Isabel Allende: Das Geisterhaus

Esteban Trueba, ein armer Sohn aus gutem Hause, verliebt sich in Rosa, die Tochter von Nivea und Severo Del Valle. Da Rosa jedoch von Unbekannten vergiftet wird, bleibt er erst Mal allein und zieht auf das alte völlig heruntergekommene Gut die drei Marien. Nach und nach baut er es zu einem gut laufenden Gehöft auf. Er versorgt die Bauern mit dem Allernötigsten und leitet sie zur Arbeit an. Er bestellt die Felder, pflanzt Früchte und hält Tiere. Für die Kinder gibt es bald sogar eine Schule und für die Frauen eine Schneiderei und für die Kranken eine Krankenstation. Unter dem arbeitenden Volk ist er als cholerischer Patriarch bekannt, der schlecht bezahlt, hart durchgreift und die Armen nicht als gleichwertige Menschen schätzt sondern sie gering achtet und glaubt, dass sie ohne ihn nichts zu Stande brächten und dass sie ihm zu Dank verpflichtet sind. Er vergewaltigt die Frauen, zeugt so mehrere Kinder, die er nicht als die Seinen annimmt. Unterdessen wächst Rosas sonderbare jüngste Schwester Clara behütet in der Stadt auf. Sie ist seit Rosas Tod stumm und hat die seltene Gabe mit Geistern zu kommunizieren und hellsehen zu können. Erst nach vielen Jahren spricht sie wieder ein Wort, als sie verkündet, sie werde bald heiraten und zwar Esteban Trueba. Nach der Hochzeit verbringen Clara und Esteban abwechselnd den Sommer auf den drei Marien und den Winter in einem neu gebauten Eckhaus in der Stadt. Clara spricht jetzt wieder. Sie bringen zuerst eine Tochter, die sie Blanca nennen zur Welt und später die Zwillinge Jaime und Nicholas. Esteban holt seine Schwester Ferula auf das Gut, diese übernimmt den Haushalt, weil Clara in diesen Dingen nicht sehr bewandert ist. Zwischen Clara und Ferula entsteht eine tiefe Freundschaft, auf die Esteban bald eifersüchtig ist. Schließlich verbietet er seiner Schwester, weiter auf dem Gut zu leben. Sie zieht zurück in die Stadt und stirbt einige Jahre später. Seit Kindertagen spielt Blanca mit Pedro Tercero Garcia, dem Sohn des Gutverwalters und Bauern Segundo Garcia. Dieser wiederum ist Esteban Trueba treu ergeben. Als Pedro Tercero und Blanca älter werden, verlieben sich die beiden ineinander, wohlwissend, dass ihre Liebe, wegen ihrer Herkunft aus zwei unterschiedlichen Ständen, keine Chance hat. Sie treffen sich deshalb immer heimlich nachts unten am Fluss. Pedro Tercero träumt davon die Bedingungen der Bauern auf den Drei Marien zu verbessern. Er ist Anhänger der sozialistischen Partei und verteilt Handzettel auf dem Gut, die die Bauern zum Handeln herausfordern. Esteban Trueba vertreibt ihn daraufhin von seinem Anwesen und droht ihm, ihn zu erschießen, sollte er sich wieder zurücktrauen. Blanca und er treffen sich trotzdem weiterhin. Eines Tages taucht der elgante adelige Franzose Jean de Satigny auf dem Gut auf. Er baut zusammen mit Trueba eine Chinchilla Zucht auf und versucht sein Glück bei dessen Tochter, die ihn aber abweist. Der Adelige entdeckt Blanca und Pedro Tercero bald darauf unten am Fluß an ihrem heimlichen Treffpunkt und erzählt dies Trueba. Esteban sucht seine Tochter und schlägt mit der Peitsche auf sie ein. Nachdem er sie zu sich ins Haus gebracht hat, wagt Clara es ,ihm zu sagen, dass auch er mit ledigen jungen Frauen geschlafen hat, die nicht seiner Klasse angehören und dass der einzige Unterschied der sei, dass Pedro Tercero und Blanca sich lieben. Daraufhin schlägt der Patron seiner Frau mit der Faust die Zähne aus. Clara zieht mit ihrer Tochter Blanca nach Santiago ins große Eckhaus und redet von nun an nie mehr mit ihrem Mann.

