Sie beginnen sich vor diesem schrecklichen Kind zu ängstigen und nach einem Zwischenfall mit einem anderen Kind kommt niemand mehr - außer der Mutter Harriets, die mittlerweile die Pflege und Betreuung der übrigen Kinder übernommen hat. Harriet ist entkräftet, David arbeitet immer mehr, bleibt immer länger von zu Hause weg, während Ben immer unheimlicher wird. Er benimmt sich auffällig in der Schule, schlägt und ärgert andere Kinder. Später dann stellt er eine Art Maskotchen einer Jugendgang dar, die einzigen Menschen mit denen er gerne Zeit verbringt sind diese Bengel. Er bringt diese Rüpel sogar mit ins Haus, diese besetzen das Wohnzimmer und verschmutzen das gesamte Heim. Harriets und Davids Traum ist zum Albtraum geworden. Die Familienromantik zerbrochen und alles nur wegen des fünften Kindes. Ben.

Doris Lessing entwickelt in diesem Buch eine Art Antiutopie eines hübsch konservativen Familienidylls. Sie zeigt auf, wie leicht eine aufwendig inszenierte Welt zusammenbrechen kann, auf Grund eines einzigen Faktors. Es könnte aber auch als Kritik an traditionelle, konservative Lebensformen und Überzeugungen verstanden werden. Doris Lessing trug mit ihren Werken zur Emanzipation der Frau bei, zum Beispiel mit ihrem unkonventionellem Roman 'Das goldene Notizbuch'. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Literaturnobelpreis im Jahre 2007.

In 'Das fünfte Kind' stellt Harriet genau das Gegenteil einer modernen, emanzipierten Frau dar. Sie ist eine aus konservativer Sicht vorbildliche Frau, die ihren naturgegebenen Pflichten nachkommt, eine gute, fleißige Hausfrau und Mutter eben. Doris Lessing nagt an diesem Frauenbild und versucht in einigen ihrer Werke Alternativen aufzuzeigen. Sie wird von vielen als wichtige Schriftstellerin des Feminismus angesehen. Sie schreibt über Unabhängigkeit, Freiheit und Emanzipation der Frau, all das was man bei Harriet vergebens zu finden sucht.

Sabrina Graf, 2009

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