Ogawa, Yoko: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Vorgestellt von Simone Möbius

Ein Professor.
Ein Professor, der allein in einem kleinen Gartenhäuschen lebt.
Der keine Professur mehr hat.
Keine Frau, keine Kinder, keine Freunde.
Keine Freizeit, keine Arbeit. Keine Hobbies.
Kein Langzeitgedächtnis - seine Erinnerung währt 20 Minuten, dann ist alles wieder vergessen.

Eine traurige Figur?
Der Professor lebt in seiner eigenen Welt, die Welt der Zahlen.
Vor jenem Unfall, der ihn endgültig in sein Gartenhäuschen verbannte und ihn zwingt alles was länger als 20 Minuten im Gedächtnis bleiben muss schriftlich festzuhalten, war er ein angesehener Professor der Mathematik und auch jetzt noch machen Zahlen seine Alltagswelt. Doch diese Welt bekommt Zuwachs: Eine Haushälterin.
Eine neue Haushälterin sollte hier betont werden, die Neunte genaugenommen. Sie tritt die Stelle an um sich und ihren Sohn zu ernähren und sie bleibt. Trotz der besonderen Umstände des Professor und den strengen Regeln seiner Schwägerin. Es gelingt ihr Zugang in die Welt des Professors zu bekommen - durch die Tür der Mathematik.

Zahlen allgemein und höhere Mathematik insbesondere gehören eigentlich genauso wenig zum Leben der neunten Haushälterin, wie zu dem vieler Literaten. Aber Yoko Ogawa lässt sie durch die Stimme des Professors lebendig werden, erklärt sie, nimmt ihnen alles an trockener Langeweile und lässt sie Verbindungen zwischen Menschen schaffen.

Obwohl sie sich jeden Morgen aufs neue Vorstellen muss, gelingt es der Haushälterin das Vertrauen des Professors zu gewinnen. Sie entwickelt eine gewisse Zuneigung zu dem zerstreutem Genie mit den gelben Post-Its auf dem braunen Anzug und findet ihn ihm einen geduligen Freund und Lehrer für ihren Sohn.
Bis zu einer folgeschweren Entscheidung: Der Entschluss dem Professor etwas Gutes zu tun. Denn ausgerechnet aus dieser Motivition heraus werden Ereignisse in Gang gesetzt, die drohen die zerbrechliche Zahlenwelt der Drei einzustürzen.

Die vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete Yoko Ogawa lässt ihre Geschichte über Freundschaft und Zahlen scheinbar einfach so zu Ende gehen. Doch nicht lange nach der Lektüre beginnt sie nachzuwirken. Trotz all der zentralen Rolle der Mathematik und der etwas grausam anmutenden Wendung durch das gute Herz, bewegt sie Verstand und Herz gleichermaßen.
Die Autorin aus Okayama nutzt ein gerade für westliche Leser ebenso faszinierenden wie alten Aspekt japanischer Mentalität. Sie beschreibt in eleganter Sprache (die Ursula Gräfe in ihrer Übersetzung zu bewahren versteht) wie zerbrechlich unsere Welt sein kann und die Stärke, die dieser Vergänglichkeit innewohnt.
Das Geheimnis der Eulerschen Formel erwirkt nicht nur einen neuen Blick auf Mathematik, sondern auch auf Freundschaft und erinnert worauf es im Leben wirklich ankommt. Ein Werk mit Klassikerwert, sprachlich und inhaltlich ein Schatz der Bücherregal, Herz und Geist bereichert.

Simone Möbius, 23.02.2014

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code das_geheimnis_der_eulerschen_formel (erstellt für aktuelle Seite)