Esteban Trueba sucht den Freund seiner Tochter, um sich dafür zu rächen, dass er Blanca die Unschuld genommen hat. Es kommt zu einem Duell in einer Scheune bei dem Esteban drei Finger von Pedro Tercero mit der Axt abhaut. Der Verwundete kann aber fliehen. Bald ist Blanca von Pedro Tercero schwanger. Als Esteban davon erfährt, arrangiert er die Hochzeit von Blanca und Jean de Satigny, damit Blanca nicht die Schande zu Teil wird, in wilder Ehe gelebt zu haben. Nach der Hochzeit lebt Blanca mit Jean de Satigny eine Weile zusammen, bis sie erfährt, dass ihr Mann von den Bediensteten nachts in ihrem Haus pornographische Fotos macht. Sie flieht dann in das große Eckhaus der Truebas und bringt dort ihre Tochter Alba zur Welt. Bald darauf engagiert Esteban sich politisch und wird Senator der rechten Partei und kommt so zu größerem Einfluss. Claras Söhne Jaime und Nicholas, die ihre Kindheit in einem englischen Internat verbracht haben, sind inzwischen erwachsen und leben wieder mit im Haus. Jaime ist Arzt geworden und hat sich zum Ziel gesetzt den Armen zu helfen, so aufopfernd und umfassend, wie ihm das möglich ist. Nicholas betreibt spiritistische Studien und gründet eine Gesellschafft, die den Weg zur Erleuchtung sucht Schließlich zieht er nach Nordamerika. Alba wächst in dem skurrilen und kunterbunten Eckhaus auf, dass bevölkert wird von den drei spirituellen Geschwistern Mora, bekannten und erfolglosen Dichtern, ihren beiden Onkeln und allerhand Geistern. Sie ist die einzige die ein gutes Verhältnis zu ihrem Großvater Esteban hat.

Als Alba sieben Jahre alt ist, stirbt Clara. Esteban ist seither noch einsamer. Manchmal erscheint ihm der Geist Claras. Blanca trifft sich seit dem Auszug aus dem Haus ihres Mannes wieder mit Pedro Tercero. Als Alba 18 ist, verliebt sie sich in den Revolutionär Miguel, den sie Esteban verschweigt, wie ihre Mutter es früher auch gemacht hat. Im Keller des Hauses richten sie sich ein gemeinsames Liebesnest her. Bald ändert sich die politische Lage und die Sozialisten kommen bei den nächsten Wahlen an die Macht. Esteban Trueba verliert die drei Marien, weil das Landgut verstaatlicht wird. Pedro Tercero übernimmt ein politisches Amt in der Hauptstadt und Alba hilft bei ihrem Bruder Jaime im Krankenhaus mit. Die Familie ist in ihrem politischen Weltbild zusehends gespalten. Jaime ist für den Sozialismus aber Esteban hält weiter an den Rechten fest. Deswegen unterstützt er auch einen Putsch des Militärs. Der sozialistische Präsident wird umgebracht und es entsteht nun eine brutale Diktatur. Bald kann auch Esteban die Augen vor dem Verschleppen verdächtiger Personen und der Folter im Land nicht mehr verschließen und beginnt langsam umzudenken. Blanca gesteht ihm, dass sie Pedro Tercero seit Monaten im Haus versteckt hält und bittet ihn um Hilfe. Mit Estebans Hilfe gelangen Blanca und ihr Freund außer Landes. Danach beginnt Alba ihrerseits gesuchte Personen im großen Eckhaus zu verstecken, über den Verbleib Miguels, der sich dem bewaffneten Kampf gegen das Regime angechlossenen hat, weiß sie nichts. Bald wird Alba in ein Konzentrationslager gebracht und dort vergewaltigt und gefoltert. Esteban gelingt es schließlich mit Hilfe alter Kontakte, Alba zu befreien. Alba beginnt anhand der Tagebücher Claras und Blancas Briefe die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben. Bald darauf stirbt Esteban.

Die Geschichte wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Zunächst ist da die Sicht der Enkelin Alba und außerdem die Sicht von Esteban Trueba, dem erzkonservativen Patriarchen, ihrem Großvater. Dass Alba es ist, die die Geschichte ihrer Familie mit der Hilfe von Tagebuchaufzeichnungen und anderen Dokumenten aufschreibt, erfährt man erst am Schluss des Buches. Sie ist ein allwissender Erzähler, da sie Vorkommnisse beschreibt, die noch vor ihrer Geburt liegen.

In dem Buch wird die Feinfühligkeit, der Autorin deutlich, wenn sie ihre Protagonisten tief empfundene Gefühle und Erlebnisse darstellen lässt, die davon zeugen, wie gut die Autorin sich in ihre Figuren hineinfühlen kann. Oft gibt es gerade bei den Nebenfiguren, wie dem Onkel Marcos und Blancas Bruder Nicholas und Erzählungen in denen Geister vorkommen, skurrile Szenen und Anekdoten, die mit viel Phantasie ausformuliert sind. Auch schwarzer Humor ist mitunter zu finden. Manchmal werden zukünftige Ereignisse vorweggenommen und Andeutungen auf die Zukunft gemacht, die man in ihrer Ganzheit noch nicht verstehen kann. Diese Andeutungen machen neugierig auf den Verlauf der Geschichte, wirken teilweise aber auch irritierend, da der Sinn zu diesem Zeitpunkt nicht komplett erfasst werden kann.

Das Tolle an dem Buch ist die Fülle an Themen und der Umfang der Geschichte. Es wird die Geschichte einer Familie über vier Generationen detailreich dargestellt. Einige Personen wie Esteban Trueba, Clara und Alba werden genau charakterisiert und in vielen verschiedenen Situationen wird ihr Verhalten und ihre Gefühle geschildert; und das immer glaubhaft, oft bildlich und spannend. Es werden sehr viele verschiedene Themen berührt, wie Emanzipation der Frauenfiguren, Esoterik, Kommunikation mit Geistern, soziales Engagement, politisches Engagement, Familienstrukturen, wie Familienleben aussehen kann, die Geschichte Chiles, Revolution, politischer Machtkampf, Abhängigkeit von Männern, Liebe, Umgang mit Geld und Besitz, Armut, verschiedene Gesellschaftsklassen, Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern, Machtstrukturen in der Familie und auf dem Landgut, zwischen dem Patriarch und den Bauern. Jaime, Blancas Bruder war der Charakter, der mich am meisten fasziniert hat. Er hat ein ausgesprochenes soziales Empfinden. Er will beruflich nicht hoch hinaus, sondern hilft als Arzt aufopferungsvoll in einem Krankenhaus den Armen und Kranken. Er ist ehrlich und sehr korrekt. Man nimmt ihm ab, dass er selbstlos und von ganzem Herzen den Armen hilft. Auch für seine Familie ist er immer da. Er hat ein sehr enges Verhältnis zu seiner Nichte Alba und hilft auch Blanca wo er kann. Toll fand ich auch die Gegenüberstellung zweier so unterschiedlicher Brüder wie Jaime und Nicholas. Nicholas ist interessiert an Esoterik. Er gründet eine esoterisch angehauchte Gruppe und bringt Alba schon als sie noch klein ist bei, wie man so lange wie möglich Schmerzen ertragen kann. Er ist ein ausgeflippter Charakterkopf, der immer wieder neue Projekte am Laufen hat zum Beispiel die Gründung einer Hühnerfarm. Einmal wagt er sich fast nackt mit seinen Anhängern vor den konservativen Regierungspalast, in dem sein Vater arbeitet und schockt diesen so. Diese immer wieder eingestreuten skurrilen Einzelheiten machen die Geschichte lebendig. Durch Claras Kommunikation mit Geistern und ihre Hellsichtigkeit ist es irgendwie auch eine phantastische Geschichte.

Nicht so gut gefallen hat mir an dem Buch, dass am Anfang als die Geschichten, die sich um Claras Onkel Marcos drehen, geschildert werden, das Buch etwas langatmig ist und man nur schwer in die Geschichte hineinkommt.

Das Buch beschreibt starke Frauenfiguren. Blanca, die dafür kämpft mit ihrem Freund zusammen zu sein und sich ihrem Vater nicht unterordnen will. Clara, die irgendwann nicht mehr mit Esteban spricht, nachdem er sie geschlagen hat und auch Alba die politisch Verfolgte zu Hause versteckt. Trotzdem sind die Frauen doch immer nur zu Hause und die Männer sind die, die politisch aktiv sind und arbeiten. Die einzige von Männern unabhängige und erfolgreiche Frau im Roman ist die ehemalige Prostituierte Transito Soto, die später großen gesellschaftlichen Einfluss hat und Alba für Esteban aus dem Gefängnis holt. Die Tatsache, dass die Frauen nicht arbeiten, sondern die Männer, hätte man auch noch etwas anders darstellen können, wenn man denn einen feministischen Ansatz verfolgen möchte. Trotzdem denke ich, dass Isabel Allende solch einen Ansatz hatte, denn sie selber ist Feministin. Sie gründete in Chile die damals einzige feministische Frauenzeitschrift. Sie sagte in einem Interview, dass sie in dem Thema Feminismus eher den gemeinsamen Kampf von Männern und Frauen für eine bessere Welt sieht, als den Kampf der Frau gegen den Mann. Weiterhin fällt auf, dass die Frauen in dem Buch alle kreative Fähigkeiten haben. Alba und Clara schreiben, Blanca macht Krippenfiguren aus Ton, die reißenden Absatz finden und Rosa stickt Phantasietiere in eine große Decke.

Ein weiteres Anliegen des Romans ist der politische Aspekt, der im letzten Drittel des Buchs eingehend beschrieben wird. Die Autorin hat selbst die Zeit des Militärputsches und die Amtszeit von Präsident Allende miterlebt. Sie hat eine besondere Nähe dazu, da Salvador Allende ihr Onkel ist. Zwar nimmt die Beschreibung dieser politischen Ereignisse im Vergleich zu dem Umfang des Werks nur einen geringen Teil ein, ist jedoch trotzdem wichtig für das Buch. Der Leser liest nicht nur eine spannende Familiengeschichte, sondern erhält dazu noch einen Einblick in die Geschichte Chiles. Das Buch verbindet beides elegant miteinander: Geschichtsvermittlung und Romanhandlung. Das Leid der Bevölkerung und die politischen Umstände werden glaubhaft geschildert. Durch die Rollen der fiktiven Personen Jaime, Esteban Trueba, Alba und Blanca und durch die Schilderung von sich historisch vermutlich nah an der Wahrheit befindenden Geschehnissen vermischt sich Fiktion und Realität. Aber ein Roman kann natürlich keine wirkliche politische Aufklärung leisten. So macht dieser Romanabschnitt neugierig auf die wahren Geschehnisse und verleitet dazu einmal ein Geschichtsbuch in die Hand zu nehmen und sich genauer in Chiles Geschichte einzulesen. Dem Bildungsauftrag dem man solch einem literarisches Buch ja auch zurechnen könnte, wäre damit Genüge getan.

Obwohl Lateinamerikanische Literatur mein liebstes Lesegebiet ist, habe ich die Lektüre dieses sicher zu den bekanntesten zeitgenössischen südamerikanischen Werken gehörenden Buches lange hinausgezögert zugunsten von weniger berühmten, kleineren Werken die eher abseits des Mainstreams liegen. Also ging ich mit eher wenig Interesse an das Buch und war überrascht wie es mich zu fesseln vermochte und was ich darin alles entdecken konnte

(Heike Völkner, 2013)

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